Von Elenora Bolter: Vertreibung, Neuanfang und Wiedersehen mit Jägerndorf image
„Mutti, sind Deutsche schlechter als andere Menschen?“

50 Jahre nach der Vertreibung

Tatsachenbericht von Eleonora Bolter, geborene Schwella

(Die Karten und Farbfotos sind Beifügungen von Lorenz Loserth)




Inhaltsverzeichnis
  1. Die Kindheit 
  2. Vertreibung aus der Wohnung - Türmitzer Lager 
  3. Das gefürchtete Troppauer Lager  
  4. Im Hause des Geschäftsmannes Slovaček  
  5. Das Aussiedlerlager am Burgberg 
  6. Der Transport in Viehwaggons 
  7. Einweisung der Vertriebenen: Endsee 
  8. Schulzeit in Ansbach/Mfr. 
  9. Die Familie ist vereint - Nürnberg  
  10. Eine neue Existenz wird aufgebaut 
  11. Wiedersehen mit der Geburtsstadt Jägerndorf 
  12. Schlußbemerkungen 


Die Kindheit

Das Erinnerungsvermögen an meine frühe Kindheit geht in etwa bis zu meinem 4. Lebensjahr zurück. Die damalige Zeit kann man nicht gerade als „rosig“ bezeichnen, doch bestanden be­rechtigte Hoffnun­gen auf eine bessere Zukunft. Ich wurde 1934 in Jägerndorf (Ostsu­deten­land) geboren. Da meine Eltern noch sehr jung und beide berufs­tätig waren, verbrachte ich die Jahre bis zum Schuleintritt meist bei fremden Menschen. Wäh­rend meiner ersten zwei Lebens­jahre hatte es meine Mutter besonders schwer. Schon morgens kurz nach 5.00 Uhr mußte sie mich aus dem Schlaf reißen, in den Kinder­wagen packen und zur Krippe bringen, wo ich wieder in ein Bett gelegt wurde und weiter­schlafen konnte. Nach der Arbeit holte mich Mutter wieder ab. Daß sie diesen Weg jeweils zu Fuß zurücklegen mußte, versteht sich von selbst. Zur damaligen Zeit gab es, ins­be­sondere in kleineren Orten, noch kein ausge­bautes Verkehrs­netz. Kilometerweite Fußmärsche zu den Arbeits­stätten, zur Schule oder zu Besuchen bei Verwandten und Bekannten waren an der Tagesordnung. Glücklich schätzte sich derjenige, der ein Fahrrad sein eigen nannte. Über Autos verfüg­ten in der Regel nur höher­gestellte Persönlichkeiten sowie Ärzte und Geschäfts­leute.

Eine intensivere Erinnerung habe ich an all die sogenannten Tages­­mütter, denen ich bis zu meinem 6. Lebensjahr anvertraut und eben­falls schon morgens in aller Frühe übergeben wurde. Offen­­sicht­lich war es für meine Mutter nicht immer einfach, ge­eignete und willige Men­schen zu finden, die bereit waren, Ver­ant­wortung für ein fremdes Kind zu übernehmen, auch wenn sie dafür entlohnt wurden. Mehrmals mußte ich mich an andere Auf­passer und an eine neue Umgebung ge­wöhnen. In besonderer Erinnerung sind mir die beiden armen alten Menschen geblieben, die mich über einen langen Zeit­raum hin­weg betreuten. Sie hausten in einem einzigen Stübchen, das von der Straße aus zu betreten war. Es roch immer nach Petroleum, denn elek­trischen Strom gab es in dieser Behausung nicht. Manch­mal wurde sogar die­ses trübe Licht ge­löscht, denn man mußte sparen. Meine An­wesen­heit brachte den Leuten ein kleines Zubrot. Es war ein sehr bescheidenes Dasein, aber ich wurde gut behandelt.

Langeweile kam bei mir nie auf, auch wenn die Er­wachse­nen sich nicht mit mir be­schäftigten. Als Kind jener Zeit hatte ich kaum An­sprüche. Ich war mit dem zufrieden, was ich erhielt. Damals mäkelte man weder am Essen noch an den Spiel­sachen herum. Ein Kind war froh, wenn es überhaupt etwas be­kam. Ich beschäftigte mich mit meinem Kreisel, den ich immer wieder tanzen ließ, mit Mal­büchern, Ausschneide­puppen, Bausteinen und der­glei­chen. Obwohl meine ersten Kind­heits­jahre in großer Be­scheiden­heit verliefen, habe ich nichts vermißt und ich denke gerne daran zurück.

Ich war kein Musterkind. Trotzreaktionen und Ungehorsam brach­ten meine Hüter manchmal zur Verzweiflung. Meine kind­­lichen Wün­­sche allerdings hielten sich in Grenzen, dafür hatte meine Mutter, die als Waise in einem Heim aufgewachsen war, durch Über­zeugungs­arbeit gesorgt.

Selbstverständlich waren die Tage, an denen die Eltern Zeit hatten, für mich die schönsten. Vater wanderte gerne und so blieb es nicht aus, daß wir am Sonntag kilometerweite Mär­sche in die nähere und weitere Umgebung unternahmen. Ich mar­schierte tapfer mit, denn am Ziel lockte in der Regel eine frische Limo­nade, manchmal auch ein Eis.

Durch meine ständigen Aufenthalte bei fremden Menschen hatte ich jegliche Scheu verloren und lief mit jedem mit, der mich an­sprach - sehr zur Sorge meiner Mutter. Als Mutter einmal mit Einkäufen be­schäftigt war und ich vor dem Laden wartete, muß ich durch mein kindliches und immer gewinnen­des Lächeln wohl einen gewissen Ein­druck auf eine vornehme Dame gemacht haben, denn ich wurde wieder einmal zum Mit­kommen aufgefor­dert, diesmal aller­dings erst, nachdem meine Mutter gefragt worden war und sie eingewilligt hatte. Es han­del­te sich um ein in der Nähe der Niko­laus­straße wohnendes Paar, dessen Ehe kinder­los geblieben war. Der Gatte, ein mit Tuchen handelnder Ge­schäfts­­mann, hatte offensichtlich nichts gegen meinen Besuch in seinem Hause. Im Gegenteil, meine Mutter wurde häufig gebeten, mich ihnen doch für einige Tage zu überlassen. Da es sich um begüterte Geschäfts­leute handelte, wurde ich mit gutem Essen und kleinen Geschenken verwöhnt. Sie kleideten mich ihrem Ge­schmack ent­sprechend ein, spielten mit mir und behandelten mich wie ihr eigenes Kind. Da mir sogar ein eigenes Zimmer zur Ver­fügung stand, was ich zu Hause nicht hatte, freute ich mich über jede Einladung zum längeren Verbleib. Der Herr des Hauses unter­­breitete - trotz meines damals noch kindlichen Alters - meiner Mutter das An­ge­bot, mich später in seinem Betrieb aus­bilden und dort ar­beiten zu lassen. Für meine berufliche Zukunft war also bereits gesorgt, als ich noch nicht einmal die Schule be­such­te. Ob ich dieses Angebot letzt­endlich angenommen hätte, bleibt dahin­ge­stellt. Meine Ambitionen liefen - wie sich später herausstellte - in eine andere Richtung.

Doch es kam alles anders. Die Zeiten änderten sich, der Krieg brach aus. Die Zukunftsträume der meisten Menschen zer­rannen im Nichts.
Der Tag meiner Einschulung rückte näher. Mein Vater hatte sich in der Zwischenzeit beruflich und finanziell verbessern kön­nen, so daß meine Mutter zum Zeitpunkt meines Schul­ein­tritts ihre Arbeit auf­gab. Von Stund an stand ich unter ihrer Ob­hut. Ihre eigene Kindheit im Waisen­haus hatte sie geprägt. Sie war streng und ohne große Zuwen­dungen erzogen worden. Nur das, was ihr als Kind an Liebe zuteil geworden war, ver­mochte sie an ihre Kinder weiterzugeben. Dem­entsprechend rauh war ihr Umgang mit mir, was nicht bedeute­te, daß sie herzlos ge­we­sen wäre. Sie zeigte nur selten ihre wahren Gefüh­le, ihre innere Einstellung also, die sich auch auf mich über­trug. Zum besseren Verständnis für die Auswirkungen dieses ständig un­ter­­drückten Gefühls­­le­bens, welches unsere Familie mög­licher­weise nach außen hin hart und unnahbar erscheinen ließ, möchte ich hier einige bezeich­nen­de Beispiele anführen.

Meinen ersten Schultag in der Jubiläumsschule werde ich da­her nie vergessen. Ebenso wie die anderen Kinder, wurde ich an die­sem Tage von meiner Mutter begleitet. Während die ande­ren Mütter ihre Kinder küßten und liebkosten, bevor diese zum ersten­­mal ihr Klas­sen­zimmer aufsuchten, drückte mir Mutter le­dig­­lich die Schul­tasche in die Hand und ermahn­te mich, brav zu sein. Sie wolle zusam­men mit den anderen Frauen drau­ßen auf mich warten. Im Klas­sen­zimmer ange­kommen, setzte ich mich auf den mir zuge­wiesenen Platz. Aufmerksam folgte ich den Wor­ten und Erklärungen der Lehre­rin. Aber das Bild der Mütter, die ihre Kinder geküßt hatten, ging mir nicht aus dem Sinn. Erst da wurde mir bewußt, daß ich bisher von meiner Mutter kaum in den Arm genommen oder geküßt worden war, zumindest waren mir solche Zärt­lichkeiten nicht er­inner­lich. Der Anblick einer Mutter, die ihr Kind auf der Straße küßte, war mir fremd und peinlich zugleich, dennoch regte sich in mir der Wunsch, glei­cher­maßen liebevoll behan­delt zu werden.

Der erste Unterricht endete schon nach einer knappen Stunde. Die Mütter nahmen ihre Kinder wieder in Empfang. Auch meine Mutter hatte gewartet. Die Frage, warum fast alle anderen Kin­der von ihren Müttern geküßt worden waren und warum das bei uns nicht üblich ist, brannte mir zwar auf der Seele, aber ich wagte nicht, sie auszusprechen. Gefühl und Konvention standen im Wider­­streit.

Die Schule bereitete mir Freude, ich lernte gut und brachte in allen Zeugnissen nur Einser nach Hause. Da meine Eltern in ihren Erziehungsmethoden sehr streng waren, hatte ich einfach zu lernen und gehorsam zu sein. Wenn sich - wie so oft - mein Trotz durchsetzen wollte, bezog ich von beiden Prügel. Damals wandten die Eltern andere Erziehungs­methoden an als heute. Hin und wieder kam es allerdings auch vor, daß ich von einem Elternteil in Schutz genommen wurde. Dann wiederum hatte ich ein schlechtes Gewis­sen, denn ich glaubte, daß damit ent­weder meiner Mutter oder meinem Vater Unrecht getan wird. Meine kind­liche Seele zog es vor, entweder von beiden bestraft oder von beiden gelobt zu werden. Beson­ders harte Strafen ver­ordnete mir jedoch meine Mutter, denn mit ihr war ich die meiste Zeit zusammen. Sie wandte offen­sicht­lich die Strafmittel an, die sie aus ihrer eigenen Kindheit her kannte. Dazu gehörte das Knien auf Holzscheiten oder harten Erbsen. Die Bitte um Verzeihung nach einem Unge­hor­­sam hätte meiner Qual sofort ein Ende bereitet. Doch zu meinen negativen Charakter­eigen­schaften ge­hörten Trotz und Ver­stockt­­heit. Auch wenn die schar­fen Holzscheite noch so tiefe Rillen in Knie und Schien­bein drückten, ich blieb in meiner Ecke. Irgendwann wurde es dann meiner Mutter zuviel oder sie hatte mit mir Erbarmen und erlöste mich von der Pein.
Ein anderes Ereignis, das wiederum mit Körperkontakt ver­bun­­den war, hat sich bis heute in meinem Gedächtnis einge­prägt. Während einer Religionsstunde im ersten Schuljahr wurden wir daran erinnert, daß am nächsten Tage Ascher­mittwoch sei. Bevor wir am Morgen das Haus verlassen, sollten wir uns von unseren Müttern ein Aschen­kreuz auf die Stirne zeichnen lassen. Der Ge­danke, meine Mutter um das Aschen­­kreuz bitten zu müssen, be­unruhigte mich bereits am Abend vorher und ließ mich nachts kaum Schlaf finden. Am nächsten Mor­gen trödelte ich dermaßen herum, daß Mutter schon unwil­lig wurde, weil sie befürch­tete, ich könne zu spät zur Schule kommen. Mein stän­di­ges Verzö­gern war jedoch die Angst, nun doch den Wunsch nach dem Aschen­kreuz aussprechen zu müssen. Alle würden das Zeichen auf der Stirn haben, ich wollte es auch. Und außerdem hatte ich die Worte des Reli­gi­ons­­lehrers als einen Befehl aufgefaßt. Aber da­zu war es erfor­der­lich, eine Berührung meiner Mutter zu ver­lan­gen, und da­vor hatte ich Scheu. Ich spüre noch heute die innere Zerrissenheit. Da war der Wunsch nach dem Kreuz und gleichzeitig die Pein­lichkeit, eine Berührung erbitten und über mich ergehen lassen zu müssen. Es wurde immer später, ich mußte mich durch­ringen. Ich nahm allen Mut zusammen und sagte meiner Mutter, daß ich ein Aschenkreuz auf der Stirne be­nötige, sonst könne ich heute nicht in die Schule gehen. Mutter schaute mich an. Asche war in allen Haushalten vorhanden, da seiner­zeit überall mit Kohle geheizt wurde. Sie tauchte einen Fin­ger in den Ascheneimer, malte mir wortlos aber hastig ein Kreuz auf die Stirn und schob mich nach draußen.


Sehr früh hatte ich auch für die Ordnung und Instandhaltung mei­ner eigenen Kleidung zu sorgen. Dazu gehörten das Strümpfe­­stopfen und das Knöpfeannähen. Ersteres gelang mir im Laufe der Zeit in einer Perfektion, daß ich einer Kunst­stopferin hätte Kon­kurrenz machen können. Zur damaligen Zeit wurden die Kinder schon in jungen Jahren zur Arbeit und zu einer gewissen Selb­ständigkeit angehalten.

Wenn ich Wünsche äußerte, betrafen diese in der Regel weniger materielle Dinge an sich, sondern allenfalls noch zu erlernende Aktivitäten.
Viel Freude und Spaß be­rei­te­te ­mir das Schlitt­schuh­lau­­fen. Zwar waren mei­­ne ersten Ver­su­che mit sehr vielen Stür­zen ver­bunden, aber die Aus­sicht, ein­mal mit weißen Schu­hen kunstlau­fen zu kön­nen, ließ mich stän­dig neue Versu­che starten. Ich ent­wickelte für diesen Sport großes Talent. Am liebsten wäre ich jeden Wintertag aufs Eis gegangen, hätte mir meine Mutter nicht klarge­macht, daß dafür auch Eintrittsgeld erfor­derlich ist. Was das Kunst­laufen anbe­langt, so hätte auch dies ein finanzielles Opfer für meine Eltern bedeutet, denn ein Ausbilder war erforderlich, Trainings­­stunden hätten bezahlt wer­den müssen. Ich wurde auf später vertröstet, auf eine Zeit, in der es meinen Eltern mit Sicherheit besser gehen würde.

Als begeisterter Sportler, Schwimmer und Skifahrer versuch­te mein Vater selbstverständlich, auch mein Interesse für diese Ge­biete zu wecken. Der Kauf von Skiern erwies sich allerdings als Fehler, denn ich saß mehr auf den Brettern, als ich darauf zu stehen in der Lage war. So mancher Baum oder Strauch hatte meine kleine Ab­fahrt ge­stoppt. Dies war wohl die erste Ent­täu­schung für Vater, der sich schon gemeinsam mit mir an den Hängen des Alt­vaters gesehen hatte.

Mein größter Wunsch war der eines eigenen Akkordeons und spie­len lernen zu dürfen. Es verging kein Tag, an welchem ich meinen Eltern nicht von einem Akkordeon vorschwärmte. Trotz des täg­li­chen Bettelns und der vielen Tränen, die ich dieserhalb vergoß, konnte mir dieser Wunsch nicht erfüllt werden, denn in der Zwischen­zeit war der Krieg ausgebrochen. Niemand wußte, wie lange er dauern, wie er enden würde. Jeder hoffte auf bes­sere Zeiten. Vater hatte sich hoch­gearbeitet. Es ging uns finan­ziell wesentlich besser als früher, dennoch waren andere Dinge vor­rangig. Meine Eltern tätigten größere An­schaffungen. Sie richte­ten sich eine neue Wohnung ein. Vater kom­plettierte seine Foto­ausrüstung, wozu sämt­liche Utensilien für eigene Ent­­wicklungen und Vergrößerungen gehörten. Das Fotogra­fie­ren war mit eines seiner hobbies.

Als kleine Entschädigung für das immer noch nicht ange­schaffte Akkordeon durfte ich das sogenannte Freiturnen in einem der Schul­gebäude im Park besuchen, also zusätzliche Turn­stun­den außerhalb des normalen Schulturnens nehmen. Ich turnte gerne und ließ keine Stunde ausfallen. Zu meinen Lieb­lings­beschäftigungen gehörte neben dem Schwimmen, was ich außer im Jägerndorfer Freibad gerne in dem Fluß Oppa ausübte, auch das Lesen. Ich hütete jedes meiner Bücher wie einen kost­baren Schatz. Alles andere hätte ich jemandem gelie­hen, nie­mals jedoch ein Buch. Mein kleiner kindlicher Reichtum mehr­te sich nicht nur in Form von Büchern oder Puppen, sondern auch bei der Jägern­dorfer Sparkasse. Voller Stolz trug ich je­weils die gefüllte Spar­büchse zum Schalter, ließ sie dort öffnen, die Groschen zählen und im Sparbuch nachtragen. Auch wenn Krieg herrschte, so trat in unserer Familie dennoch ein gewisser Wohlstand ein. Die schwie­rigen Anfangs­jahre, die mit der Grün­dung des Hausstandes meiner jungen Eltern zu­sam­men­hingen, waren überwunden. Das Geld für meine Betreuung durch fremde Menschen konnte gespart werden. Meine Eltern hatten daher eine gewisse Vorstellung von ihrer und mei­ner Zu­kunft. Aufgrund meiner guten Zeugnisse stand auch fest, daß ich später eine höhere Schule besuchen, möglicherweise auch studieren würde. Mein Leben sollte anders, besser ver­laufen als das ihre.


In der Zwischen­­zeit hatte ich einen Bruder bekommen, dem nun mehr Auf­­merk­samkeit ge­wid­­met wurde. Der Fa­mi­lien­zuwachs än­der­te kaum etwas in mei­nem Leben. Un­­se­re Aus­flüge an den Wochen­enden führten wir nach wie vor durch, nun eben mit Kinderwagen. Es hätte alles so schön bleiben können, wäre der Krieg nicht grau­samer und intensiver geworden. Vater wur­de zum Militär eingezo­gen. Verstärkte Bomben­an­griffe zwan­gen uns immer häufiger in den Luft­schutzkeller des Hauses. Ver­dun­ke­lungsgebot, Ausgangssperre, Man­gel an Nahrungs­mitteln und die Sorge um das Ergehen unseres Vaters erschwer­ten das Leben.Die feindlichen Truppen näherten sich von Osten. Man hörte von Greueltaten der Russen. Besonders gefürchtet waren die Mon­golen. Eine Freundin meiner Mutter hatte Verwandte in Wür­benthal, die bereit waren, uns für einige Zeit aufzunehmen. Angeb­lich sollte man dort zunächst noch vor den Russen sicher sein. Mutter packte einige Sachen zusammen und wir machten uns auf den Weg nach Würben­thal, wo wir im Hause jener Ver­wandten ein Zimmer zugewiesen bekamen. In der Tat, wäh­rend der ersten Wochen verlief unser Leben dort verhältnis­mäßig ru­hig. Doch immer häufiger wurden Luftangrif­fe geflo­gen, und eines Tages entging ich nur knapp dem Geschoß einer Bord­ka­none. Ich hatte, wie so oft, mit anderen Kindern im Hof ge­spielt, als ein Flugzeug im Niedrigflug über uns hinweg­don­nerte. Gleich­zeitig pfiff ein Gegen­stand unmittelbar an meinem Kopf vor­bei und schlug nur wenige Meter entfernt in die Erde. Nach diesem Erlebnis war es für uns Kinder mit dem un­be­kümmerten Spielen im Freien zu Ende. Wir hatten von Stund an auf Flug­zeuge und Ge­schoß­­salven zu achten und durften uns kaum noch von der Häuser­wand entfernen. Es blieb jedoch nicht nur bei diesen Gefahren. Daß die Russen innerhalb kurzer Zeit auch diese Gegend erreicht haben würden, damit hatte nie­mand gerechnet.

Eines Morgens lief die Kunde durch den Ort, die Russen seien ein­marschiert. Der größte Teil davon befände sich in einem Spirituosen­lager, total betrunken. Was sich Stunden spä­ter auf den Straßen abge­spielt haben muß, bekam ich nur bruch­stück­weise mit und habe es zum größten Teil auch nicht ver­standen. Ich war noch Kind und dazu unauf­geklärt. Da war von Besen­stielen die Rede, welche man den Frauen in den Leib gerammt haben soll, von Unkeuschheiten, die mit Worten nicht zu be­schrei­ben seien, von verübten Grausamkeiten so­wohl Män­­nern als auch alten Frauen gegenüber. Randalierend, grö­lend, raubend und mordend sollen betrunkene Mongolen durch den Ort gezogen sein.

Mit Unverständnis, Entsetzen und Angst nahm ich die Er­zäh­lun­gen der Erwachsenen auf. Ich verstand viele Zusammen­hänge nicht, wagte aber nicht, meine Mutter danach zu fragen. Natürlich tat sich auch das eine oder andere Kind mit irgend­welchen Schil­derungen von Ereig­nissen hervor. Auf meine ge­zielten Fragen konnte ich aber auch da keine Antwort er­halten. Zur damaligen Zeit wägten die Erwachsenen ihre Worte und Er­läuterungen den Kindern gegenüber genau ab. Wir Kinder wären bes­ser beraten gewesen, hätte man uns wenigstens ein wenig und kindgerecht aufgeklärt. Doch gewisse Themen waren eben tabu. Man wurde weggeschickt, wenn Erwach­sene sich unter­hielten, denn ihrer Ansicht nach war nicht alles für die „Ohren der Kinder“ bestimmt.

Eines Nachts - meine Mutter schlief mit meinem kleinen Bruder zu­sammen in einem, ich in dem anderen Bett - pochte es an die Zimmer­tür und Stimmen von Russen wurden laut. Mut­ter, nur mit dem Nacht­­hemd bekleidet, öffnete. Mehrere Russen traten ein und muster­ten zunächst meine Mutter und mich. Dann fiel ihr Blick auf das in einer Ecke stehende alte Fahrrad. Obwohl sie damit nicht umzugehen wuß­ten - man sah es an der Art, wie sie die Pe­da­len betrachteten und mit der Hand be­weg­ten, wie sie versuch­ten, die Lenkstange um die eigene Achse zu drehen - bemächtig­ten sie sich des Rades. Dann entdeckten sie auch noch Mutters Wecker und Arm­band­uhr. Kind­liche Freude zeigte sich in ihren Gesichtern. Sie steckten die Gegen­stände in die Tasche. Doch dann wandten sie mir ihre Aufmerksam­keit zu. Ich hatte mich, als sie eintraten, im Bett hochgesetzt. Meine Mutter versuchte, mir klarzu­machen, daß es besser sei, wenn ich wieder unter die Decke kröche. Ich verstand aber nicht, warum ich das sollte. Dann deu­tete einer der Russen auf mich mit der Frage nach meinem Alter. Ich antwortete spontan und wahrheitsgemäß. Meine Mutter er­blaßte und sagte, ich sei noch keine 8 Jahre alt. Ich wider­sprach ihr und nannte erneut mein wahres Alter. Doch offensichtlich hatten das Fahrrad und die beiden Uhren mehr Eindruck auf diese Männer gemacht als ich. Auch meine Mutter schien für sie nicht mehr interessant zu sein. Sie taxierten sie zwar, aber dann ver­ließen sie freu­de­strahlend mit ihrer Beute den Raum. Mutter fiel erschöpft in ihre Kissen zurück.

Nach dem Erlebnis dieser Nacht ließ man mich nicht mehr zu Hause im Bett schlafen. Mutter, die für meinen kleinen Bruder zu sorgen hatte, blieb selbstverständlich im Hause. Aber alle Mäd­chen ab ca. 6 Jahren wurden abends mit einer Decke oder einem alten Mantel aus­gestattet und in ein Sägewerk begleitet. Dort mußten wir unter die Bretterstöße kriechen und die Nächte im Freien verbringen. Niemand von uns durfte seinen Schlaf­platz ver­lassen. Am nächsten Morgen holte uns dann irgendeine Mutter wieder ab. Keinem von uns Kindern war klar, wes­halb wir hier draußen in der Kälte nächti­gen mußten. Die Mütter hatten auf unsere Fragen immer ausweichen­de Antworten.
Nachdem nun die Russen bis Würbenthal vorgedrungen und wir dort ebenso gefährdet waren wie andernorts auch, bestand kei­ne Ver­an­lassung mehr, die Gastfreundschaft dieser Men­schen weiter in Anspruch zu nehmen. Wir kehrten wieder nach Jägern­dorf zurück.

Die Straßen der Stadt waren an vielen Stellen durch Panzer­sperren blockiert. Überall herrschte Chaos. Freunde und Be­kann­te suchten ander­weitig Schutz und Hilfe. Ich hatte schon seit länge­rer Zeit keinen Schulunterricht mehr. An manchen Ta­gen durfte ich das Haus ver­lassen, an anderen wieder nicht. Ich verstand von all dem nichts, worüber die Erwachsenen dis­ku­tierten.
An einem warmen und sonnigen Tag hatte sich Mutter ent­schlossen, die Fenster unserer Wohnung zu putzen. Ich sollte ihr dabei helfen. Wir waren beide in unsere Putzarbeit vertieft, als uns plötzlich ein ungewohntes Klappergeräusch aus unseren Akti­vi­täten riß. Wir blickten auf den Bürgersteig hinunter. Meine Mutter schrie auf: „Sieh amol, wer do kommt!“ Ich sah einen zer­lumpten Mann, der einen mit Kartons und Man­tel beladenen klapprigen Kinder­wagen vor sich her­schob. Es war Vater, der aus dem Krieg zurück­kehrte! Er hatte einen wei­ten Fußmarsch hinter sich. Wochen- wenn nicht gar monate­lang war er unterwegs ge­we­sen, hatte im Freien oder in Scheu­nen über­nachtet: Aus dem Südschwarzwald bis nach Jägerndorf!

Die Sauberkeit der Fenster war jetzt nicht mehr wichtig. Vater war unverletzt, unsere Familie wieder vereint. Jetzt konn­te alles nur noch besser werden. Daß jeder Krieg Folgen mit sich bringt, war allen klar. Aber Vater würde wieder seiner Ar­beit nachgehen, ich die Schule be­suchen, jetzt sollte das Leben beginnen. Vater würde schon für alles sorgen, das war meine kindliche Vor­stel­lung. Wir feierten das Wieder­sehen und schmie­deten Zukunfts­pläne.


Vertreibung aus der Wohnung - Türmitzer Lager

Als Mieter bewohnten wir die obere Etage eines Zwei­fami­lien­­hauses in der Anzengrubergasse, im sogenannten Happag-Grund. Eines Morgens läutete die Türglocke und gleichzeitig pochte jemand vehement an die Haus­tür. Unsere Hausbesitzer waren offen­sichtlich ortsabwesend, denn zu jenem Zeitpunkt bewohnten wir das Haus al­lein. Meine Mutter ging hinunter, um zu öffnen. Ich hörte befehlende Stimmen. Aufgeregt kehrte Mutter nach oben zurück und sagte mir, daß wir sofort die Wohnung ver­lassen müßten. Unten stünden Tsche­chen, die von Haus zu Haus gingen, um die Bewohner dieser Straße zusam­men­­zu­trommeln. Es sei nicht nötig, etwas mitzunehmen. Eine warme Decke pro Person genüge, denn wir würden nur wenige Tage wegbleiben.

Nervös suchte meine Mutter das Nötigste zusammen. Die Tsche­chen drängten zum Aufbruch. In der Straße hatten sich be­reits andere Menschen versammelt, alle nur mit einer Decke oder einem Kissen ausgerüstet. Wir, d. h., meine Eltern und mein da­mals ca. zweijäh­riger Bruder, schlossen uns der bereits dastehen­den Kolonne an.

Nun begann ein - wie mir schien - langer Fußmarsch. Wir muß­ten alle schön in Reih und Glied bleiben. Irgendwann er­reichten wir eine Häusersiedlung, die man „Türmitzer Lager“ nannte. Hier wurden wir eingewiesen. Wenn ich das Wort „Lager“ gebrauche, dann nicht des äußeren Aussehens dieser Sied­lung wegen. Im Gegen­teil. Wenn ich mich recht entsinne, handelte sich dabei um eine lange ungepflasterte Straße mit sich gegenüberstehenden gleich­­för­migen ca. 1 - 2stöckigen leerstehenden Häusern, die als Lager vorgesehen waren. Zusammen mit anderen Müttern und Kindern - die Männer wurden anderswo untergebracht - wurden wir in einen Raum ge­pfercht. Die anderen Zimmer dieser Erd­ge­schoßwoh­nung wur­den gleichermaßen vollgestopft. Der ca. 14 qm große Raum mußte etwa 15 - 20 Personen fassen. Da er keine Möbel ent­hielt, brei­te­te jede Familie ihre mitgebrachten Decken auf dem blanken Boden aus. Das war unser Aufent­halts- und Schlaf­­ort. Nachdem die Woh­nun­gen dieser Siedlung mit klei­nen Bädern und Toiletten aus­gestattet waren, hatten wir zu­mindest Wasser, um uns notdürftig wa­schen zu können. Wenn man be­denkt, daß jede Wohnung aus etwa 2 - 3 Zim­mern be­stand, kann man sich bei einer Zimmerbelegung mit ca. 15 - 20 Personen aus­rechnen, welch drangvolle Enge herrschte.

Es verging der erste Tag, die erste Nacht. Nichts ereignete sich. Wir mußten in den Zimmern bleiben. Irgendwann schob man einen Kessel mit Suppe durch die Straße. An der Haustür durften wir Essen fassen. Als auch während der nächsten Tage keine Ände­rung der Situation eintrat, wagten es einige, die Häu­ser zu verlassen, um mit den uns bewachenden tschechi­schen Aufsehern zu sprechen. Schließlich hatten wir außer den mit­gebrachten Decken keinerlei Wäsche zum Wechseln noch sonst etwas ande­res dabei. Wir wurden vertröstet. Noch einige Tage, dann dürften wir wieder in unsere Wohnungen zurück.


In der Zwischenzeit aber wurde ich Zeuge von Vorfällen, die meine kindliche Seele doch sehr beschäftigten. Mehrmals „kon­trollierten“ weib­liche und männliche uniformierte Tschechen die Häuser und die Zimmer. Einige der Zimmerinsassen wurden je­weils aufgefordert, sich von ihren Lagern zu erheben. Folgten sie dieser Aufforderung nicht unvermittelt, wurden sie mit Fuß­tritten oder Gewehrkolben traktiert. Unmittelbar uns gegenüber lagerte eine Frau mit ihren beiden ca. 13 und 15 Jahre alten Töch­tern. Die ältere Tochter sollte Auskunft über ihre Aktivi­täten beim „Bund deutscher Mädchen“ (BDM) geben, dem sie jedoch offensichtlich nicht angehört hatte. Da das Mädchen nichts darüber berichten konnte, wurde sie geprügelt und ge­tre­ten. Die klei­nere Schwester schrie vor Angst, die Mutter weinte und flehte um Er­barmen für ihre Tochter. Sie vergaß ihre Würde und fiel vor der mit Stiefeln bekleideten Tschechin auf die Knie. Die Anwort auf ihr Flehen war ein weiterer Fuß­tritt, der nun der Mutter galt. „Wer hatte denn mit uns Erbarmen, als wir im Konzentrationslager waren“, schrie die Tschechin. Zu­min­dest ich hörte damals das Wort „Konzentra­tionslager“ zum ersten­mal und konnte mir nichts darunter vorstel­len. Später be­fragte ich meine Mutter, die ebenfalls nichts darüber wußte, schon gar nicht, daß Tschechen in einem derartigen Lager ge­we­sen sein sollten. Niemand von den anderen Zimmer­insassen hatte während dieser Mißhandlungen den Mut, durch Wort oder Tat einzugreifen. Jeder sah die Unmög­lich­keit, hier zu helfen, ein. Wir mußten alle tatenlos zusehen, wie man das Mädchen und die Mutter weiter verprü­gelte und zwar so lange, bis sie um „Ver­zeihung baten“ und schließ­lich erschöpft und blutend auf die Erde sanken. Derartige Szenen wiederholten sich des öfte­ren und sicher nicht nur in unserem Zimmer. Die ganze Sied­lung bestand aus vielen Häusern mit vielen Zimmern!

Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, ständig Fragen nach dem Grund für unseren Zwangsaufenthalt im Lager und nach den Mo­tiven für die unwürdige und brutale Behandlung durch die Tschechen zu stellen. Doch weder meine Mutter noch die anderen Zimmerbewoh­ner konnten mir plausible Erklärun­gen geben. Auch sie verstanden die Hal­tung der Tschechen uns Deutschen ge­genüber nicht, vor allem dann nicht, wenn es sich um ihnen bekannte Tschechen handelte, mit denen sie früher einträchtig in der gleichen Straße zusammengelebt hatten und denen sie nun hier im Lager in einer anderen Funktion begegneten. Genau diese Tschechen nämlich brachten es fertig, plötz­lich kein deutsches Wort mehr verstehen zu wollen, ihre ehemaligen Nachbarn nicht mehr zu kennen. Es war so, als ob sich zwei mitein­ander ver­fein­dete Nationen zum erstenmal gegen­überstünden. Da sich zur damaligen Zeit die wenigsten Frauen mit den Themen Politik, Wirtschaft oder Geschichte beschäftigt haben, herrschte allge­meine Rat- und Verständ­nis­losigkeit. Wir hatten alle nur Angst. Jeder hoffte, bei einer Be­fragung unbehelligt und ungeprügelt davonzukommen. Meinen Vater habe ich während des Aufent­haltes in diesem Lager nie zu Gesicht bekommen.
Da während der ersten Lagertage niemand das Haus verlassen durfte, suchten wir Kinder zumindest etwas Abwechslung inso­fern, als wir das Treppenhaus und die oberen Etagen inspizier­ten. Auf dem Dachboden angelangt, stellte ich fest, daß auch dieser vollbelegt war. Die Menschen lagen dicht an dicht, zum Teil auf mitgebrachten Decken, zum Teil auf dem blanken Bo­den. Durch das undichte Dach und die Luken blies der Wind. Die Menschen froren.

Als Kind wird man ja häufig von der Neugierde getrieben. Ich sah zwar dieses Elend, machte aber trotzdem weiter die Runde und ent­deckte zu meiner Überraschung und Freude in einer Ecke, unter den Dachbalken liegend, meinen Großvater väterlicherseits. Am anderen Ende des Dachbodens, ebenfalls unter und hinter Balken, meine Cousine mit ihrem wenige Wo­chen alten Kind, welches später starb, denn Milch gab es keine und Wasser allein genügte dem Kleinen nicht.

Bei meinen täglichen Rundgängen erfuhr ich, daß weitere Ver­wandte im gleichen Lager, allerdings in einem anderen Haus, unter­gebracht waren. Meine Beschäftigung bestand nun darin, Be­suche bei meinen Verwandten zu unternehmen, die nicht immer auf großen Zuspruch stießen. Als kaum 11jähriges Mädchen war mir noch nicht bewußt, welchen Qualen und Schi­kanen die Er­wachsenen ausgesetzt wurden. Wir Kinder blie­ben in der Regel von körper­licher Gewalteinwendung ver­schont.

In der Zwischenzeit hatten es einige Erwachsene doch ver­sucht, Kontakt mit dem Bewachungspersonal aufzunehmen, denn es war durchgesickert, daß unser Zwangsaufenthalt für längere Zeit vor­ge­­sehen sein sollte. So mancher glaubte, sich einen Ausgangs­schein erbetteln, um aus seiner Wohnung noch einige Dinge holen zu können. Manchen gelang dies auch. Andere wiederum mußten ihre unerlaubten nächt­lichen Aus­flüge, die dem Zweck dienten, das Lager zu verlassen, schwer büßen. Erwischte man sie, wurden sie entweder verprügelt - oder einfach erschossen.

So verging ein Tag nach dem anderen. Ich besuchte meinen Großvater auf dem Dachboden täglich, doch sein Zustand verschlechterte sich zu­sehends. Er konnte sich vor Schwäche bald nicht mehr aufsetzen. Ich kroch zu ihm unter die Bal­ken, hockte mich daneben und hielt seine Hand. Ein dankbares Lächeln war seine Antwort auf meinen Versuch, ihm etwas Gutes zu tun. Die uns verabreichten Mahlzeiten, die meist aus irgendwelchen „Wasser­suppen“ bestanden, reichten kaum aus, uns zu sättigen. Eines Tages war der Platz unter den Dachbalken leer. Es gab meinen Groß­vater nicht mehr. Man sagte, er sei verhungert. Erst dann stellte ich mir die Frage, ob ihm überhaupt jemand etwas zum Essen gebracht hat, nachdem er selbst nicht mehr in der Lage war, für sich zu sorgen. Doch in jener Zeit hatte jeder mit sich selbst zu tun. Jeder kämpfte um die einzige ihm zugeteilte Scheibe Brot, um den einen Napf Flüssig­keit, welche den Namen „Suppe“ erhielt, aber im enge­ren Sinn keine war, denn sie bestand über­wiegend aus Wasser, durchsetzt mit einigen Krautblättchen und Kartoffelstückchen.

Im Kreise der Lagerinsassen befanden sich einige junge Frauen, die ihre tschechischen Sprachkenntnisse nutzten, um Verbin­dun­gen zum tschechischen Bewachungspersonal herzu­stellen. Diese Verbindun­gen sollten dazu dienen, auszukund­schaf­ten, warum und wie lange wir eigentlich in diesem Lager bleiben sollten. Mitt­lerweile strotzten wir vor Dreck. Zwar gab es in jeder Woh­nung ein Bad, aber nicht immer reichte auch das Wasser für all die vielen Menschen. An Wäsche­waschen war daher nicht zu denken. Wo hätte man sie auch trocknen sollen? Außer­dem war das vorhandene Wasser kalt. Es gab seinerzeit nur Badeöfen, die beheizt werden mußten. Heizmaterial war nicht vorhanden. Also war eine Warmwasserzubereitung nicht möglich. In Anbetracht dieser Ver­hältnisse wollten die Men­schen natürlich etwas über ihr Schicksal erfahren. Bald sollten wir einiges mehr wissen, und um an Informationen zu ge­langen, wurden alle Möglichkeiten ausge­schöpft.
Es vergingen noch weitere Tage der Ungewißheit. Eines Mor­gens weckten uns Schüsse und lautes Schreien. Die Er­wach­senen eilten an die Fenster, wir Kinder rannten vor die Haustür. Es hatte geregnet. Die nicht befestigte Straße war voller Morast und Pfützen. Ich wurde Zeu­ge einer Szene, die mir immer im Ge­dächt­nis haften wird. Tschechen mit Geweh­ren und Knüp­peln trieben einige Männer vor sich her. Wenn diese nie­der­stürzten, wurden sie gezwungen, auf dem Bauch im Dreck weiterzurutschen und das Gesicht durch den Straßenschlamm zu ziehen. Blieben sie vor Erschöpfung im Morast liegen, wur­den sie wieder aufge­knüppelt und das Spiel wiederholte sich solange, bis sich die Opfer nicht mehr rührten. Einige der Ehe­frauen der so Ge­schun­denen hatten sich auf die Straße gewagt in der Hoffnung, helfen zu können. Sie beschworen die Tsche­chen, mit dieser Tortur aufzuhören. Aber Hohngelächter war die Antwort auf ihr Flehen. Es schien so, als wollten sich die Tschechen bei den Einfällen ihrer Grau­samkeiten jeweils über­bieten.
Den Grund dieser Treibjagd hat niemand erfahren. Ganz ab­ge­sehen davon wurde oft grundlos auf wehrlose Menschen ein­ge­prügelt. Die Tschechen reagierten ihren aufgestauten Haß auf Deutsche wohl auf diese Weise ab. Dabei wurde nicht ge­fragt oder unterschieden, ob die so Mißhandelten sich irgend­wann oder irgendwie den Tschechen gegen­über schuldig ge­macht hat­ten. Hier standen Objekte zur Verfü­gung, an denen man Frust, Haß, Neid und andere niederträchtige Charakter­eigen­schaften ausleben konnte, und das tat man mit größter Genugtuung.

Eine Änderung im Lagerleben hatte sich insofern ergeben, als einige Männer und Frauen zur Arbeit außerhalb des Lagers ge­schickt wur­den. Selbstverständlich durften sie das Lager nur un­ter Aufsicht verlassen, standen tagsüber während der Arbeit unter Kontrolle und wurden abends unter Bewachung wieder ins Lager zurückgebracht. Zu unserem Be­kannten­kreis gehörte eine dieser „privilegierten“ Frauen, die das Glück hatte, in einer Fär­berei schuften zu dürfen. Dort nämlich hatte sie wenig­stens Ge­legen­heit, so nebenbei auch ihre eigene Wäsche mit warmem Wasser durchspülen zu können. Wir Kinder genossen inzwischen mehr Freiheit. Wir durften die Häuser verlassen, um auf der Straße zu spielen. Einige Male wurde mir erlaubt, diese Be­kann­te zu ihrem Arbeitsort zu begleiten, was mir besonderes Vergnügen bereitete. Zum einen hatte ich noch nie zuvor eine Fär­berei gesehen, zum anderen gab es dort eine Reihe von Bot­ti­chen mit warmem, wenn­gleich gefärbtem Wasser. Es war für mich wie Geburtstag, wenn ich mich in einen Bottich mit roter oder blauer Brühe setzen und darin plantschen durfte. Ich hatte somit - im Gegensatz zu vielen anderen - die Möglichkeit, ein „Bad“ zu nehmen. Hinterher muß ich wohl wieder mit einigermaßen sauberem Wasser abgespült worden sein, denn meine Mutter hat nie eine Färbung an mir be­anstandet.

Mittlerweile hatten unsere eigenen „Lagerspione“ heraus­be­kom­men, daß die seinerzeitige Beschwichtigung, wir bräuchten nichts aus der Wohnung mitzunehmen, denn wir kämen bald wie­der zurück, nur ein Vorwand war, um uns widerstandslos aus den eigenen vier Wänden herauszuholen. Im Lager herrsch­te neben Hunger, Schmutz und Unge­ziefer eine sehr gedrückte Stimmung. Wir Kinder sahen viele Dinge nach wie vor als Aben­teuer an - von den miterlebten Grausamkeiten an den Män­nern und Frauen abgesehen. Natürlich überkam auch mich Trauer, wenn ich an meine Puppen, an die Spielsachen, vor al­lem an meine vielen Bücher dachte. Schlimmer war es für meine Eltern. Sie hatten die Wohnung in der Anzengrubergasse erst vor nicht allzu­langer Zeit bezogen und sich komplett ein­gerichtet. Der ausziehbare Spül­tisch mit den beiden integrierten Kupferwasserkesseln sowie das „deutsche Einheitsschlaf­zim­mer“ war der ganze Stolz meiner Mutter. Für diese Einrichtungs­ge­gen­stände hatten meine Eltern lange gespart. Vater, der pas­sio­nierte Hobbyfotograf, hatte jahre­lang auf vieles verzich­tet, nur um sich eine Fotoausrüstung und alles, was zum Ent­wickeln und Ver­größern gehörte, anschaffen zu können. Nun standen sie wieder vor dem Nichts - sie hatten noch weniger als vorher, nämlich nur drei alte Wolldecken.

Hinter vorgehaltener Hand war das Gerücht verbreitet wor­den, daß es doch die Möglichkeit geben solle, wieder in die Wohnun­gen zurück­zukehren. In den nächsten Tagen würde ein Aufruf erfolgen. Wer sich zuerst melde, sei auch zuerst an der Reihe. Ob dabei nach bestimmten Kriterien ausgewählt werden sollte, blieb unklar. Selbst­verständlich herrschte große Eupho­rie unter den Menschen. Zwar war noch nichts Offizielles be­kannt, aber jeder wartete sehnsüchtig auf diesen Appell, um sich sofort melden zu können. Auch Mutter bereitete sich und uns auf dieses Ereignis vor. Offensichtlich drang dieser ange­kündigte und nur zum Teil durchgeführte Appell nicht an alle Ohren. Wir hatten jedenfalls zu spät davon erfah­ren und gehörten somit nicht zu den ersten, die das Lager wieder verlassen durften. Eini­ge Tage später jedenfalls war die Straße vor den Häusern voller Menschen. Ihre mitge­brach­ten Decken trugen sie wieder unter dem Arm. Unter Be­wachung ver­ließen sie, schön in Reih und Glied, Junge, Kinder, Greise, das Lager. Weinend schauten ihnen die Zu­rückge­blie­be­nen nach. Nun, wenn schon nicht beim ersten Schub, so würden wir wohl beim nächsten mit­kom­men. Damit tröstete uns unsere Mutter.

Eines Abends klopfte es an die Tür. Eine Bekannte rief meine Mutter und einige andere Frauen in den Flur. Es wurde ge­flü­stert und ge­tuschelt. Nach einiger Zeit kehrten sie wieder zu­rück. Da die soeben erhaltene Geheimnachricht von einer der­ar­tigen Wich­tigkeit war, hiel­ten es die Informierten für ihre Pflicht und Schul­digkeit, unter dem Siegel der Verschwiegen­heit auch die anderen Zimmerinsassen zu in­formieren. Wir Kin­der wurden zum abso­luten Schweigen verpflichtet. Wäre eine der­artige Kunde nach außen gedrungen, hätte das schwer­wie­gende Konsequenzen für uns alle, vor allem aber für die In­for­man­ten haben können.

Der Aufruf und die Zusammenstellung dieses Fußtransportes hatte nicht dazu gedient, die Menschen wieder in ihre Wohnun­gen zu las­sen. Nein, sie wurden alle deportiert, und zwar in das Ge­biet der ehemaligen DDR. Wie sich später herausstellte, wa­ren sie in Nardt, in Guben, in Hoyerswerda gelandet, sofern sie die­ses Ziel überhaupt erreichten. Viele haben den wochen­lan­gen Fußmarsch nicht überlebt. Kinder und alte Menschen sind un­terwegs vor Hunger und Er­schöpfung gestorben und wurden in Straßengräben liegengelassen. Andere, die nicht weiter­konn­ten, wurden er­schossen.
Unser Schicksal schien besiegelt. Man hatte uns aus der Woh­nung herausgeholt. Nichts war geblieben außer der Erinne­rung an all die schönen Sachen, die wir zurücklassen mußten und die wir nie mehr wieder sehen, geschweige denn haben durften. Welche Hoffnung hatte man uns denn noch gelassen? Es schien nur die beiden Alternativen zu geben: Entweder im Lager unser Leben unter menschenunwürdigen Bedingungen weiterzufristen oder zu Fuß an ein unbestimmtes Ziel getrieben zu werden.

Wie lange wir in diesem Lager zubrachten, ist mir nicht mehr in Er­innerung. In eine gemütliche Wohnung sollten wir jeden­falls so schnell nicht wieder kommen. Das Lagerleben hatte so­e­ben erst be­gonnen.

Eines Tages wurden auch wir aufgefordert, mit unseren Decken auf der Straße Aufstellung zu nehmen. Unter Schimpf­worten der tsche­­chi­schen Bewacher wurden wir die Straße entlang­ge­trie­ben. Wohin es gehen sollte, war uns nicht gesagt worden. Wir soll­ten woanders unter­gebracht werden, hieß es nur.


Das gefürchtete Troppauer Lager

Nach einem etwas längeren Fußmarsch erreichten wir ein gro­ßes, von Stacheldrahtzaun umgebenes Holzbarackenlager. Das breite Tor war bewacht. Auch innerhalb des Lagers pa­trouillierten bewaffnete Aufseher die Wege und Plätze. Zusam­men mit ande­ren Frauen und Kindern wurden wir in eine Baracke eingewiesen. Außer der Mutter mit den beiden Töch­tern, die schon das Zimmer im Türmitzer Lager mit uns geteilt hatten, kannten wir nieman­den. Das Mobiliar bestand aus ca. 10 mit Strohsäcken belegten Stockbetten, einem Tisch und meh­re­ren Stühlen. Die in der Wand eingeschlagenen Nägel dienten als Kleider­haken. Nun, da wir nur das besaßen, was wir am Lei­be trugen, hatten wir auch nicht viel aufzuhängen. An den Stirn­seiten des Zimmers be­fand sich je ein kleines Fenster. Die­ser Raum, den wir wiederum mit ca. 20 Per­sonen teilen mußten, sollte nun unser Zuhause für unbe­stimmte Zeit werden.

Jeder durfte für sich eine Bettstelle in Anspruch nehmen, so­lange keine weiteren Einweisungen erfolgten. Mutter schlief mit mei­nem kleinen Bruder zusammen in einem Bett. Ich hatte eine Bettstelle für mich allein. Zu schnell gewachsen und ab­ge­magert, fror ich stän­dig, so daß sich abends ab­wechselnd die Ba­racken­bewohner bereit erklärten, jeweils für ein paar Minu­ten zunächst mein Bett mitzube­nutzen, um mich zu wärmen. Nur für eine Zeit­lang herrschte bedrän­gende Enge in der Ba­racke. Schon nach wenigen Tagen wurden die Erwach­senen auf­gefordert, arbeiten zu gehen. Auch meine Mutter gehörte zu den arbeitenden Frauen.

Schon früh am Morgen hatten sich Männer und Frauen, die getrennt in Baracken untergebracht waren, am Tor einzufinden. Unter Bewa­chung wurden sie zu den unterschiedlichsten Ar­beits­­stätten gebracht. Am Abend kehrten sie - immer unter Be­wachung - wieder ins Lager zu­rück. Wir Kinder waren uns tags­über selbst überlassen. Da unsere Baracke überwiegend von Er­wachsenen belegt war, hatten wir Kinder tagsüber genug Raum zum Spielen. Außer mir und meinem kleinen Bruder be­fan­den sich nur noch die beiden Mädchen aus dem Tür­mitzer Lager, ein Junge meines Alters und ein kleineres Kind in der Baracke. Selbstverständlich durften wir uns im Lager frei be­wegen. Außer den Wohnbaracken gab es zwei Latrinen, eine Art Verwal­tungshütte, eine Baracke für die Essensausgabe und eine, von der man nicht so recht wußte, was sie beinhaltete. Es hieß, wer dort hineinge­schickt wird, käme nicht mehr heraus, es handle sich um eine Gas­kammer. Um dieses Ge­bäude machten alle einen großen Bogen.


Eines Tages war es soweit. Alle Lagerinsassen wurden aufge­for­­dert, sich vor dieser ominösen Baracke, die zwei Ein- bzw. Aus­gänge hatte, aufzustellen. Einige weigerten sich, der Auf­for­de­rung, hineinzugehen, Folge zu leisten. Die meisten waren über­zeugt, daß dies der Moment der Vergasung sei. Doch jeg­licher Widerstand blieb erfolglos. Um keine Prügel zu bezie­hen, folgte man der Aufforderung. Ob dort tatsächlich Men­schen vergast wurden, weiß ich nicht. Wir folgten jedenfalls den uns Voran­gehen­den. Kaum hatten wir die Baracke be­treten, mußten wir die Kleidung ablegen. Unsere Körper und Klei­dungs­­stücke wurden mit irgendeinem beißend riechenden weißen Zeug bestäubt. Es handelte sich wohl um ein Mittel ge­gen Flöhe und Wanzen, die uns mittlerweile übel zusetzten. Nach­dem wir diese „Puder­schleu­se“ durchlaufen hatten, durften wir uns wieder anziehen und die Hütte verlassen. Wir waren alle erleichtert, als wir uns wieder auf dem freien Platz be­fan­den. Dennoch glaubten einige, Anzeichen von Gas- oder Folterkammern entdeckt zu haben. Bestimmte Türen und Vor­rich­tungen deuteten darauf hin, so wurde gesagt. Andere wie­der­um wollten entdeckt haben, daß vor Tagen Men­schen hin­ein­­geschleust, aber später nicht mehr gesehen worden seien. Auf jeden Fall war diese Baracke das mysteriöseste, aber auch ge­fürchtetste Gebäude des ganzen Lagers.

Grausamkeiten waren auch hier, vermehrt noch als im Tür­mitzer Lager, an der Tagesordnung. Überwiegend spät­abends oder nachts kamen die Bewacher in die Baracken, zerrten die Leute aus den Betten, verhörten oder verprügelten sie. Voller Un­­verständnis verfolg­ten wir Kinder diese nächt­lichen Szenen. Im­mer wieder stellte ich die Frage:

„Mutti, warum schreien die Tschechen Frau M. so an, warum schlagen sie sie immer wie­der, wenn sie doch gesagt hat, daß sie nichts weiß? Wenn sie wirklich nichts weiß, kann sie doch auch keine Auskunft geben!“
„Mädle, dos konn ich dir ah nie sogn, ich verstehs ah nie“, war meist ihre Antwort.

Mein kindlich logischer Verstand jedenfalls sagte mir, daß ich nur dann eine Frage beantworten kann, wenn ich die Ant­wort weiß. Weiß ich etwas nicht, dann kommt mir auch durch Prügel keine Erleuch­tung. Daher auch immer meine Zusatz­fra­gen:

„Glauben die Männer der Frau denn nicht, oder kapieren sie nicht, daß man nicht wissen kann, was man nicht weiß?“

Manch­­mal brachte ich nicht nur meine Mutter, sondern auch die anderen Barackeninsassen durch meine viele Fragerei in Bedräng­nis. Für solch unlogische Handlungsweisen seitens der Tschechen konnten auch sie kein Verständnis aufbringen. Ich wurde mit der Erklärung „die wollen eben ihre Macht zei­gen und prügeln“ abge­funden. Doch dafür konnte ich erst recht kein Verständ­nis auf­brin­gen. Zwar war ich streng erzogen wor­den und hatte so man­che Ohrfeige, so manche Schläge über mich ergehen lassen müssen, doch war dieser Züchtigung je­weils mein Ungehorsam vorausge­gangen. Also stand für mich fest: Strafe nur für den, der Unrecht getan hat. Warum aber schlägt man Menschen, die auf Fragen wahrheits­gemäß ant­worten, d. h., wenn sie behaupten, etwas nicht zu wissen, und die kein Unrecht begangen haben? Derartige Überlegungen beschäftig­ten sehr intensiv meinen kind­lichen Verstand.


Jedoch nicht nur diese nächtlichen Besuche mußten wir über uns er­ge­hen lassen. Nein, sehr häufig ertönte um Mitternacht eine Sirene, das Lager wurde durch Scheinwerfer hell erleuch­tet und wir alle, Männer, Frauen, Kinder, hatten uns auf dem Haupt­­platz einzufinden und das Deutschlandlied zu singen. Ich fragte wieder Mutter:

„Mutti, warum tun das die Tschechen mit uns? Sind Deutsche schlechter als andere Menschen?“

Mutter wußte auf meine Frage keine Antwort.
„Dos konn ich dir ah nie sogen, mir hom denen nie wos geton“, sagte sie in ihrer Jägern­dorfer Mundart mehr zu sich selbst als zu mir.
Die unhygienischen Zustände im Lager - man holte das Was­ser von irgendwoher und wusch sich notdürftig in einem Eimer - führten sehr bald zu unliebsamen Folgen. Ich, und viele an­dere, bekamen die Krätze. Zwischen den Fingern und auf meinem Hand­rücken war bald keine Haut sondern nur noch ro­hes Fleisch zu sehen. So sehr mich meine Mutter auch er­mahn­te, nicht zu kratzen, ich hielt den Juckreiz nicht aus. Und je mehr ich kratzte, um so mehr entzündete sich die Haut. Irgend­wann schüttete mir jemand Brennspiritus über die Hände. Ob­wohl es wahnsinnig brann­te, war dieser Schmerz sogar noch leich­ter zu ertragen als das ewige Jucken. Einer Mitbewohnerin war es irgendwann ge­lun­gen, eine Salbe aufzutreiben, die ich mehrmals täglich auftrug. Damit versuchten wir dann, diesem Übel Herr zu werden.

Noch schlimmer als die Krätze setzten uns Flöhe, Läuse und Wan­­zen zu. Mein ganzer Körper war voller roter Punkte. Die Wan­zen hatten sich in allen Ritzen der Betten und in den Stroh­säcken einge­nistet. Ich kratzte mir fast die Haut von Leib und Kopf. Die Läuse in meinen Haaren hatten sich unter den dicken Grinden, die sich nach dem Auf­kratzen und dem nachfolgenden Bluten gebildet hatten, fest­gesetzt. Ich trug Zöpfe und Mutter ver­suchte alles, um meinen Kopf sauber­zu­halten. Dazu gehörte auch das tägliche Kämmen mit dem sogenann­ten Lause­kamm. Natür­lich blieben etliche Läuse im Kamm hängen, gleichzeitig aber riß mir Mutter beim Kämmen immer wieder die Grinde auf, noch mehr Läuse kamen zum Vorschein, und die Kopfhaut ver­krustete nach jedem Bluten um so mehr. Ich hatte schreck­liche Angst vor dieser täglichen Prozedur. Doch meine Mutter bestand darauf, weil sie sonst keine andere Mög­lichkeit sah, die Läuse zu dezi­mieren. Etliche Male wurde mir auch Brenn­spi­ri­tus über Kopf und Körper gegossen. Es waren höllische Schmerzen.

In gewissen Abständen räumten die Lagerinsassen alle Stock­betten nach draußen. Sie wurden, so gut es ging, auseinander­ge­nommen. Mit einer brennenden Kerze versuchte man, die in den Ritzen versteckten Wanzen und Flöhe auszuräuchern. Doch ein Groß­teil des Ungeziefers steckte in den Strohsäcken, und die konnte man nicht anbrennen. Zwar wurden die Strohsäcke ge­öff­net und versucht, die davonhüpfenden Flöhe zu fangen, aber all diese Mühen brachten kein großes Ergebnis. Nach einer sol­chen Aktion hatten wir zwar jeweils den Eindruck, vom Un­ge­­zie­fer nicht mehr ganz so gequält zu werden, aber nach kur­zer Zeit war wieder alles verlaust und verwanzt und die Tortur begann von neuem. Glücklicherweise hatten Lagerinsassen unterschiedliche Gegenstände aus ihren Wohnungen retten bzw. anderweitig orga­nisieren können. Nur so kann das Vorhandensein von Kerzen, Streich­hölzern oder anderen Kleinig­keiten erklärt werden. Daß man sich in dieser Situation gegenseitig aushalf, versteht sich von selbst.

Neben dem Ungeziefer quälte uns der Hunger. Außer etwas dün­­nem Kaffee am Morgen und einer Scheibe Brot pro Tag und Per­son gab es nichts. Wegen der Scheibe Brot mußte man sich schon frühmorgens anstellen. Wer großes Glück hatte, kam nicht nur in den Genuß dieser Scheibe, sondern sogar einer großen Scheibe. Hatte man das Pech, gerade dann an der Reihe zu sein, wenn der Rest des Brotes ausgeteilt wurde, dann bekam man nur den letzten Kanten, das Knabele, wie es Mutter nannte. Häufig jedoch reichte das Brot nicht für alle Lager­insassen. Da Mutter schon morgens das Lager verließ, um ihrer Arbeit nachzugehen, war es meine Aufgabe, für uns drei die Brot­schei­ben abzuholen. Obwohl ich immer ganz früh zur „Brotbaracke“ hinlief und mich in die Warteschlange einreihte, passierte es häufig, daß das Brot entweder schon ausgeteilt war oder es eben an diesem Tag keines gab. Für meine Mutter muß es im­mer eine große Ent­täuschung gewesen sein, wenn sie abends von der Arbeit zurückkam und keine Scheibe Brot vorfand.

Wie oft kehrte ich nach einer langen Wartezeit vor der „Brot­baracke“ mit leeren Händen zurück. Der Magen knurrte, ich wein­te, denn auch für meinen kleinen Bruder gab es keine Son­der­­ration. Eine Scheibe Brot pro Person und Tag, das war alles. Und oft mußte man eben mit einer Scheibe auch zwei Tage aus­kom­men. Es war daher nur natürlich, daß Menschen vor Schwä­che umfielen, Kinder und Alte an Unterernährung star­ben. Am bedau­erns­wertesten waren diejenigen - und dazu ge­hör­ten meine Eltern - die außerhalb des Lagers den ganzen Tag (zwangs)arbeiten muß­ten. Ihre Körper waren so geschwächt, daß sie keinerlei Wider­­standskraft mehr besaßen. Viele konnten sich morgens nur noch zur Arbeit schleppen und niemand wußte, ob sie den Tag überleben würden. Die Tschechen nah­men darauf keine Rück­sicht. Je mehr starben, um so weniger gab es von diesen verhaßten Deutschen.

Was und wo meine Mutter arbeitete, habe ich nie erfahren. Hin und wieder brachte sie in einem kleinen zerbeulten Töpf­chen Essensreste mit, die zwischen meinem Bruder und mir auf­geteilt wurden. Ich habe nie danach gefragt, wo sie diese Reste zusam­men­gekratzt hat. An Hy­giene wurde damals nicht gedacht. Man hatte Hunger und hätte alles in sich hinein­ge­stopft, wenn es nur nach Lebensmittel roch und aus­sah. Gierig machte ich mich jedes­mal über diese Reste her. Mutter ver­folgte jeden meiner Bissen mit glänzenden Augen. Später, viel viel später, wurde mir bewußt, daß der Glanz in den Augen meiner Mutter nicht Freude über meinen Appetit, sondern Trä­nen waren. Sie selbst hatte wohl den ganzen Tag auf Essen ver­zichtet, um es uns geben zu können. Hungrig und mit leerem Ma­gen mußte sie nun zusehen, wie wir mög­licherweise den Lohn ihrer Arbeit - vielleicht waren diese Brocken das Entgelt für ihre Schufterei - aufaßen. Wir Kinder mach­ten uns damals keine Gedanken. Wir bekamen etwas mitge­bracht und es schmeck­te uns. Es mag für eine Mutter zum einen eine Genug­tuung sein, ihren hungrigen Kindern etwas geben zu können. An­dererseits aber hatte sie Zwangsarbeit leisten müssen, ohne Be­zahlung, ohne Essen. - Die Scheibe trockenes Brot, auf die sie sich gefreut hatte, konnte ich ihr oft nicht geben.

Unseren Vater haben wir während des Aufenthaltes im Trop­pau­er Lager nicht gesehen. Wie bereits erwähnt, waren die Männer in einem anderen Barackentrakt untergebracht und weit­aus größeren Torturen ausgesetzt als die Frauen. Auch er ar­beitete außerhalb. Wie sich aller­dings erst später heraus­stel­len sollte, er­fuhr unser Familienleben gerade seines Arbeits­platzes wegen eine etwas glücklichere Wende.

Etwas Widerwärtiges waren für mich die Latrinen. Zum einen schämte ich mich, mit nacktem Unterteil hier zusammen mit ande­ren Frauen und Kindern sitzen zu müssen, zum anderen hatte ich eine wahnsinnige Angst, in die Grube zu fallen. Bei der Latrine handelte es sich um eine Bretterbude ohne Türen. Es gab zwar ein Dach, aber der Wind pfiff durch die Bretter und Öffnungen. An jeder Längsseite der Grube befand sich ein Sitzbalken. Bei voll­besetzter Latrine konnten etwa 40 - 50 Menschen gleichzeitig ihre Notdurft verrichten. Da es keine andere Möglichkeit gab, als sich am Sitzbalken selbst festzuhal­ten, wagte ich meist nicht, mich hin­aufzusetzen, zumal meine Füße nicht ganz auf den Boden reich­ten. Nicht nur die Vor­stel­lung, in diese Grube zu fallen, ließ mich erschauern, sondern auch die Erzählungen der um mich Her­um­sitzenden schürten meine Angst. Hier erhielt das Wort „Latri­nen­gerücht“ seine rich­tige Bedeutung. So erzählte man sich zum Beispiel, daß es Fäl­le gegeben habe, in denen Menschen zur Stra­fe in Latrinen ge­worfen und andere gezwungen wurden, trotzdem oder gerade des­halb, ihre Exkremente darauf fallen zu lassen. Andere berich­teten von Fällen, in denen man Verstorbene oder er­schossene Men­schen einfach in Latrinen entsorgt hat. Irgendwann waren sie unter dem Kot verschwunden. Wann immer ich eine der bei­den Latri­nen betrat, suchte ich - so ekelhaft es auch war - mit den Augen die Grube ab. Der Gedanke, daß da unten jemand lie­gen könne, hat mich nie losgelassen.

Doch auch andere Geschichten erfuhr man an diesem sehr stin­kigen Ort. Hier war man unter sich, nicht unter Aufsicht, hier konnte man seinen Gedanken und Worten freien Lauf las­sen. Das hörte sich dann so an: „Wißt Ihr, was man mit Frau XY gemacht hat? Ihr Kopf wurde kahlgeschoren. Man hat sie an den Pfahl neben einer Baracke festge­bunden und läßt schon seit vielen Stunden ständig Wassertropfen auf immer die glei­che Stelle ihres Kopfes fallen. Sie kann sich nicht wehren und ist dem Wahnsinn nahe. Das gleiche Schicksal ist vor ihr schon an­deren wider­fahren.“ Oder: „Gestern abend hat man wieder einige Männer schreien hören. Sie waren gezwungen worden, im Dreck Liege­stützen zu machen, 20, 30 hinter­ein­ander. Wenn sie es vor Schwäche nicht schafften, drosch man ihnen Knüppel ins Kreuz oder schlug sie ins Genick. Und wenn sie nicht mehr in der Lage waren, sich wieder aufzu­richten, wurden die an­de­ren Deutschen aufgefordert, mit Prügeln auf sie einzuschlagen, weil sich die Tschechen an der verdreckten Klei­dung dieser Arm­seligen die Hände nicht beschmutzen woll­ten. Ich weiß das von dem Jugend­lichen K., der zur Baracke der Männer ge­schli­chen ist, um den Aufenthaltsort seines Vaters ausfindig zu machen.“


Solche und ähnliche Greuelgeschichten bekam ich fast täg­lich zu hören. Häufig handelte es sich um Vorfälle, die mein Fas­sungs­vermö­gen überstiegen. Ich konnte nicht glauben, daß es Men­schen gibt, die solch grausamer Taten fähig sind. Und warum tut man das alles, fragte ich mich oft. Warum mußten wir aus der Wohnung, warum werden hier so viele verprügelt, warum gibt man uns nichts zu essen, warum, warum? Ich war ein Kind von knapp 11 Jahren. Ich wußte nur, daß wir Deutsche und die ande­ren Tschechen sind. Aber warum wir von den Tsche­chen so be­han­delt und mißhandelt werden, habe ich nie ver­standen.

Es vergingen Wochen und Monate, mal gab es mehr, mal weni­ger Wanzen und Flöhe. Tagen der Schikane folgten auch Tage der Ruhe. Nach jedem Regen glich das ganze Lager einer einzigen Schlamm­wüste. Menschen erkrankten, Menschen bra­chen plötz­lich zusammen, starben. Ich erinnere mich nicht mehr, wie oft wir des Nachts antreten und das Deutschlandlied sin­gen mußten. Ich habe auch nicht die Schüsse ge­zählt, die nachts durch das Lager peitschten. Irgendwann erfuhr man dann bei einer Latrinen­sitzung, daß es wieder mal einen er­wischt hat­te, der das Lager unbemerkt verlassen wollte. Als Kind in­ter­essiert man sich glück­licherweise nicht für alle Einzelheiten, man hört vieles nur so nebenbei. Aber all das, was ich in die­sem Lager bewußt mitbe­kom­men und erlebt habe, hat sich tief in meiner Seele eingeprägt. Einige Bilder stehen noch heute unauslöschlich vor meinem gei­sti­gen Auge.

Wie lange unser Aufenthalt in diesem Troppauer Lager dau­erte, weiß ich nicht. Ebensowenig vermag ich mich zu erinnern, zu wel­cher Jahres­zeit wir dort untergebracht waren. Doch bald sollte der Tag kommen, an dem wir wieder ein echtes Fami­lien­leben außerhalb des Stacheldraht­zaunes führen durften. Diese Ver­ände­rung verdanken wir dem damali­gen Arbeit­geber meines Vaters, Herrn Slovaček. Dank seiner Hilfe konnte die Familien­zu­sam­men­führung erfolgen. Er war zwar Tscheche, ist den Deutschen gegenüber aber Mensch geblieben.


Im Hause des tschechischen Geschäftsmannes Slovaček

Die Familie Slovaček stammt - so hatten wir erfahren - aus Prag oder Brünn und war, wie viele ande­re Tschechen auch, nach dem Kriege in die ehemals deutschen Gebiete übergesiedelt.

Herr Slovaček war Besitzer des Elektro- und Radiogeschäfts am Masarykplatz, früher Rathausplatz. Auf welche Weise mein Vater, gelernter Elektro-, Rundfunk und Fernmeldetechniker, zu diesem Arbeits­­platz kam, ist mir nicht bekannt. Fest stand, Vater war erste Kraft bei Slovaček und wurde von diesem sehr ge­schätzt. Zur damaligen Zeit standen Reparatur­arbeiten hoch im Kurs. Die Anschaf­fung neuer Geräte konnte sich kaum jemand lei­sten. Es gab nichts, was Vater nicht zu reparieren in der Lage ge­wesen wäre. Die Kunden strömten, das Geschäft lief gut. Slovaček, der mit meinem Vater sehr zufrie­den war, fühlte sich ihm verpflichtet. Dieser Verpflichtung entledigte er sich in der Weise, daß er auf Bitten meines Vaters bei der Lagerverwaltung vor­stellig wurde, und unter Hinweis auf die Notwen­digkeit einer Fach­kraft, nämlich der meines Vaters, den Antrag auf Freilassung aus dem Lager und Fa­milien­zusammenführung stellte. Als weite­ren Grund hatte er an­ge­führt, dringend eine Putzfrau für sein Ge­schäft zu benötigen. Diese Arbeiten sollte meine Mutter über­neh­men. Es war zwar nicht gerade eine Ehre für Mutter, als Putzfrau tätig zu werden, doch unter den damaligen Umständen waren die Eltern froh, dem Lager entrinnen und einige Kronen verdienen zu können. Slovaček, der in einem anderen Stadtteil wohnte, bangte auch um die Sicherheit seines Ladens, da das kom­plette Gebäude, in dem sich im Erdgeschoß das Elektro­ge­schäft befand, unbe­wohnt war. Die Mieter waren vertrieben wor­den, die eingerich­teten Wohnungen standen leer. Des Nachts streunten Zigeuner durch sämtliche leerstehenden Häuser und ließen alles mitgehen, was nicht niet- und nagelfest war.

Dank dieser Fürsprache konnten wir also das Lager verlassen. Slovaček hatte nun sein Personal und, wie er glaubte, eine Be­wachung für Ge­schäft und Gebäude. Im Geschäftshaus standen uns alle Wohnungen, natürlich komplett eingerichtet, zur Aus­wahl zur Verfügung. Wir ent­schieden uns für die in der zweiten Etage, die zudem noch durch eine Tür mit der daneben­liegen­den Wohnung verbunden war, so daß wir ein ganzes Stockwerk für uns hatten. Zum einen war es herrlich, sich nach einer so langen Zeit des Lagerlebens wieder ausbreiten zu kön­nen, an­de­rerseits aber waren wir uns klar darüber, daß wir uns der Einrich­tungs­­gegen­stände von Menschen bedienten, die, ebenso wie wir, ver­trieben worden waren.

Vater arbeitete den ganzen Tag unten im Laden. Unsere Mutter ver­richtete in den Vormittagsstunden ihre Putzarbeiten. Auf diese Weise hatten meine Eltern ein kleines Einkommen, auch wenn man sich zur damaligen Zeit kaum etwas kaufen konnte. Es gab so gut wie nichts, schon gar nichts für uns Deutsche. Wenn ich mich recht erinnere, benötigte man sogar noch Lebensmittel­karten.

Wir fühlten uns - zumindest tagsüber - in diesem Haus sehr wohl. Des Nachts allerdings wurden wir häufig gestört und nicht wenige Male brach herumstreunendes Gesindel die Haus­tür auf, um in den frei­stehenden Wohnungen zu plündern. Man schlief daher fast immer mit „einem wachsamen Ohr“, um sich als An­we­sen­de im Hause sofort bemerkbar machen zu können. In der Regel genügte es, polternd die Wohnungstür zu öffnen, das Treppen­haus zu beleuchten und die Stimme zu erheben. Da die Eindringlinge das Haus unbewohnt ver­muteten, reichte die­ser Überraschungs­effekt zur ersten Abschreckung aus. Aller­dings kam es manchmal auch zu unliebsamen Wortwech­seln, glück­licherweise aber nicht zu Handgreiflichkeiten.

Das Leben in den Lagern hatte seine Spuren an uns hinter­lassen. Wir waren schwach und unterernährt. Wie bereits ge­sagt, waren Lebens­mittel für uns Deutsche kaum zu haben. In den mei­sten Ge­schäften wurden wir abgewiesen. Mutter mußte des öfte­ren, mit einem in tschechischer Sprache ge­schrie­benen Ein­kaufs­zettel ver­sehen, auch für Slovačeks einkaufen. Diese Ge­legenheit nutzte sie dann, um auch für uns einige Kleinigkeiten zu erstehen, sofern unser Geld dazu über­haupt reichte. Zwar lebten wir jetzt in einer schön eingerichteten großen Wohnung, waren aber dennoch fast mittellos. Das geringe Einkommen meiner Eltern reichte nur für das Nötigste, vorausgesetzt, die tschechi­schen Geschäftsleute verkauften uns über­haupt etwas. Mein kleiner Bruder, mitt­ler­wei­le drei Jahre alt, konnte sich vor Schwäche kaum auf den Beinen halten, er mußte fast ständig getragen werden. Wenn un­sere Mutter wieder einmal ohne Waren von ihrem privaten Ein­kaufs­gang zurückkam, weil man sie aus den Ge­schäften gewiesen hatte, machte ich mich zusammen mit meinem Bruder, den ich mir auf die Schultern lud, auf den Weg. Hin und wieder gelang es mir, in einem Gemüse- oder Bäcker­laden etwas zum Essen zu er­ste­hen, aber sehr oft wurde auch ich aus den Geschäften gejagt. Ich trug Zöpfe, ein sichtbares Zeichen für Deutschtum. Mutter wollte meine langen Haare trotz­dem nicht abschneiden lassen. Darüber hinaus mußten sich deutsche Bürger durch ein „N“ als solche zu erkennen geben. Hatten während der Nazizeit die Juden ihren Stern zu tragen, so war es jetzt für uns das „N“, also Némec.

Meinen Bruder, der als kleines Kind über eine schöne Sing­stimme verfügte, hatte ich daraufhin abgerichtet, in Geschäften zu singen, und dann z. B. nach „chléb bez lístku“ (Brot ohne Mar­ken) zu bitten. Ein paar Brocken Tschechisch hatte ich von an­de­ren Kindern aufge­schnappt. Ob sie grammatikalisch richtig waren, kümmerte mich nicht. Er sang jedenfalls herzer­weichend, auch wenn ihm die Bedeu­tung der Worte nicht klar war. Seine Lieblingslieder hießen „Hoch droben auf dem Berg“ und „Blaue Jungs“. Statt des Textes „Nur die Liebe, nur die Liebe ganz allein…“ sang er munter „Nurdele, nurdele, Gans allein…“. Manch­­mal klappte das mit dem Brot. Es passierte aber auch, daß man ihn vertrieb oder fragte, warum denn die große Schwester nicht wieder selbst hereinkäme, nach­dem sie heute morgen schon einmal da war.
Es gab jedoch auch Tage, da konnten weder Mutter noch wir etwas in den Geschäften auftreiben. So versuchte ich es hin und wieder auch mit Betteln. Ich bettelte nicht um Geld, sondern um Lebensmittel, wenn ich sah, daß Tschechinnen mit vollbe­packten Taschen aus den Läden kamen. Die Erfolge waren nie­der­schmet­ternd, denn von wenigen Ausnahmen abge­sehen, wur­de ich mit Ohrfeigen traktiert, als dreckige Deutsche, oder gar als deutsches Schwein beschimpft.

Um überhaupt täglich etwas auf den Tisch bringen zu kön­nen, mußte sich unsere Mutter alles Mögliche ausdenken. Es war be­kannt, daß man aus Brennesseln Spinat zubereiten könne. Wir achteten nicht darauf, ob die Blätter noch vor oder schon nach der Blütezeit gepflückt wurden. Es kam nur darauf an, Gemüse daraus zu kochen. Manchmal wurde auch anderes Grün­zeug gesammelt und in der Küche verarbeitet. Wenn wir ab und zu Brot geschenkt bekamen, dann war das durchaus nicht immer frisch. Aber aus altem hartem Brot konnte man in der Backröhre „Scheiterhaufen“, ein sudetendeutsches Gericht, zubereiten. Milch holte ich täglich. Ab und zu fiel auch mal ein Apfel irgendwo ab. Auf die zu diesem Gericht gehörenden Eier mußten wir eben verzichten. Wir hatten Hunger, deshalb schmeck­­te uns alles, was wir auf den Teller bekamen. Manch­mal gab es an den Wochenenden auch Torte. Nach welchem Rezept die gebacken wurde, ist mir bis heute nicht klar. Fest steht, daß unsere Mutter auch mit dem Kaffee­satz, bei dem es sich nicht um Bohnen- sondern um den sogenannten „Spitz­kaffee“, also geröstete Gerste, handelte, sorg­sam umging. Mit eini­gen weiteren billigen Zutaten zauberte sie jedenfalls eine Kaffee- oder wie wir es nannten, eine Schoko­la­den­torte. Nicht nur wir selbst, auch unsere Mägen hatten sich ein­zuschränken. Auch wenn wir alle an Unter­ernährung litten - von der erfor­der­lichen Zufuhr an lebenswichtigen Vitaminen ganz ab­gesehen - hat­ten wir wenigstens so viel zu essen, um am Leben zu bleiben.

Da ich keine Schule besuchte, stand mir der ganze lange Tag zur freien Verfügung. Spielgefährten hatte ich so gut wie keine. Von den tschechischen Kindern wurde ich abgelehnt, wenn nicht gar vertrie­ben. Diese Kinder waren sich ihrer Handlungs­wei­se sicher nicht bewußt. Aufge­hetzt von den Eltern, falsch un­ter­rich­tet, taten sie eben das, was man ihnen eingetrichtert hatte: Deut­sche ächten, beschimpfen, be­spucken, verhöhnen, wenn mög­lich, auch schlagen. Es war für uns deutsche Kinder daher nicht leicht, uns unbehelligt im Kreise anderer zu bewe­gen, ge­schweige denn, Anschluß zu finden. Doch welches Kind denkt ständig an Rassen­haß, wenn es andere spielende Jugend­liche sieht und sich ihnen anschließen möchte? So war auch ich stän­dig auf der Suche nach Abwechslung und Kommunikation.
In der Nähe des Jägerndor­fer Eis­lauf­platzes be­fand sich eine Art Ver­gnü­gungs­park mit Schau­­keln, Ka­­rus­sell, Schieß­­bu­den und an­de­ren Be­lustigungen. Kin­der werden natürlich von solchen Attrak­tionen angezogen. Wie gerne wäre auch ich einmal mit dem Karussell gefahren. Doch für solche Ver­gnü­gun­gen hätten mir meine Eltern kein Geld gege­ben und auch nicht geben können. Dieser Rummelplatz war übri­gens der ein­zige Ort, an dem ich manchmal Kontakt mit tsche­chi­schen Kindern bekam, die mich nicht gleich verprügel­ten.

Eines Tages hatte ich einen genialen Einfall. Ich setzte meinen klei­nen Bruder auf ein Mäuerchen und befahl ihm, sich nicht wegzu­rühren. Dann begab ich mich zum Kettenkarussell, stieg die drei Holz­treppen hoch, ging von Sesselchen zu Sessel­chen und kassierte das Geld. Der Betreiber warf mir zunächst einen bösen, dann einen arg­wöhnischen Blick zu, aber er ließ mich gewähren. Nachdem ich alle Kunden ab­kassiert und sich das Karussell in Bewegung gesetzt hatte, ging ich zum Kassen­häuschen und übergab dem Besitzer das Geld. Er steckte es kom­mentarlos ein. Ich wartete die nächste Runde ab und kas­sierte wieder. Mein kleiner Bruder, ohnehin geschwächt, blieb still auf seinem Mäuer­chen sitzen und sah meinem Treiben zu. Dieser Ak­tivität, die mir außerdem Spaß machte, ging ich den ganzen Nach­mittag nach. Ich verfolgte damit kei­nen be­stimmten Zweck. Ich wollte nur ir­gend etwas Nützliches tun, wollte beweisen, daß ich als deutsches Kind helfen und ar­beiten kann. Offen­sichtlich wurde ich vom Vater eines Karussell fahrenden Kindes beobachtet. Nach einiger Zeit des Zusehens rief er mich zu sich, drückte mir die Anzahl von Heller, die für zwei Per­sonen erforderlich waren, in die Hand, und forderte mich auf, mit meinem Bruder das Karussell zu be­steigen. Ich muß ihn wohl ganz entgeistert angesehen haben, denn er lächel­te. Wann hatte mich jemals ein Tscheche angelächelt? Bis zu die­sem Tag wurde ich doch höchstens verjagt oder ver­prügelt. Ich nahm das Geld, bedankte mich freudig, holte meinen Bruder, setzte ihn auf meinen Schoß, und dann durften auch wir einmal durch die Luft fliegen. Der Karussellbesitzer machte zu­nächst Anstalten, unser Mitfahren zu verhindern, aber eine Geste des edlen Spen­ders hatte ihn wohl umdenken lassen. Mit mür­ri­schem Blick verfolgte er unsere Freude. Überglücklich kehr­te ich an diesem Tag nach Hause zurück.

„Mutti, ein Tscheche hat uns Geld geschenkt, damit wir Ka­rus­sell fahren können“, rief ich meiner Mutter schon an der Tür ent­gegen.
„Wos“, fragte sie ungläubig, „a Tscheche hot eich Geld gegä­ben fürs Karussellfohrn? Ja gibt's denn sowos heit ah noch?“ Meine Eltern konnten es kaum glauben, daß uns ein Tscheche Geld geschenkt haben soll.

Dies war einer der wenigen Freudentage. Kurze Zeit später sollte ich gleich wieder erfahren, was es heißt, eine Deutsche un­ter Tschechen zu sein. Da meine Mutter am Vormittag im Ge­schäft und in der Werk­statt zu tun hatte, wurde ich täglich zum Milchholen geschickt. Der Milch­laden befand sich auf der ge­genüberliegenden Seite des Platzes. Daß ich, mit meiner Milch­kanne in der Hand, häufig mehr als eine Stunde warten mußte, bis ich endlich bedient wurde, war keine Selten­heit. Man kannte mich und wußte, daß es sich bei mir um ein deut­sches Kind handelte. Also wurde ich immer wieder nach hinten ge­drängt und hatte zu warten, bis die tschechischen Kunden ab­ge­­fertigt waren. Schließ­lich mußte die Besitzerin des Ge­schäf­tes ihren tschechischen Kunden gegenüber demonstrieren, daß sie wisse, wie man Deut­sche behandelt. Fast täglich traf ich mit einem tschechischen Jungen zusammen, der immer wieder ver­suchte, mich zu zwicken, zu puffen oder mir Fußtritte zu ver­setzen. Er hatte in etwa mein Alter und richtete es im Ge­dränge des Ladens immer so ein, daß er einen Platz in meiner Nähe fand, um mich drangsalieren zu können. Ich bemühte mich stets, seinen Fuß­tritten, die von den um­stehenden Erwach­senen nicht bemerkt wurden, auszuweichen, doch nicht immer gelang mir das. Eines Tages passierte das, was ich schon des öfteren be­fürchtet hatte. Ich befand mich unmittel­bar vor der gläsernen Theke. Der Junge stand hinter mir und schlug mir wieder in un­un­terbrochener Folge seine Schuhspitzen in Knie­kehle und Wa­den. Aber es gelang mir, im rechten Augen­blick zur Seite zu tre­ten. Sein nächster Fußtritt traf nicht mich, son­dern sein Fuß knallte mit ganzer Wucht in die Glastheke, die natürlich zu Bruch ging. Es erhob sich ein großes Geschrei und mehrere Kun­den einschließlich der Besitzerin des Milch­ge­schäf­tes stürz­ten sich auf mich. Ich versuchte, mich zu recht­fertigen, in­dem ich den Vorgang schilderte. Doch wer glaubte schon einer Deutschen. Der tschechische Junge brachte seine Version vor und zeigte mit einer Unschuldsmiene auf mich. Er sei still hin­ter mir gestanden und habe nichts getan. Die Be­sitzerin ver­langte, meinen Namen und meine Anschrift zu wissen, denn mei­ne Eltern hätten den Schaden zu er­setzen. Der auf­ge­brachten Menschenmeute ent­kam ich nur, indem ich schleu­nigst mit meiner leeren Milchkanne den Laden verließ und nach Hause rannte.

Weinend und zitternd kam ich zu Hause an.
„Wos is n heite schon wieder passiert“, fragte mich besorgt meine Mutter.
Von den ständi­gen Fußtritten des tschechischen Jungen hatte ich zwar schon öfter berichtet, aber Mutter sah auch keine Mög­lich­keit, wie sie oder ich mich vor solchen Bösartigkeiten be­wah­ren könnte. Sie riet mir nur, zu versuchen, die Nähe dieses Jun­gen zu meiden, sobald wir uns zur gleichen Zeit im Laden be­fanden. Diese meine Versuche waren bisher immer fehl­ge­schla­gen, denn be­sagter Knabe fand zwischen den war­tenden Kun­den immer wieder ein Schlupfloch, um sich an mich her­an­zu­pirschen. Unter Schluch­zen erzählte ich, was sich im Laden ab­gespielt hatte. Meine Mutter war nun sehr beunruhigt, denn zum einen hätten meine Eltern niemals das Geld aufge­bracht, um die Glastheke zu er­setzen, zum anderen hätte ich dieses Ge­schäft nicht mehr be­treten dürfen. Da sich Er­eignisse, die mit Deutschen zusam­men­hingen, schnell herum­sprachen, mußten wir befürchten, auch woanders keine Milch mehr zu be­kom­men.

Mein Vater schilderte den Vorfall Herrn Slovaček, der vom Wahr­­­heitsgehalt meiner Aussage überzeugt war. Ohne weitere Fra­gen ging er hinüber in den Milchladen und klärte die Ange­le­genheit. Ob er auch für den Schaden aufkam, weiß ich nicht. Meine Eltern wurden jeden­falls dieserhalb nicht belangt. Ohne seine Fürsprache hätte dieser Vorfall für unsere Familie schlim­me Folgen haben können.

Die Slovačeks hatten selbst zwei Kinder, etwas jünger als ich, und brachten deshalb für den Wunsch meines Vaters, sich doch da­für ein­zusetzen, daß ich endlich wieder einmal eine Schule be­su­­chen könne, großes Verständnis auf. Nach dem Ende des Krie­ges gab es für uns deutsche Kinder keine Unterrichts­mög­lich­keit. Ich hatte also schon mehr als ein Jahr Schule versäumt. Wenn es schon keine deutschen Schulen mehr gab, so sollte ich wenigstens in die tschechische Schule gehen. Mitten aus der dritten Volks­schul­klasse war ich herausgerissen worden, irgend­wie mußte der An­schluß wieder hergestellt wer­den. Herr Slovaček leitete das Er­for­derliche in die Wege und zu Beginn des nächsten Schuljahres sollte ich nochmals mit der dritten Volks­schul­klasse anfangen.

Der erste Schultag rückte näher, meine Angst vor dem Unge­wis­sen wurde größer. Dann war es soweit. Mit einem kleinen Schreib­heft und einem Bleistift ausgerüstet, mehr konnten mir meine Eltern nicht geben, betrat ich das beschriebene Klassen­zimmer. Es handelte sich um eine gemischte Klasse. Ich wartete zu­nächst an der Tür ab, um zu sehen, ob jeder seinen bestimm­ten Platz habe. Dies schien nicht der Fall zu sein. Man setzte sich ir­gendwo und zu irgendwem hin. Also nahm auch ich in einer Bank neben fremden Kindern Platz. Niemand schenkte mir Be­ach­tung.

Dann betrat der Lehrer das Klassenzimmer, begrüßte die Schü­ler im neuen Schuljahr und rief Namen und mir unver­ständ­liche Num­mern auf. Als alle registriert waren, entstand eine Pause und in diese Pause hinein ertönten plötzlich die in einwandfreiem Deutsch gesprochenen Worte:

„Wir haben hier in unserer Klasse eine Deutsche, welche ist das?“
Dieser Frage hätte es nicht be­durft, denn der Lehrer wußte sehr wohl, daß ich die Deutsche war. Aus dieser Frage aber sprach ein Zynismus, der sogar mir - damals noch ein Kind - auffiel und sehr weh tat. Ich erhob mich. Gleichzeitig mit mir erhoben sich die Kinder vor, neben und hin­ter mir. Sie suchten sich andere Plätze. Ich saß allein, rings um mich herum Leere. Der Lehrer grinste. Die auf mich ge­richteten Blicke der anderen Schüler waren wie Blitze. Nach all dem, was ich schon vorher auf der Straße und in den Geschäften erlebt hat­te, konnte ich mir vorstellen, wie ich in dieser Klasse behandelt wer­den würde. Schon an diesem ersten Tag mußte ich damit rech­nen, vor dem Klassenzimmer verprügelt zu werden, denn die Kin­der wa­ren von ihren Eltern aufge­hetzt wor­den. Sie verhielten sich Deutschen gegenüber genauso wie die Erwachse­nen. Ich hat­te also nichts Gutes zu erwarten. Mit einer Unter­stützung sei­tens des Lehrers brauchte ich nicht zu rechnen. Er hatte mir sein wahres Gesicht bereits gezeigt. Ich ließ den ersten Schultag über mich ergehen und als die Glocke er­tönte, rannte ich mit meinem Heft und dem Blei­stift aus dem Klassen­zimmer und auf schnell­stem Wege nach Hause.

„In diese Schule kann ich nicht mehr gehen, Vati“, rief ich meinem Vater, der mich erwartungsvoll an der Wohnungstür empfing, entge­gen. „Ich habe Angst. Die schlagen mich doch nicht nur, die er­schlagen mich doch. Es sind fast alles Jungen in der Klasse“, fuhr ich aufgeregt fort. „Wenn du die Blicke ge­se­hen hättest, wie die mich angesehen haben. Die warten doch nur darauf, bis ich auf die Straße komme. Bitte, Vati, schick' mich nicht wieder in diese Schule. Kannst du nicht mit mir lernen?“ -
Meine Eltern besprachen sich, denn sie konnten sich gut vor­stellen, wie meine Schultage in der tschechischen Schule abge­laufen wären.


Wieder ging Vater zu Herrn Slovaček und schilderten diesem mei­nen ersten Schultag. Slovaček be­dauerte die Umstände. Als Tscheche aber wußte er, in welcher Gefahr ich mich einer Klas­sen­­meute gegenüber befand und daß man mir als der einzi­gen Deutschen in der Klasse mit Sicher­heit kaum eine Chance gege­ben hätte, auch mit noch so guten Leistungen eine objektive No­te im Zeugnis zu erhalten. Es war und blieb mein einziger Schultag in der tschechischen Schule, Herr Slovaček meldete mich wieder ab.
Zu all den Nöten, die meine Eltern bereits hatten, kam nun auch noch die Sorge um mich bzw. um meine schulische Aus­bil­dung hinzu. Ich war 11 Jahre alt und hatte noch nicht einmal die dritte Volks­schulklasse absolviert. Meine Eltern waren ratlos. Die Schu­le war für sie zum Problem Nummer Eins geworden. Und wie sollte ich je wieder Anschluß finden, wenn die unter­richtslose Zeit noch länger andauerte? All meine schon vor Jah­ren noch wäh­rend der Kriegszeit vorgebrachten Wünsche brauch­te ich jetzt gar nicht mehr wiederholen. Es gab wichti­gere Dinge für mein Leben als den Eiskunstlauf, der mich schon im­mer fasziniert hatte, das Akkordeon, das Turnen. Und Bücher, Bücher. Ich las alles, was mir in die Hände fiel, zur damaligen Zeit natürlich am liebsten Sagen und Märchen. Doch wo gab es noch deutsche Bücher? Die Tschechen hatten jeg­liches deut­sches Schrifttum ver­nichtet. Einiges an Lese­material trieb ich bei meinen täglichen Streif­zügen, meist in der Gegend um den Minoriten­platz, wo früher meine Großeltern lebten, auf. Wann immer die Tschechen ver­lassene, aber eingerichtete Woh­nungen be­setzten, war­fen sie alles, was sie nicht benötigten, hinaus, um es zu verbrennen. Dazu gehörten natürlich vor allem deutsche Bücher. Einige konnte ich vor den Flammen retten, andere fischte ich aus der Oppa, sofern sie nicht schon total durchweicht waren. Zu­mindest auf diesem Gebiet blieb mein Geist rege und auch die Orthographie geriet nicht in Ver­gessen­heit. Doch die Sorge um meine Aus- und Weiter­bildung lastete schwer auf der Seele meiner Eltern.
Der Haß der Tschechen auf uns Deutsche hielt unvermindert an, ja er verstärkte sich sogar von Tag zu Tag. Ich konnte mir dieses Verhal­ten nie erklären, denn weder meine Eltern noch ich hatten den Tschechen jemals irgend etwas zuleide getan. In all den Jahren zuvor hatten wir, Deutsche und Tschechen, ein­träch­tig in Jägerndorf zusam­mengelebt. Auch wenn ich nun die Ausdrücke „Nazischweine“ oder „deutsche Mörder“ hörte, hatte ich kein schlechtes Gewissen. Warum auch, ich war Kind. Auf meine dies­bezüglichen Fragen den Eltern gegenüber wurde mir ge­sagt, daß weder Vater noch Mutter irgend­einer Organisation oder Partei an­ge­hört hatten. Vieles blieb mir unverständ­lich und konnte mir auch von den Eltern nicht erklärt werden. Ich glaube, sie wußten selbst nicht, warum sie plötz­lich von den Tschechen so miserabel behandelt wurden.

Immer häufiger zogen Menschen mit ihrer wenigen Habe be­laden durch die Straßen Richtung Bahnhof. Sie hatten sich für die Aussied­lung angemeldet und waren nun auf dem Ab­trans­port Richtung Westen, also Deutschland. Auch mein Vater sprach wäh­rend dieser Zeit oft vom „Aussiedeln“, aber auch davon, daß es Zeit sei, mich wieder in eine Schule zu schicken. Er hatte wohl auch mit seinem Arbeitgeber, Herrn Slovaček, über seine Ab­sich­ten gesprochen, aber soweit ich das mit­be­kam, war Herr Slovaček von dieser Idee nicht begeistert. Er wollte meinen Vater behalten, er benötigte ihn. Und er ver­sprach, sich einzu­setzen, damit Vater bzw. unsere ganze Familie, die tsche­chische Staatsbürgerschaft er­halten sollte. Nur unter dieser Vor­aus­setzung hätten wir weiter­hin in Jägern­dorf bleiben dürfen. Meine Eltern wollten jedoch keinen Wechsel ihrer Staatsbür­gerschaft. Außerdem sahen sie weder für sich noch für uns Kin­der eine ge­si­cherte Zukunft. Ihre Pläne, Jägerndorf zu verlassen, nahmen immer festere Formen an.

Von den Dingen, die wir zur damaligen Zeit besaßen, gehörte uns eigentlich nichts. An unsere Ersparnisse, die auf der Jägern­dorfer Spar­kasse lagen, kamen wir nicht mehr heran. Die Spar­bücher, Doku­mente, Fotos, Einrichtungsgegenstände, Klei­dung, Spiel­sachen, alles war in der Anzengrubergasse verblie­ben. Hier im Hause von Slovaček bedienten wir uns des Eigentums ande­rer Menschen. Die wenigen Dinge, die meinem Vater gehörten bzw. die er sich wieder neu ange­schafft hatte und an denen er per­sönlich hing, versuchte er zu retten. Möglicher­weise ist ihm das auch gelungen, doch überprüf­bar ist das nicht mehr.

Das Haus am Masa­ryk­platz, in dem wir nun wohnten, be­saß außer ei­nem Flachdach, von dem aus man den ganzen Platz, Rathaus, Stadt­kirche und einen Teil des Parks sehen konnte, auch einen großen ge­mauerten Tauben­stall, der sich oberhalb des Dach­bo­dens be­fand. Mit der „Architektur“ des Tauben­stalles hatte sich mein Vater ein­gehend befaßt und er war zu dem Ergebnis ge­kom­men, daß man dort ein sicheres Ver­steck für seine ihm liebge­wor­denen Schätze - es handelte sich über­­wie­gend um für dama­lige Verhältnisse wertvolle Foto­sachen - anlegen könne. Vater ist davon ausgegangen, daß wir irgend­wann wieder ein­mal nach Jägerndorf zu­rückkehren. Dann hätte er sich seine Dinge wieder holen können. Er hämmerte eine Seiten­wand des Taubenstalles auf, baute in das Mauerwerk eine Nische, packte seine Gerät­schaften sorg­fältig ein und ver­schloß das Ver­steck so, daß man äußerlich nichts erkennen konn­te. Der Tauben­schlag wurde hinterher noch einmal schön ge­tüncht. Sollte der Aufbau für die Tauben bis heute unberührt ge­blie­ben sein, dann befinden sich Vaters Fotoschätze noch in diesem Mauerwerk.

Obwohl die Slovačeks immer wieder versuchten, meinen Va­ter davon zu überzeugen, daß sich die Verhältnisse irgend­wann für uns Deutsche ändern würden, entschieden sich meine Eltern für die Aus­siedlung, auch wenn ihnen dieser Schritt sehr schwer­fiel. Slovaček hatte sich schon so oft für unsere Belange ein­gesetzt, noch mehr konnte und durfte er nicht tun. Sie waren Tschechen, und in den Augen ihrer Landsleute hätten sie an An­sehen verloren bzw. wären geächtet worden, wären sie uns Deutschen noch weiter entgegen­gekommen.

Vater meldete uns zur Aussiedlung an. Das bedeutete, wie­der­um in einem Lager leben zu müssen, diesmal im Burgberg-, dem Aussied­lungslager. Jedem Aussiedler war es erlaubt, 20 kg Ge­päck mitzu­nehmen. Mutter suchte all das zusammen, was sie für not­wendig hielt. Dazu gehörten vor allem Decken, die allein schon ihr Gewicht mit­brachten. Ansonsten wurden nur einige Klei­­dungsstücke und etwas an Geschirr eingepackt, Gegen­stän­de, die uns eigentlich nicht gehörten. Doch über die recht­mä­ßi­gen Besitzer dieser Wohnungen bzw. deren Einrichtung und Aus­stat­tung war uns nichts bekannt. Wir hatten die Woh­nung bzw. das ganze Haus, welches uns von Slovaček zur Verfü­gung ge­stellt wor­den war, mit aufgebrochenen Türen, ver­lassen und völ­lig durch­­wühlt, vorgefunden. Unser persönlicher Besitz, Do­ku­men­te, Fotografien und andere Andenken waren ohnehin in der Woh­nung Anzengrubergasse verblieben. Da ich um meine Schlaf­puppen weinte, zumal ich schon das ganze Puppenhaus mit Möbeln und den kleinen Schildkrötpuppen zurücklassen mußte - alles Spiel­zeug, welches wir in der Wohnung am Masarykplatz vorge­fun­den hatten - erhielt ich die Erlaubnis, Pup­pen und einige Märchenbücher mitzunehmen. Mit Sicher­heit wären andere Dinge nützlicher gewesen, doch das konnte ich als Kind damals nicht beurteilen. Ich hing an meinen be­schei­denen neuen Schätzen.

Den Abschied von Slovaček werde ich nie vergessen. Wir stan­den ein letztes Mal im Hausflur zusammen, unsere je 20 kg Ge­päck um uns herum. Herr Slovaček blickte auf die Bündel und Koffer, dann auf uns, und plötzlich stiegen ihm Tränen in die Au­gen. Weinend reichte er uns, besonders innig aber mei­nem Vater, die Hände und drückte sie. Dann besann er sich, rann­te zurück ins Geschäft und brachte ein Ab­schiedsgeschenk: Eine Dynamo­taschenlampe, die ununterbrochen be­tätigt werden mußte, wollte man Licht haben. Zur damaligen Zeit war dies ein seltenes und wertvolles Stück. Vater nahm dieses Geschenk er­griffen entge­gen. Dann rafften wir unser Gepäck auf und mach­ten uns zu Fuß auf den Weg hinauf zum Burgberglager.


Das Aussiedlerlager am Burgberg

Auch dieses Lager, unterhalb der Burgbergkirche angelegt, war umzäunt und stand unter Bewachung. Wieder befanden wir uns in Holzbaracken, deren einziges Mobiliar aus hölzernen Stock­betten mit Strohsäcken bestand. Im Gegensatz zu den an­deren Lagern, in denen wir bisher gelebt hatten, herrschte hier eine noch drängen­dere Enge, denn jeder der Insassen hatte seine 20 kg Gepäck in Form von geschnürten Bündeln und Kof­fern bei sich. Es herrschte gedrückte Stimmung. Nicht allein die Tat­sache, daß man die Ge­burts- und Heimatstadt verlassen mußte, sondern auch die Unge­wißheit vor der Zukunft bereitete den Menschen Sorge. Niemand wußte, wohin die Reise gehen würde. Ebenso wenig war bekannt, auf welche Weise sich sol­che Transporte abspielen.

Wir Kinder hatten uns schnell damit abgefunden, wiederum ein Lagerleben führen zu müssen. Diesmal war die Aufenthalts­dau­er nicht von langer und unbestimmter, sondern von be­grenz­ter Zeit. Den Tschechen war daran gelegen, möglichst viele Deut­sche inner­halb kürzester Frist außer Landes zu beför­dern. Eigent­lich wäre in diesem Lager eine Bewachung unnötig ge­wesen, denn wer sich einmal zur Ausreise entschlossen und sein Gepäck auf den Jägerndorfer Hausberg geschleppt hatte, war nicht an Flucht interessiert. Doch nach Meinung der Tsche­chen gehörte zu Lager und Stacheldraht auch bewaffnetes Be­wa­chungspersonal. Damit konnte Macht und Stärke demon­striert werden.

Die Tage des Wartens vergingen für mich mit Spielen, Her­um­sitzen oder Lesen. Zweimal täglich durften wir Essen fassen. Es handelte sich dabei um die übliche dünne Suppe und Brot. Meine Puppen waren gut verpackt. Das Bündel wurde auch nicht mehr geöffnet, denn der Zeitpunkt unserer Abreise war nicht bekannt. Wir warteten.

Meine Eltern hatten sich mehrmals in der Verwaltungs­baracke ein­­zufinden, es wurden Formulare ausgefüllt und sonstige büro­kratische Dinge erledigt. Schwierigkeiten ergaben sich, wie bei manchen ande­ren auch, insofern, als wir über keinerlei Doku­men­te verfügten. Wir besaßen weder Geburtsurkunden noch ir­gend­welche Ausweise. All diese Unterlagen waren in der Woh­nung Anzengrubergasse geblieben. Alles, worauf wir uns stüt­zen konn­ten, waren Bescheinigungen bzw. „eidesstattliche Er­klä­rungen“, welche Bekannte oder Verwandte ab­gegeben hatten. Meine Eltern fühlten sich recht- und staatenlos.

Auch wenn ich seinerzeit noch keine 12 Jahre alt war, so hat­te diese bevorstehende Aussiedlung für mich große Bedeu­tung. Ich war in Jägerndorf geboren und aufgewachsen. Außer dieser Stadt hatte ich kaum einen anderen größeren Ort kennen­gelernt. Der Burgberg, auf dem sich dieses Lager befand, war mir von den Sonntagsspazier­gängen her bekannt, er gehörte mit zu den häu­figsten Ausflugszielen unserer Familie. Hier oben hatten wir im Sommer oft gesessen und der Musikkapelle, die an Fest­ta­gen in manchen Gaststätten spielte, zuge­hört. Hier erlaubten sich meine Eltern hin und wieder ein Gläschen Wein und ich durfte Limona­de oder Kakao trinken, Eis oder Kuchen essen. An diese für mich damals schönen Zeiten erinnerte ich mich nun, als ich zum Wald und Richtung Burgbergkirche blickte.


In unserer übervoll belegten Baracke befanden sich zwei jün­gere Frauen, die sehr schön singen konnten. An manchen Aben­den, wenn sich alle schon auf ihre Strohsäcke niedergelegt hatten und das Licht gelöscht war, sangen sie ihre Lieder. Zum Re­per­toire gehörte auch „Heimat, deine Sterne“. In solchen Momenten gab es niemanden in der Baracke, der nicht weinte. Auch mir liefen die Tränen über die Wangen.

Eines Tages hieß es, sich für den Abtransport vorzubereiten. Es war mittlerweile Herbst geworden, die Bäume am Burgberg hat­ten ihr buntes Kleid angezogen. Der Natur standen mehr Far­ben zur Auswahl als uns an Kleidung. Soweit ich mich erin­nere, besaß ich außer dem Kleidchen, welches ich am Leibe trug, nur noch ein weiteres zum Wechseln und ein dünnes schä­bi­ges Mäntelchen. Ich hatte damals auch nur ein einziges Paar Schuhe, und zwar schwarze knöchelhohe Winterschuhe zum Schnüren. Es war unser letzter Abend im Burg­berglager, am nächsten Morgen sollte es losgehen. In der Baracke herrschte re­ger Betrieb. Jeder suchte seine Sachen zusammen, um am dar­auffolgenden Tag keine Zeit zu verlieren. Da wir von un­se­rem Gepäck kaum etwas ausgepackt hatten, benötigte meine Mutter für diese letzten Handgriffe kei­ner­lei Hilfe. Ich schlen­derte daher noch einmal durchs Lager und blieb dann an dem der Stadt zugewandten Zaun stehen. Von hier oben hatte man einen schönen Ausblick auf das gesamte Stadt­bild, auf das in der Abendsonne glänzende Dach des Rathaus­turms, auf die vie­len hohen Fabrikschornsteine. Mit den Augen suchte ich unsere Anzengrubergasse, den Park, die Schule. Weh­mütig nahm ich das ganze Panorama in mich auf.
Die Gefühle, die mich damals bewegten, kann ich heute noch nachempfinden. In jenem Moment erschien mir meine Geburts­stadt, eingebettet in die umliegenden Hügel, so wunderschön, daß ich einfach nicht glauben wollte, all dies nicht mehr wie­der­sehen zu dürfen. Oder kom­men wir vielleicht nach einer gewissen Zeit doch zurück? Niemand hätte mir diese Frage beant­worten können. Keiner wußte, wie es weiter­gehen und was uns die Zukunft brin­gen würde.

Warum dürfen wir nicht hierbleiben? Warum behandeln uns die Tschechen so schlecht? Wohin würden wir morgen fahren? Wird es eine weite Reise sein? Kommen wir wieder in Lager oder wer­den wir künftig in Wohnungen leben? Was wird das wohl für eine Schu­le sein, die ich später besuche? Mit welcher Klasse fange ich wieder an?

Fragen über Fragen, die mir durch den Kopf schossen. Da stand ich nun, allein, und die Tränen kullerten mir über die Wangen. Ich kam mir plötzlich ganz verlassen vor, obwohl ich meine Eltern nur wenige Meter entfernt in der Baracke wußte. Mir kamen mei­ne früheren Schulkameradinnen, meine Spiel­ge­fährten in den Sinn. Ich sah mich in der Wohnung Anzengruber­gasse auf mei­nem Stühlchen neben dem Kachelofen sitzen, mein Lieblings­buch, die Blunck-Märchen, auf dem Schoß. Wie oft hatte ich ver­sucht, die darin abgebildeten ulkigen Fi­guren nachzumalen, was mir nie gelungen ist, denn Zeichnen gehörte nicht zu meinen Stär­ken. Der Trick mit dem dünnen Pauspapier hatte mir da schon eher weitergeholfen.

Erinnerungen und Gedanken hatten mich so gefangen­ge­nom­men, daß ich nicht bemerkte, wie schnell die Abenddämmerung her­ein­gebrochen war. Noch einmal ließ ich das Panorama an mei­nen Augen vorüberziehen, dann trocknete ich schnell meine Trä­nen und kehrte in die Baracke zurück. Vor meinen Eltern wollte ich nicht weinen, sie waren selbst traurig genug. Meine Mut­ter hatte ohnedies ständig feuchte Augen. In der Baracke herr­­schte in­zwischen Ruhe. Die Mitbewohner hatten sich früh in ihre Betten zurückgezogen. Zum letztenmal sangen die beiden jun­gen Frauen „Heimat deine Sterne“, und diesmal schluchzten alle. Wann immer ich dieses Lied höre, bringe ich es gedanklich mit dem letzten Abend im Burgberglager in Verbindung. Seit­dem sind 50 Jahre vergangen, meine Kinder­zeit liegt lange zurück, aber die Tränen fließen nach wie vor, wenn ich an diese Augen­blicke und an die verlorene Heimat denke.

Früh am nächsten Morgen standen wir - Hunderte von Men­­schen - in Reih und Glied am La­ger­tor. Das, was ich zu tra­gen in der Lage war, hatte Mutter mir auf­ge­bürdet. Sie selbst schlepp­te neben ihrem Gepäck noch meinen kleinen Bru­der, der den weiten Weg bis zum Bahnhof nicht zu Fuß geschafft hätte. Alles andere mußte sich mein Vater auf die Schultern laden.
Unter Bewa­chung trieb man uns zum Bahnhof. Mehr­mals wur­den wir von tschechi­schen Pas­santen be­­schimpft und be­spuckt. Der­ar­­tige Demüti­gun­gen waren wir mittler­weile ge­wohnt, auch wenn wir sie nicht begreifen konnten. Seit der Ver­trei­bung aus der Wohnung haben wir immer nur dulden müssen, ohne uns je­mals gewehrt zu haben. Wir haben nie aufbegehrt, son­dern all die Schmach widerstandslos hinge­nommen. Auch wäh­­rend unserer letzten Schritte auf heimat­lichem Pflaster muß­ten wir Hohn und Spott über uns ergehen lassen. Der Weg führte mitten durch die Stadt, also auch am Geschäft des Herrn Slovaček vorbei. Er hatte wohl bei bisher allen Aussiedler­kolon­nen nach uns Ausschau gehalten. Diesmal waren wir dabei. Er winkte uns ein letztes Mal zu und ich sah, daß er seine Rührung kaum verbergen konnte. Meinen Eltern ging es ebenso. Slovaček hätte uns gerne dort­behalten, aber er wußte, daß Vater kein Tscheche werden wollte und wir als Deutsche keine Zukunft in unserer angestammten Heimat mehr hatten.

Am Bahnhof standen Viehwaggons bereit. Man befahl uns, ein­zu­steigen. Jeder suchte sich irgendwo einen Platz auf dem Boden. Die­jenigen, die einen Wandplatz erwischten, hatten we­nig­stens die Mög­lichkeit, sich anzulehnen. Die anderen mußten auf dem Boden hocken und hoffen, ohne große Rücken­schmer­zen die lange Reise zu über­stehen. Wäre Vieh transportiert wor­den, hätte man die Waggons sicher noch mit Heu oder Stroh ver­sehen. Wir hatten nichts, worauf wir uns setzen konnten, nicht einmal genü­gend Platz, um uns langlegen zu können. Nicht alle Waggons waren mit Türen versehen, bei einigen hat­te man nur Ketten vor­gelegt. Wir hatten das „Glück“, nach der Ab­fahrt die Schiebetür geschlossen zu bekommen und im Dun­keln sitzen zu dürfen. Arm dran waren diejenigen, die tage- und nächte­lang dem Fahrtwind und dem Ruß ausgesetzt waren. Daß die Trans­porte von bewaff­neten Bewachern begleitet wurden, ver­steht sich von selbst. Nach einer Wartezeit von mehreren Stun­den setzte sich der Zug dann endlich in Bewegung. Etliche Tage und Nächte sollten ver­gehen, ehe wir nach ca. 1.000 km Fahrt unser Ziel erreicht haben würden.


Der Transport in Viehwaggons

Der Zug ratterte und ratterte. Nachdem wir im verschlossenen und dunklen Waggon saßen, wußten wir nicht einmal, wo wir uns befanden bzw. wie es draußen aussah. Irgendwann hielt der Zug an und es dauerte wieder Stunden, bis er sich erneut in Bewegung setzte. Während der langen Reise - übrigens die wei­teste und läng­ste, die ich mit meinen kaum 12 Jahren je gemacht hatte - gab es auch einige längere Pausen, in denen wir die Wag­gons ver­lassen durften. Dies geschah aber niemals auf einem Bahn­­hof, son­dern irgendwo auf freier Strecke. Hier hatten wir dann auch Ge­legenheit, unser mitgebrachtes Brot zu essen oder einen Schluck Wasser zu trinken. Diejenigen, die über keinerlei Nah­rungs­vorräte verfügten, stürzten sich - so vorhanden - auf die liegengebliebenen Früchte abgeernteter Felder neben den Gleisen. In dieser Notlage schmeckten sogar Futterrüben.

Ein Vorkommnis wird mir immer in Erinnerung bleiben. Wie­der einmal hatte der Zug angehalten. Wir kletterten nach drau­ßen. Manche vertraten sich ein wenig die Beine, andere setzten sich an die Bahnböschung. Die Bewacher behielten uns ständig im Auge. Ein Entkommen wäre unmöglich gewesen. Ganz ab­ge­sehen da­von hatte niemand eine Ahnung, in welcher Gegend wir uns be­fan­den. Warum und wohin hätte man auch fliehen sollen?

Die Weiterfahrt verzögerte sich, wie schon so oft. Es waren bereits mehrere Stunden vergangen und nichts geschah. Einige Männer aus den hinteren Waggons waren auf ein Nebengleis hin­übergegangen und hatten sich dort auf die Bahnschwellen gesetzt. Niemandem war das Herannahen eines Güterzuges auf­gefallen, niemand hatte etwas gehört. Plötzlich ertönten laute Schreie, ein Zug donnerte vorüber, und zurück blieben drei total zer­fetzte Leichen. Wir Kinder wurden sofort in die Waggons zu­rück­be­fördert. Dennoch hörten wir das schreck­liche Weinen und Weh­klagen der Frauen, deren Männer auf diese Weise umge­kommen waren. Der Schock über dieses schreckliche Ereignis verfolgte uns während der ganzen weiteren Fahrt.
Wieviele Tage wir unterwegs waren, ist mir nicht mehr er­innerlich. Fest steht, daß wir am 16. September 1946 die „Durch­­­schleusungsstelle Furt im Wald“ passierten. Dort wurde uns ein Gesundheitsschein ausgehändigt, der folgende Ein­tra­gungen ent­hält:

„1. Der Inhaber dieses Scheines erhält nur gegen Vorlage des­selben Zuzugserlaubnis, Lebensmittelkarten und Re­gistrier­schein.

2. Wer eigenmächtig den Transport verläßt oder sich bei dem zustän­digen Flüchtlingskommissar nicht meldet, wird als vagabundie­rend erachtet und sofort in ein Arbeits­lager ver­bracht.

3. Der Verlust dieser Bescheinigung ist umgehend dem Lager­leiter bzw. auf dem Transport dem Transport­führer zu melden.“


Weiterhin ist in dem Schein vermerkt, daß wir „verpflegt“ und mit DDT-Puder „entlaust“ wurden. Dieser Bescheinigung war auch zu entnehmen, ob man „frei von Ungeziefer, verlaust, ob einer schwach, mittel oder stark von Kopf- oder Kleider­läu­sen befallen ist, und ob man an Krätze oder Tuber­kulose leidet.“ Ein Stempel „Mit Flüchtlingstransport weitergeleitet nach Bamberg“ zeigte uns wenigstens an, wohin die Weiter­reise ging.

Das nächste Ziel war also Bamberg. Am dortigen Bahnhof an­gekom­men, marschierte der ganze Treck mit den wenigen Hab­­seligkeiten Rich­tung Stadtmitte. Ein Schulhaus war ge­räumt und als Unterkunft zur Verfü­gung gestellt worden. Wir la­gerten, wieder­um dicht an dicht, in Klassen­zimmern zum Teil auf Stroh­säcken auf dem Boden, zum Teil auf Pritschen. Die sa­nitären Anlagen des Schulhauses mußten zur notdürftigen Kör­perreini­gung ausreichen. Hierfür standen nur die Kalt­wasch­becken in den Toiletten zur Verfügung. Wir hatten keine An­sprüche und waren froh, wieder einmal mit Wasser in Be­rüh­rung zu kommen, unsere Beine ausstrecken und eine Nacht durch­schlafen zu können. Ver­pflegt wurden wir wie üblich mit trocke­nem Brot, Kaffee und Suppe aus großen Kesseln. Das La­ger­leben waren wir mittler­wei­le schon gewohnt. Hier wurde we­nigstens niemand mißhandelt. Ob wir nur mehrere Tage oder gar Wochen hier verbrachten, ist mir nicht mehr erinnerlich. Zwi­schendurch verließen immer wie­der einige Gruppen dieses Be­helfslager. Man sagte, sie würden auf verschiedene Orte ver­teilt und in Zimmer oder Wohnungen eingewiesen.

Eines Tages bekamen auch wir, zusammen mit etwa 40 bis 50 an­deren Menschen den Auftrag, uns für den nächsten Tag be­reit­zuhalten. Wir würden weitertransportiert, hieß es.

Wieder marschierte der ganze Trupp mit Gepäck zum Bahn­hof. Einige alte Menschen waren kaum noch in der Lage, diesen Fuß­marsch mitzu­machen. Jüngere, noch etwas kräftigere, luden sich das Gepäck der Alten zusätzlich auf ihre Schultern. Wir alle haben sicher keinen guten Eindruck auf die hiesige Be­völ­kerung gemacht. Ungepflegt, manche fast zerlumpt, mit abge­tretenen Schuhen, so durchquerten wir die Stadt. Am Bahnhof ange­kom­men, stand schon ein Zug bereit, der uns weiter­be­för­derte, und zwar nach Rothenburg ob der Tauber.

Das Lagerleben ging also weiter. In Rothenburg wurden wir im „Gasthof zur Glocke“ unweit des bekannten „Plönlein“ un­ter­­ge­bracht. Der Gasthof war komplett geräumt worden, um Ver­triebe­ne im Gaststättenraum und Tanzsaal einquartieren zu können. Auch hier schliefen wir auf Strohsäcken auf dem Bo­den bzw. auf Feldbetten. Zwischen den Schlafstätten war je­weils nur ein schma­ler Durchgang geblieben. Man mußte über Kof­fer und Bündel steigen, wollte man den Schlafplatz bzw. die Eingangstür erreichen. Im Raum selbst herrschte wiederum eine drückende Schwüle ob der vielen zusammengepferchten Men­schen, Männer, Frauen, Kinder. Als Waschge­legenheit stan­­den nur die damalige Waschküche des Gasthauses sowie die kleinen Wasserbecken in der Toilette zur Verfügung. Es ist leicht vorstell­bar, in welchem Zustand wir uns alle befanden. Schwierigkeiten gab es auch bei der Notdurft. Für mehr als 50 Men­schen waren höchstens drei bis vier Toiletten vorhanden. Es blieb nicht aus, daß des Nachts im gemein­samen Raum zu­sätz­­lich noch mitgebrachte Eimer und Nachttöpfe, insbe­sondere für die Kinder, aufgestellt wurden. Der Geruch war entspre­chend. Die Behältnisse wurden am Morgen geleert und mit fri­schem kaltem Wasser aufgefüllt. Das Wasser diente zum einen als Trinkwasservorrat, zum anderen aber auch als zusätzliche Waschgelegenheit.

Wenn man die damaligen Verhältnisse in unseren Massen­unter­künften mit den heutigen in den Asylbewerberheimen ver­gleicht, dann leben die Asylsuchenden, die ihre Heimat­länder frei­­willig verlassen haben, im größ­ten Luxus - und dennoch stellen sie An­sprüche. Wir dagegen waren aus unserer Heimat ver­trieben worden und nun froh, überhaupt ein Dach über den Kopf und eine kärgliche Mahlzeit pro Tag zu erhalten. Wir er­hiel­­ten keine So­zial­hilfe, keine Freifahrscheine für öffent­liche Ver­kehrsmittel, für Schwimmbäder und dergleichen, wir wurden nicht neu eingeklei­det. Nie­mand von uns hätte sich damals ein eige­nes Auto, einen Radioapparat, einen Telefon­anschluß oder ähn­liches leisten kön­nen. Oh, hätten wir uns erlaubt, das Essen vor die Tür zu kippen, weil es nicht unserem Geschmack ent­spricht - von derartigen Un­dankbarkeiten dem Gastland gegen­über liest man fast täglich in den Tages­zeitun­gen - man hätte uns nichts mehr zuge­teilt. Im Gegensatz zu den heutigen „Flücht­lingen“ waren wir hungrig und ausgezehrt und froh über jeden Bis­sen Brot, den man uns reichte. Jede auch noch so kleine Hil­fe, die uns Mitmenschen zuteil werden ließen, machte uns glücklich.

Der Aufenthalt in Rothenburg muß sich wohl über einen län­ge­ren Zeit­raum hingezogen haben, denn meine Eltern meldeten mich bei der dortigen Schule zum Unterricht an. Nur wenige Wo­chen, dann sollte ich 12 Jahre alt werden. Wegen der feh­len­den zwei Schuljahre war ich nun schon um einiges älter als die an­de­ren Kinder, welche die dritte Volksschulklasse be­such­ten. Und genau in diese Klasse hätte ich auch wieder gehen müssen, um den Anschluß zu bekommen. Mit wenig Begeiste­rung mach­te ich mich auf den Weg zur Schule. Mein Interesse, welches ich frü­her immer für den Unterricht gezeigt hatte, war nach und nach ge­schwunden. Die Kinder und Lehrer waren mir fremd. Mit mei­nen abgerissenen Kleidern, still und verstört, wie ich mittler­weile ge­worden war, fand ich keinen Anschluß. Außerdem ver­stand ich den fränkischen Dialekt nicht. Hinzu kam, daß man mich ständig zwischen den Klassen hin- und her­schob. Zunächst hatte man mich in die dritte Klasse gesetzt, da ich aus dieser ja her­aus­gerissen worden war, aber festgestellt, daß ich hier wohl fehl am Platze sei. Trotz der fehlen­den Jahre schien ich keine Wis­sens­lücken gehabt zu haben. Man holte mich zu meinen Alters­genos­sen in die 5. Klasse, doch dort war ich überfordert. Es war sowohl mein Wunsch als auch der meiner Eltern, daß ich meinen frühe­ren Leistungen entspre­chend eine höhere Schule besuchen sollte. Das Alter dazu hatte ich erreicht, ja sogar schon überschritten. Es wurde mit der Schulleitung geredet und ver­handelt, doch ohne Ergebnis. In der Zwischen­zeit pendelte ich nach wie vor zwischen der dritten, der vierten und der fünften Volks­schulklasse herum, lernte dabei aber so gut wie nichts.

Das Schulproblem sollte bald eine andere Lösung finden. Man eröffnete uns, daß die einzelnen Familien nunmehr auf Dörfer im Um­kreis von Rothenburg verteilt werden sollten. Ca. 15 Jägern­dorfer Familien fanden in Endsee, einem kleinen Dorf bei Rothen­burg o.T., eine vorläufige Bleibe.


Einweisung der Vertriebenen: Endsee

Die Bahnfahrt von Rothenburg o.T. bis nach Endsee dauerte nur kurze Zeit. Das „Bahnhofsgebäude“ von Endsee bestand aus einer offenen Bretterbude, abseits vom Dorf und mitten im Wald gelegen. Daran konnte man schon erkennen, in welch großem Ort wir einquar­tiert werden sollten.
Ein Beauftragter der Gemeinde erwartete uns am Zug und gelei­tete uns durch den Wald, über Feldwege, nach Endsee, unse­rem kün­ftigen Zuhause. Fast jede der einheimischen Bauern­familien war verpflich­tet worden, Räume für „Flüchtlinge“, so wurden wir Vertriebenen be­zeichnet, bereitzustellen. So zog unser Jä­gern­dor­fer Trupp mit Kindern und Gepäck durchs Dorf, dessen Häuser und Gehöfte sich beidseitig entlang der unbe­festigten Durch­gangs­straße reihten. Nach und nach verringerte sich die Zahl der Einzuweisenden. Wir gehörten zu dem kleinen übrig­ge­bliebenen Häufchen Menschen, die noch bis fast ans Ende des Dorfes be­gleitet wurden. Dann standen wir vor einem so­li­den hellen ein­stöcki­gem Haus aus großen Muschelkalk­steinen, dessen Fenster mit Blumenkästen geschmückt waren.

Am Hoftor befand sich ein Nußbaum, darunter eine Bank. Den weit­läufigen Hof zierte ein großer Misthaufen. Gegenüber dem Haupt­gebäude befand sich noch ein etwas kleineres Haus, das sogenannte Ausgedinge, mit einem danebenliegenden schö­nen Blumen­garten. Die Scheunentore waren geöffnet, aus den Ställen hörte man das Schnau­ben der Pferde und das Blöken der Rin­der. Nie zuvor war ich auf einem Bauernhof gewesen. Mir gefiel diese Idylle.

Bauer und Bäuerin empfingen uns freundlich und luden uns in die „gute Stube“ ein, wo wir mit Kaffee und Kuchen bewirtet wurden. Einen solchen Empfang hatten wir nicht erwartet. Es tat gut, wieder einmal in einem schönen Zimmer, beheizt durch einen großen Kachel­ofen, an einem Tisch sitzen zu können. Wir waren angenehm über­rascht. Die Besitzer dieses Hofes - der Bauer selbst war zur damaligen Zeit Bürgermeister des Ortes - hatten in etwa das gleiche Alter wie meine Eltern. Meine Mutter war zu jenem Zeitpunkt 33, mein Vater 36 Jahre alt. Die beiden Töchter der Landwirte waren etwas jünger als ich.

Natürlich interessierten sich unsere künftigen Hausherren für un­sere Herkunft, für den Beruf meines Vaters, auf welche Weise wir gerade in diesen Ort verbracht worden waren und anderes mehr. Mei­ne Eltern gaben bereitwillig Auskunft. Ich saß still da­­bei, aß den Kuchen, und stopfte zwischendurch auch mei­nem klei­nen Bruder einen Bissen in den Mund. Zum einen hatte ich wiederum Schwie­rigkeiten, den Dialekt dieser Menschen zu ver­stehen, zum anderen war ich mittler­weile dermaßen still und in mich gekehrt geworden und hatte Hemmungen, mich in ir­gend­­einer Weise zu äußern.
Während des Gespräches erfuhren wir, daß im gleichen Hause be­­reits eine Flüchtlingsfamilie, ebenfalls zwei Erwachsene und zwei Kinder, aus Siebenbürgen untergebracht war.

Die Besitzer des Hofes, bestehend aus nur vier Personen, wa­ren also verpflichtet worden, Raum für weitere acht fremde Men­schen, von denen sie so gut wie nichts wußten, zur Ver­fü­gung zu stellen. Sie selbst hatten sich in ihrem eigenen Hause ein­zu­schrän­ken. Welche Ge­fühle und welche Gedanken müssen die Einheimi­schen seinerzeit wohl bewegt haben. Es war sicher nicht einfach für sie, ihr Haus plötzlich mit weiteren acht Per­sonen teilen zu müssen. Wie sich später herausstellte, hatte man mit den Aus­siedlern aus Siebenbürgen nicht gerade die be­sten Erfahrungen gemacht. Zwar waren diese Menschen lieb und nett, doch kamen sie aus einem völlig anderen Kulturkreis als wir. Sie sprachen ihre eigene Sprache, trugen ihre Tracht, hat­ten ande­re Koch-, Eß- und Waschgewohnheiten und stammten wohl aus einem Dorf, in dem die Zivilisation noch nicht allzuweit voran­geschritten war. Das äußerte sich schon in der Art, wie sie ihr Zimmer sauberhielten. Ein Eimer Was­ser wurde über die Holz­dielen geschüttet und die Fluten an­schließend mit einem Reisig­besen aus dem Raum, über die Die­le und die Treppen hinunter­gefegt. Diese Naßprozedur und an­dere Dinge mehr mißfielen selbstverständlich den Haus­be­sitzern, zumal die Holzfußböden einschließlich der Treppen durch das ständige Wasseraufgießen erheblich litten. Daß sich die Haus­eigner, ich möchte sie Familie „K.“ nennen, nun Ge­dan­ken und So­rgen hinsichtlich unserer Angewohnheiten und Eigen­arten mach­ten, zumal sie noch keine Erfahrungen mit den in allen Be­ziehungen wesentlich fortschritt­licheren Sudeten­deut­­schen hatten, versteht sich von selbst.
Das einstöckige Haus enthielt nicht allzuviel Wohnfläche. Zur damaligen Zeit mußten noch Knechte und Mägde mit un­ter­­ge­bracht werden. Nun waren zusätzlich weitere Menschen ein­quar­tiert worden, die im Haus ein- und ausgingen, den glei­chen Flur, das gleiche Treppenhaus benutzten.

Sowohl den Siebenbürgern als auch uns war ein Stübchen im Ober­geschoß zugewiesen worden. In unserem Raum befanden sich zwei mit Strohsäcken versehene Betten, eines davon mit Überbreite. Das normale Bett wurde von meinem Vater, das brei­te von meiner Mutter zusammen mit meinem inzwischen 4 Jahre alt gewordenen Bruder belegt. Ich schlief zunächst auf einem Stroh­sack auf dem Boden. Später hatten wir die Mög­lich­keit, von den Amerikanern ein Feldbett zu erstehen, auf das wir den Strohsack legten, so daß auch ich eine ordentliche und be­queme Liegestatt erhielt. Unsere wenigen Habselig­keiten ver­stauten wir in einem uns zur Verfügung gestellten Schrank und einem Kästchen. Ein kleiner Kanonenofen, der gleichzeitig als Kü­­chen­herd dienen muß­te, wärmte den Raum. Ein Tisch und drei Stühle vervoll­stän­dig­ten die Einrichtung. Mein „Bett“ dien­te tagsüber als zusätz­li­che Sitzgelegenheit. Auch wenn das Zim­mer damit nur sparta­nisch ausgestattet war, hatten wir mit vier Personen wenig Platz, um uns darin zu bewegen. Da sich zur damaligen Zeit noch keine Wasseranschlüsse in den Gebäu­den befanden, mußte das Wasser vom Dorfbrunnen, wo zum Teil auch das Vieh getränkt wurde, herange­schafft werden. So stell­ten wir im Zimmer einen soge­nannten Wasser- und einen Schmutz­wassereimer auf. Natürlich fehlte nicht die Zink­wanne für das „wöchentliche Bad“. Entspre­chend oft liefen wir mit den Eimern treppauf, treppab, um Schmutz­wasser wegzu­brin­gen und Frischwasser zu holen. Da die Familie aus Sieben­bür­gen ihren Wasserbedarf auf die gleiche Weise austauschte, war in dem Haus ein ständiges Kommen und Gehen. Durch diesen Um­trieb haben wir, die Fremden, den Be­sitzern, die bisher in ihrem eigenen Haus Ruhe gewohnt waren, unbeab­sichtigt zwar, aber immerhin ziemlich viel zugemutet.

Der jeweilige Weg zur Toilette kann als kleine Wanderung be­zeich­net werden. Das galt aber nicht nur für uns Vertriebene, son­dern auch für die Bauern selbst. Da, wie bereits erwähnt, in den Häusern des Dorfes noch keine Wasseranschlüsse vorhan­den waren, gab es auch keine Toiletten mit Wasserspülung. Das Toi­lettenhäuschen, eine zugige Bretterbude, befand sich am an­deren Ende des Gehöfts. Man mußte zunächst durch den Hof, am Schwei­nestall vorbei, durch eine weitere Scheune gehen und erreichte dann das „berühmte Loch im Holzbrett“. In der Re­gel saß der Besucher nicht einsam und allein im Häuschen, denn die Hühner gackerten, scharrten und pickten in den Fäka­lien herum, die man unter sich hatte fallen lassen. Unangenehm war dieser weite Weg insbesondere des Nachts und im Winter. Man wander­te mit Kerze oder Taschenlampe und kehrte total durch­gefroren wieder ins Bett zurück. So waren nun mal die Verhältnisse in jenen Jahren.
Das Heizmaterial für den Zimmerofen besorgten wir uns im Wald, indem wir Zweige und Zapfen zusammensuchten. Schwie­­­rigkeiten mit dem Brennmaterial gab es naturgemäß bei nas­sem Wetter und wäh­rend der Wintermonate, denn dann muß­ten wir in unserem kleinen Zimmerchen auch noch einen ge­wissen Holz­vorrat unterbringen, um ihn trocknen zu können. Als uns später etwas mehr Geld zur Verfü­gung stand, konnten wir Holz als ge­samten Ster kaufen. Damit begann für mich schon die Schwer­arbeit, denn das Holzhacken und Späne­ma­chen gehörte mit zu meinen Aufgaben.

Lange Zeit blieb mein Vater, so wie die anderen Vertriebenen auch, arbeitslos. Wir besaßen nichts. Kein Geld, kaum Klei­dung, keine Vor­räte. Mein einziges Paar Strümpfe war von mir mitt­lerweile schon so oft gestopft worden, daß die Vorderseite vom Knie bis hinunter zu Spitze und Fersen nur noch aus Stopf­­garn bestand. Die Sohlen meiner knöchelhohen schwarzen Schnür­schuhe waren durchgelaufen. Ich hatte sie Sommer und Winter getragen. Meine Eltern waren nicht besser dran. Familie K. hatte wohl ein Einsehen mit mir, zumal sie meinen erbärm­lichen Zu­stand mit dem ihrer eigenen Kinder verglei­chen konnte. Zu irgend­einem Anlaß schenkte mir die Bäuerin ein Paar neue Strümpfe und eine Schürze. Als ich mit diesen Ge­schenken zu meiner Mutter kam, weinten wir beide vor Freude. Meine Eltern haben immer versucht, andere so wenig wie mög­lich mit unserem eigenen Leid zu konfrontieren und Gefühle und Empfindungen nicht zu zeigen. Ständiges Jammern hätte an unserer Situation ohnedies nichts geändert, es hätte allenfalls als Bettelei ausgelegt werden können - und betteln wollten wir nicht.

Die ersten Monate, die wir in Endsee verbrachten, waren die er­­bärmlichsten und ärmsten unseres ganzen Lebens. Täglich zog uns der Küchenduft der Bauernfamilie in die Nase. Zur Vesper­zeit saßen alle, Bauern, Knechte und Mägde, um den großen Tisch in der Diele und verzehrten ihr Brot, Schinken und Most. Da der Weg aus dem Haus stets durch diese Diele führte, blieb uns dieser Anblick nicht erspart. Um all die schönen Dinge nicht se­hen zu müssen, wandten wir unseren Blick im Vorbeigehen gern nach der anderen Seite. Ich bin überzeugt, daß unsere Bitte nach einem Stück Brot oder Schinken nicht abgelehnt worden wäre, denn wir hatten das Glück, bei beson­ders verständnis­vol­len und entgegen­kommen­den Bauern einquartiert worden zu sein. Doch es lag uns fern, dieses Wohlwollen uns „Ein­dring­lin­gen“ gegenüber auszu­nutzen. Natürlich litten wir oft unter Hun­ger, weil uns die zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel nicht aus­reichten, um reichhaltige Essensportionen auf den Tisch zu brin­gen. Zum Ein­kauf fehlte das Geld. Also war der Aus­spruch „bei uns ist heute wieder „Schmal-Hans Küchenmeister“ zur täg­li­chen Devise ge­wor­den. Meine Eltern hätten niemals um etwas zu Essen gebeten und ich war ermahnt worden, „nicht gierig auf die Tel­ler anderer zu sehen“. Irgendein bescheidenes Mahl kam auch auf unseren Tisch, wenngleich wir von der auf­getischten Men­ge nicht immer satt wurden.
Familie K. muß von der Ehrlichkeit der ihr zugewiesenen Ver­trie­benen wirklich überzeugt gewesen sein und hegte keinerlei Miß­­trauen. Niemals wurde eine Tür abgeschlossen, weder die zu den Zimmern noch die zur Küche. Die Bauern verließen das Haus, um zur Feld- oder Gartenarbeit zu gehen, sie hielten sich in den Ställen oder den Scheunen auf, und das Haus mit allem, was sich darin befand, wäre uns zugänglich gewesen.

We­der wir Kinder noch unsere Eltern haben während der Ab­we­sen­heit der Familie K. jemals ein Zimmer außer dem uns zu­ge­wiesenen betreten. Wir empfanden dieses gegenseitige Ver­trauen als sehr wohl­tuend. Während all der Zeit, in der wir in die­sem Hause lebten, hat es nie Zerwürfnisse irgendwelcher Art zwi­schen uns gegeben. Wir schätzten unsere Vermieter und wa­ren dankbar für jedes freundliche Wort, für jede Zuwendung. Im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen den Hausbesitzern und uns ein fast freundschaftliches Ver­hältnis. Für die ein­hei­mi­sche Bevölkerung war es sicher nicht einfach, von heute auf morgen, und dazu noch auf unbestimmte Zeit, einen großen Teil ihrer eigenen Wohn­fläche fremden Menschen zur Verfü­gung stellen und auch deren tägliche Aktivitäten hinnehmen zu müssen.
In Anbetracht der Tatsache, daß die meisten Vertriebenen zum da­maligen Zeitpunkt noch ohne Beschäftigung waren, wur­­den wir von der Gemeinde verpflichtet, bei den Arbeiten der Flurbe­reini­gung und beim Sammeln von Kartoffelkäfern mit­zuhelfen. Ge­führt von den Ein­heimischen, zogen wir in Grup­pen über die Felder und kamen diesen Tätigkeiten nach.

Auf diese Weise erhielten wir Kenntnis über die Anbau­flächen und deren Bewuchs. Mit Genehmigung der Bauern durf­ten wir Vertriebenen später auf den abgeernteten Feldern nach­­lesen. Diese Erträge be­reicherten unseren Speisezettel un­gemein. Nun ver­fügten wir über Kartoffeln, Ähren für Mehl, Mohn für Kuchen, Rüben für Sirup. Daß sich unter den Ver­trie­be­nen, sowohl den Sudetendeutschen als auch den Sieben­bür­gern, „schwarze Schafe“ befanden, soll nicht verheim­licht wer­den. Nicht immer blieb es nur bei der Nachlese. Manchmal wurde auch „richtig geerntet“, sehr zum Unmut derer, die auf ehr­liche Art und Weise die Felder nach Resten absuchten und ihren guten Ruf gewahrt wissen woll­ten. Es blieb auch nicht aus, daß hin und wieder aus den Ställen der Bauern ein Huhn oder ein Kaninchen verschwand. Zum Glück hielten sich der­ar­tige Vorkommnisse in Grenzen. Sehr schnell hätte das im all­ge­meinen gute Ansehen der in diesem Dorf einquartierten Ver­trie­be­nen geschädigt werden können.

Nachdem die Vertriebenen nun über einige Lebensmittel­vor­räte verfügten, konnten auch Tauschgeschäfte getätigt werden. Man tauschte z. B. Kartoffeln gegen Stoff oder Wäsche, Mohn oder Karotten gegen Töpfe und Schüsseln. Auf diese Weise ge­lang es so manchem, seinen Haushalt ein wenig zu vervoll­stän­di­gen. Unter uns Jägerndorfern gab es auch einige Fach­kräfte, die sich dank ihres erlernten Berufes nützlich machten, sei es als Schnei­derin, Schreiner, Mechaniker, oder - wie mein Vater - Elektriker. Mit ihrer Hände Arbeit verdienten sie sich manch­mal neben Lebensmitteln auch ein wenig Geld. So konn­ten auch wir uns so nach und nach notwendige Kleinigkeiten anschaffen.

Zunächst war es jedoch wichtig, mein Schulproblem zu lösen. Wie schon erwähnt, war mein Vater lange arbeitslos. Den Be­­such einer höheren Schule, die es allenfalls in Rothenburg oder Ansbach gab, hätte er mir nicht ermöglichen können. Allein die täg­lichen Fahrt­kosten hätten jeden Rahmen gesprengt. Zum an­de­ren mußte dem Umstand Rechnung getragen werden, daß ich be­reits 12 Jahre alt war, aber bisher erst die Hälfte der dritten Volks­schulklasse und dann zwei Jahre gar keine Schule mehr besucht hatte. So blieb nur die Möglich­keit, zunächst zu­sam­men mit den einheimischen Kindern die ca. 3 km entfernt lie­gen­de Volks­schu­le in Steinach/Ens zu besuchen. Ich schämte mich, mit meinen 12 Jahren bei den 10jährigen in der dritten Volksschulklasse sitzen zu müssen. Doch es stellte sich bald her­aus, daß die Schulpläne im Sudetenland andere Inhalte ge­habt haben müssen. Trotz der verlorenen zwei Jahre hatte ich keine Schwierig­keiten mit dem Lehr­stoff, so daß ich innerhalb we­niger Wochen schon eine Klasse weiterrücken durfte.

Schwierigkeiten bekam ich allerdings mit dem damals alten Dorf­­schullehrer, der offensichtlich nicht allzugut auf die „Flücht­linge“ zu sprechen war. Trotz Anstrengung und - wie ich meine - guter Leistun­gen, war mein erstes Zeugnis in dieser Klas­se nieder­schmetternd, während einheimische Mitschüler die besseren Noten nach Hause trugen. Der Grund war sehr schnell gefunden. Nach dem Kriege be­nötigte jeder Lebens­mit­tel, auch ein Dorf­schullehrer. Wir Vertriebenen konnten keine Eier, keinen Speck, keinen Schinken, kein frischge­backenes Brot liefern. Damit er­klär­te sich auch die ungerechte unter­schied­liche Benotung. Erst als mein Vater einmal zu irgend­einer Reparatur an der elektri­schen Leitung ins Haus dieses Leh­rers ge­rufen wurde, änderten sich die Zensuren in meinem Zeugnis.

Durch die schnelle Versetzung von der dritten in die vierte Klasse hatte ich nun ein Jahr aufgeholt. Mein nach wie vor be­stehender Wunsch, eine höhere Schule besuchen zu dürfen, war aber immer noch nicht verwirklicht. Mittlerweile war es mei­nem Vater zwar ge­lungen, in Rothenburg eine Arbeit zu finden, doch hatte meine Familie derartigen finanziellen Nachhol­be­darf, daß für meine schulischen Am­bitionen kein Geld zur Ver­fü­gung ge­stellt werden konnte. Trotzdem zog mein Vater beim Rothen­burger Schulamt Erkundigungen ein. Die Aus­künfte wa­ren jedoch nicht gerade ermutigend. Zum einen - so wurde ihm gesagt - fehle mir immer noch ein ganzes Schuljahr, was ich erst nachholen müsse. Erst dann würde sich heraus­stellen, ob ich für die höhere Schule geeignet sei. Zum anderen hätte ich dann aber schon die Altersgrenze für den Eintritt in die Ober­schule bzw. das Gym­na­sium überschritten. Nun, viel­leicht hätte man auch in diesem Falle mit Eier und Speck etwas erreichen kön­nen, aber wir waren nun mal nur arme Vertriebene. So trabte ich also weiter mit meinen zer­schlissenen Schuhen im Winter, und barfuß im Sommer, zu­sammen mit den anderen in die Steinacher Dorfschule.

Meine Einstellung zur Steinacher Schule änderte sich mit einem Lehrerwechsel. Der alte Dorfschullehrer wurde durch einen jün­ge­ren ersetzt, der - wie sich herausstellte - ebenfalls Ver­triebener aus dem Sudetenland war. Der neue Lehrer na­mens „T.“ setzte seinen ganzen Ehrgeiz ein, dieser Dorf­schule einen neuen Ruf zu verschaffen. Im Sudetenland ausge­bildet, ver­fügte er über ein um­fangreicheres Wissen, das er gern an seine Schüler weitergeben wollte. Ich bin über­zeugt, daß auch Leh­rer T. geschenkte Eier nicht zurückgewiesen hat, aber er be­han­delte und zensierte ge­recht, ohne Unterscheidung nach eige­nem Vorteil oder nicht. Er hielt sich mit Sicherheit auch nicht streng an den ihm vorgegebe­nen Lehrplan, sondern ver­suchte, uns darüber hinaus noch Wissen zu vermitteln, welches nor­ma­ler­weise nicht an einer Dorfschule gelehrt wird. Ein Stecken­pferd von ihm waren kompli­ziertere Formen in der Raumlehre, das Wurzelziehen, chemische und physikalische Ex­peri­mente, sein Geographieunterricht umfaßte die ganze Welt, der Natur­kunde­un­terricht wurde sehr ausge­weitet und dem Musikunterricht mit Ge­sang räumte er großen Raum ein. Aber nicht nur das. Er scheute sich nicht, uns alle, ob Vertriebene oder Bauern­kinder, vortreten und unsere Fingernägel vorzeigen zu lassen. Er wies darauf hin, daß auch ein Bau­ernkind, so schwer dessen Mit­ar­beit auf dem Hof auch sein mag, die Zähne zu pflegen und den Hals zu waschen hat. Lehrer T. wurde von allen, insbesondere von mir, sehr geschätzt und er hat diese Wert­schät­zung auch verdient. Es stellte sich später heraus, daß Schulabgän­ger der Steinacher Schule über ein wesentlich umfangreicheres Wissen ver­fügten als die anderer Dorf­schulen.

Obwohl ich in dieser Schule und aus diesem Unterricht viel profi­tiert habe und abermals ein ganzes Schuljahr überspringen durfte, um altersmäßig wieder richtig eingeordnet zu sein, ist mir der Besuch einer höheren Schule verwehrt geblieben, was sich für mein weiteres Leben sehr zum Nachteil ausgewirkt hat. An ein Studium war nicht mehr zu denken. Meinen Eltern ging es jetzt darum, mir zwar eine gediegene Ausbildung angedeihen zu lassen, aber eine rasche, damit ich möglichst bald einer Tä­tig­keit nachgehen und eigenes Geld ver­dienen konnte. Meine Wünsche, wie z. B. das Besitzen und Erlernen eines Instru­mentes - mein Herz hing nach wie vor an einem Akkor­deon - sowie das als Kind so gern geübte Schlittschuhlaufen fort­setzen und gezielt Sport treiben zu können, mußte ich aus meinem Gedächt­nis streichen. Meine Eltern besaßen gerade so viel, um uns einiger­maßen er­näh­ren zu können. Nachdem mein Vater wie­der in Brot und Arbeit stand, benötigte zunächst er Klei­dung, denn so abgerissen, wie wir in Endsee angekommen wa­ren, konnte er seiner Beschäfti­gung nicht nachgehen.

Der tägliche Fußweg von Endsee zur Schule nach Steinach und zu­rück, Schulaufgaben, Hilfe im kleinen Haushalt usw. nah­men schon einen gewissen Zeitraum in meinem Tagesablauf ein. Da­neben aber entdeckte ich meine Liebe zur Landarbeit. Frei­willig half ich bei der Fütterung und beim Ausmisten im Stall mit. Wöchentlich wurden den Kühen die Schwänze ge­wa­schen. Ich nahm der Magd diese Arbeit ab. Nach und nach lud ich mir selbst immer mehr Aufgaben auf und betrachtete meine Mit­arbeit in Stall und Scheune bald als eine Selbst­ver­ständ­lichkeit. Nicht be­dacht hatte ich allerdings meine körper­liche Kon­stitution und die Tatsache, daß wir durch die langen Entbeh­rungen unter­ernährt waren und unserem Körper wert­volle Aufbau­stoffe fehlten. Auch wenn es mir schwerfiel und ich häufig Schmerzen im Kreuz ver­spürte, ließ ich es mir nicht neh­men, den schweren Mistkarren aus dem Stall über ein Brett auf den Misthaufen zu schie­ben und dort umzukippen. Ich plag­te mich auch mit den schweren Futterkarren, die von der Scheu­ne die Rampe hoch- und in den Stall zu fahren waren. Auch bei der Vorbereitung des Schweinefutters machte ich mich nütz­lich, wurden doch dafür Kartoffeln gekocht, wovon auch einige für mich abfielen, die ich dann mit Salz bestreute und gierig in mich hineinschlang. Ich kümmerte mich um die Fütte­rung des einen Hofhundes, um die Kaninchen, half bei der Ernte auf dem Felde mit, beteiligte mich am Heueinfahren und selbst­ver­ständ­lich bei der Hauptarbeit im Herbst, beim Dreschen. Auch da über­­nahm ich Arbeiten, die offensichtlich meine Kräfte über­schrit­ten, und zwar das Hochhieven von Stroh­garben mittels lan­ger Gabeln auf die oberen Etagen der Scheune, wo ich dann spä­ter auch noch das Fest­treten übte. Die Landarbeit begeisterte mich. Ich fühlte mich der Bauernfamilie schon fast zugehörig. Im Ge­gen­satz zu anderen Vertrie­benen, die mit ihren „Ver­mie­tern“ nicht ganz zurechtkamen, fühlten wir uns bei „unserer Land­wirts­fa­milie“ wohl. Es gab nichts, was unser gutes Ein­ver­nehmen hätte stören können.

Meinem kindlichen Rücken muß schon das frühere Herum­tra­gen meines kleinen schwachen Bruders nicht allzu gut getan ha­ben. Später folgte das Schleppen der schweren Holzklötze, das Holzhacken, das Tragen der Wassereimer. Nun hatte ich mir aber noch diese Land­arbeiten aufgebürdet, ohne an Folgen zu denken. Doch welches Kind denkt schon an spätere körper­liche Ge­brechen, wenn es Freude an der Arbeit hat - und die Ar­beit auf dem Hof und Feld bereitete mir Freude. Auch die Er­wach­senen machten sich keine Gedanken über evtl. Kon­sequenzen. Auf dem Lande hatte man schon immer schwer ge­ar­­beitet und meine Eltern hatten in ihrer Jugendzeit eben­falls hart zupacken müssen. Warum also sollte man mich zurück­halten, wenn ich begeistert mithalf und stolz auf meine kör­per­liche Stärke und Leistungen war?

Die Schulzeit neigte sich ihrem Ende zu. Meine Eltern waren sich über meine berufliche Zukunft immer noch nicht schlüssig. Zum einen war ich eine gute Schülerin und hatte gewisse Am­bi­tionen, die man mir nicht verwehren wollte. Zum anderen aber sprachen die Zeiten und Umstände dagegen. Wären die Ver­hält­nisse nach dem Kriege in der Heimat andere gewesen, hätte auch mein künftiges Leben einen anderen Verlauf nehmen können. Nach der Vertreibung mußten meine Eltern nun ver­suchen, das Beste aus dem zu machen, was sich ihnen bot.

Ich war 14 Jahre alt und hatte insgesamt 6 Jahre Schulzeit hin­ter mir. Was nützten meine gute Auffassungsgabe und mein Lern­eifer, wenn keine Möglichkeit bestand, mich ausbilden oder mich eine Lehre durchlaufen zu lassen? In Endsee und Umge­bung, also einer völlig ländlichen Gegend, hätte ich allen­falls als Magd un­ter­kommen können. Die nächsten Städte, in denen evtl. Ar­beits­plätze zu finden gewesen wären, waren Rothen­burg ob der Tau­ber, oder noch weiter, Ansbach/Mittelfranken. Welche Chan­cen boten sich einem 14jährigen Mädchen mit sechs Volks­schul­jahren?

Obzwar wir nur „Flüchtlinge“ und arm waren, zudem mit 4 Per­­sonen in einem kleinen Zimmerchen leben mußten, hatten meine Eltern dennoch einen gewissen Stolz und Ehrgeiz. Es ging nicht an, daß sie ihre einzige Tochter als Magd verdingen sollten, auch wenn dies als ehrbare Arbeit bezeichnet werden kann. Sie hatten sich durch­gerungen, noch zwei Jahre auf zu­sätz­liche finanzielle Hilfe zu ver­zichten, weitere Entbehrungen auf sich zu nehmen, und mir den Besuch der Städtischen Han­dels­­schule in Ansbach zu ermöglichen. Es wurden die not­wen­di­gen Formalitäten in die Wege geleitet.

Dem Tag der Aufnahmeprüfung sah ich mit großer Angst ent­gegen. Zum einen war ich während all der vergangenen Jahre nicht ein einziges Mal aus dem Dorf Endsee hinaus-, ge­schwei­ge denn in eine größere Stadt gekommen, schon gar nicht allein mit dem Zug gefah­ren. Nun sollte ich mich, eine Dorfschülerin, einer Prüfung stellen, der sich überwiegend Schülerinnen aus Stadt­schulen, vor allem aber aus Oberschul- und Gymnasium­klassen unterzogen. Ich war schüchtern, hatte Hemmungen im Umgang mit anderen Menschen, wußte mich nicht auszu­drücken und nicht zu bewegen. Hinzu kam, daß ich nach wie vor in schäbiger und abgetragener, auch zu klein gewordener Kleidung herumlief. Mein Eindruck auf andere, insbesondere in einer solchen Ausnah­me­situation, muß wohl entsprechend ne­ga­tiv gewesen sein.

Der Tag der Prüfung war gekommen. Ich wanderte die Dorf­straße entlang von Endsee bis Steinach-Bahnhof, das war ein Weg von ca. 5 km, den ich in den kommenden zwei Jahren täg­lich zweimal zu Fuß zurücklegen sollte. Zitternd erstand ich am Schal­ter die erforderliche Fahrkarte. Dann bestieg ich total ver­un­sichert das Zugabteil und drückte mich klopfenden Her­zens in eine Ecke. Am Bahnhof Ansbach angekommen, mußte ich mich erst durch­fragen, um zur Handels­schule zu gelangen. Das gleiche Problem ergab sich innerhalb des Schul­gebäudes.

Nachdem ich den Prüfungsraum betreten hatte, stellte ich fest, daß sich die meisten Mädchen bereits aus gemeinsamen Klas­sen kannten. Die gegenseitigen Begrüßungen und die unge­zwun­genen lauten Un­terhaltungen ließen mich noch unsicherer wer­den und nahmen mir den ganzen Mut. Ich war in einer Ver­fassung, in der ich am liebsten den Raum wieder verlassen und nach Hause zurückgekehrt wäre. Doch das durfte ich meinen Eltern, die mir diese Chance eingeräumt hatten, nicht antun. Sie hatten keine Vor­stellung von der Zusammensetzung der Prüf­linge. Sie waren sich nicht darüber im klaren, daß ich eine der we­nigen sein würde, die aus einer Dorfschule mit geringerer All­ge­meinbildung mit Oberschülerinnen und Gym­nasiastinnen konkurrie­ren mußte. Ich war dem Weinen näher als dem Lachen.

Wir hatten alle in den Bänken Platz genommen. Die Prüfungs­bo­gen waren verteilt: Allgemeinwissen, Rechnen, Erd­kunde, Ge­schichte und Deutsch gehörten zu den Prüfungsfächern. Schon beim Rechnen flossen bei mir die ersten Tränen. Neben ver­schie­denen Rechenauf­gaben waren auch Bruchrechnungen ge­fragt. Ge­rade das Bruchrech­nen hatte ich nie gelernt, denn dieser Stoff war in der Klasse behandelt worden, die ich seiner­zeit übersprin­gen durfte, um altersmäßig wieder ent­sprechend ein­gestuft werden zu können. Ich widmete mich den anderen Auf­gaben und ließ das Bruchrechnen unberücksichtigt. Bei den Fächern Erdkunde und Geschichte stellten sich gewisse Schwie­­rig­keiten ein. Den gefor­derten Aufsatz dagegen schrieb ich fließend und mit einem guten Gefühl nieder. Das Deutsch­dik­tat meisterte ich - wie sich später herausstellte - ohne ortho­gra­phische und ohne Inter­punktions­fehler. Bei der anschließen­den mündlichen Prüfung geriet ich ins Stottern, was aber nicht un­bedingt auf Unwissen, sondern mehr auf Schüchternheit und meine Hemmungen zurückzuführen war. Hier war ich nun über­zeugt, total versagt zu haben.

Meine Gefühle nach Abschluß dieser Prüfung waren sehr zwie­­späl­tig. Einesteils hatte ich Fragen richtig beantwortet, an­derer­seits wußte ich aber auch, Lücken hinterlassen zu haben. Die Angst, durchzu­fallen, saß mir wie ein Gespenst im Nacken und verfolgte mich auch während der Heimfahrt von Ansbach nach Steinach. Zu Hause ange­kommen, weinte ich mich erst ein­mal aus, was bei meinen Eltern Bestürzung hervorrief. Of­fen­­sichtlich konnten sie sich nicht in meinen Seelenzustand ver­setzen. Das, was mich bewegte, war zum einen die Angst, nicht bestanden zu haben. Ehrgeizig wie ich war, wäre das für mich neben der Schan­de noch ein großer Schmerz gewesen. Zum anderen wollte ich meine Eltern nicht enttäuschen. Durch den Besuch der Handels­schule sahen sie die einzige Chance, mich in eine einiger­maßen gute berufliche Bahn lenken zu kön­nen, auch wenn es bei wei­tem nicht ihren und meinen eigenen Zu­kunftsvorstellungen entsprach. Und dann waren da noch die Dorf­bewohner, meine Mitschüler der Dorfschule und mein Leh­rer. Wie würden sie wohl über mich denken, wäre ich an dieser Prüfung gescheitert. - Es folgten bange drei Wochen des Wartens. Dann brachte die Post endlich den ersehnten Brief. Ich war aufgenommen.


Schulzeit in Ansbach

Durch die tägliche Fahrt zur Handelsschule nach Ansbach re­du­­zierte sich die mir zur Verfügung stehende Zeit ganz gewal­tig. Morgens kurz nach 5.00 Uhr verließ ich das Haus und mar­schierte zum 5 km ent­fernten Bahnhof Steinach. Kurz nach 6.00 Uhr brachte mich der Zug nach Ansbach. Während der Bahn­fahrt hatte ich Gelegenheit, mich noch einmal mit dem Lehr­stoff bzw. mit meinen Hausaufgaben zu beschäftigen. Da ich vor dem offiziellen Unterrichtsbeginn bereits im Schulhaus war, konnte ich einzelne Aufgaben noch mit Mitschülerin­nen be­sprechen. Die insgesamt sehr kurze Schulzeit bzw. die feh­lenden Unterrichtsjahre machten sich jetzt doch bemerkbar. Ich muß­te mich sehr anstrengen, um den Stoff zu bewältigen. Hin­zu kam, daß meine Mitschülerinnen, die aus höheren Schulen über­gewechselt wa­ren, bereits über um­fangreiche Englisch­kenntnisse verfügten, die mir fehlten. Ich hatte daher sehr viel nachzuholen.

Die dürftige und mangelhafte Ernährung, die täglichen kilo­me­ter­­weiten Fußmärsche und die geistige Anstrengung wirkten sich auf meine körperliche Verfassung aus. Ich war dünn und an­fällig für jede kleinste Erkältung. Was mein äußeres Erschei­nungsbild betraf, hatte sich kaum etwas geändert. Nach wie vor trug ich die gleichen, mittlerweile zu klein gewordenen Klei­dungsstücke. An den Wochenenden wurden die Sachen ge­wa­schen, am Montag erschien ich wieder im gleichen Röckchen in meiner Schulbank. Während meine Mitschülerinnen bereits mit Make up, schicken Frisuren und modischem Accessoire koket­tier­ten, präsentierte ich mich immer noch ärmlich. Auch ich hätte gerne einen neuen Pull­over, ein Paar Seiden­strümpfe - ich trug immer noch gestrickte Woll­strümpfe - oder sogar einmal einen Ring vorgezeigt. Ein der­artiger Luxus war mir aber nicht ver­gönnt. Natürlich war ich mir bewußt, Vertriebene zu sein und von meinen Eltern nicht verlan­gen zu können, daß sie mir ir­gendwelchen jugendlichen Schnick­schnack finanzierten, nach­­­dem wichtige An­schaffungen vorrangig waren, aber ich litt unter dieser Armut. Sogar auf Wurst- und Käsebrötchen, wie sie andere in der Pause aus­packten, hatte ich zu verzichten. Mein Schulfrühstück bestand aus Marga­rinebrot, manch­­mal er­gänzt durch einen Apfel oder eine Birne.
An gemeinsamen Kinobesuchen oder sonstigen Klassen­aus­flü­gen konnte ich nicht teilnehmen. Mein Vater verdiente so wenig, daß meine Eltern Mühe hatten, für mich das Schulgeld und die Mittel für Bücher und Hefte aufzubringen. Hinzu kamen die Fahrtkosten der Bahn. Dem größten Verschleiß unterlagen meine Schuhsohlen. Schließ­lich legte ich jeden Tag allein für den Weg zum und vom Bahnhof etliche Kilometer zurück, nicht mitge­rechnet alle anderen täglich anfallenden Strecken. Mittler­weile besaß ich neben meinen hohen Schnürschuhen bereits ein zweites Paar Schuhe, aber mein Wachstum war noch nicht ab­geschlossen. Die Schuhe drückten, die Zehenspitzen hatten sich blau gefärbt und schmerzten. Es blieb meinen Eltern nichts übrig, als noch einmal in die Tasche zu greifen.

Wohnungsmäßig hatten wir uns in der Zwischenzeit etwas ver­bessert. In einem Häuschen in der Mitte des Dorfes war die Erd­ge­schoßwohnung, bestehend aus zwei kleinen Zimmerchen und einer Kochgelegenheit, freigeworden. Das Plumpsklosett be­fand sich dies­mal innerhalb des Gebäudes. Meinen Eltern stand nun zusammen mit meinem kleinen Bruder ein Schlaf­zimmer zur Ver­fügung. Dieses „Schlafzimmer“ war so klein, daß nur die beiden Betten darin Platz fanden, weitere Möbel­stücke paßten nicht mehr hinein. Ich schlief nach wie vor auf mei­nem Feldbett im gemein­samen Aufenthaltsraum. Das be­deu­tete allerdings, daß ich erst schlafen gehen konnte, wenn die an­deren den Wohnraum freige­macht hatten bzw. ich am Mor­gen meinen Schlafplatz wieder räumen mußte, sobald die Fa­milie das Zimmer benötigte. Nun, ich verließ das Haus ohne­hin schon morgens kurz nach 5.00 Uhr, so daß Mutter mein Bett­zeug wegräumen und so wieder Platz schaffen konnte.

Während der Schulzeit stiegen meine Ansprüche doch ein we­nig, denn ich konnte Vergleiche anstellen. Ich schämte mich nicht nur wegen meines ärmlichen Aussehens, sondern auch des­halb, daß ich mich von allen gemeinsamen Unternehmungen aus­schlie­ßen mußte. Ich hatte kein Geld, um mir Schokolade oder Eis zu kaufen, ich konnte meine Mitschülerinnen nicht in ein Café be­gleiten. Wenn über Kino­filme oder sonstige Veran­stal­tungen dis­ku­tiert wurde, zog ich mich zurück. Für dieses Zu­rückziehen gab es jedoch noch einen anderen Grund. Wäh­rend unseres Aufent­haltes in dem kleinen fränki­schen Dorf hatte ich keinerlei Ge­legenheit, irgendwelche gesellschaft­lichen Um­gangsformen zu lernen. Ich wußte nicht, wie ich mich Frem­den gegenüber zu ver­halten hatte. Ich hatte Hemmungen, ir­gend­­eine Behörde zu be­tre­ten oder eine Auskunft zu erfragen. Wurde ich von höher­stehen­den Personen angesprochen, brach mir der Schweiß aus allen Poren, ich wurde rot, meine Hände zit­terten, die Kehle war mir wie zugeschnürt. Daß ein derartiges Ver­halten auf andere nicht gerade den besten Eindruck machte, versteht sich von selbst. Ich litt unter Komplexen, die sich spä­ter, als ich ins Arbeitsleben ein­treten sollte, noch verstärk­ten. La­gerleben, ständige Zurück­wei­sun­gen und Unterdrückung wirk­ten sich negativ auf mein Selbst­vertrauen aus, ja, ich hatte über­haupt keines. Wer waren wir denn schon? Vertrie­bene, oder, wie man uns auch bezeichnete, „Zu­gereiste“.

Irgend etwas mußte ich ändern, zumindest an meinem Äußeren, wollte ich nicht ganz zur Außenseiterin werden. Den Aus­schlag für meinen Entschluß gaben Sommerschühchen aus Plastik und bunte Socken, die einige meiner Mitschülerinnen eines schönen Sommer­morgens an den Füßen trugen. Es hieß, daß man im ame­ri­kanischen Viertel solche Kunststoffschuhe bil­lig kaufen könne. Die Sohlen seien wesentlich haltbarer als die der herkömmlichen Schläppchen. Diese in weiß, rot und grün zu wählenden Schuhe mit den entsprechenden bun­ten Söck­­chen ließen mein Herz höherschlagen. Ich wollte sie ha­ben, ich mußte sie haben. Einmal wollte ich mit den anderen gleich­ziehen. Als ich, wie jeden Tag, am Spätnachmittag zu Hause ankam, schwärmte ich meiner Mutter von diesen bunten Plastik­schuhen vor, und wie nötig ich sie doch hätte, zumal sie an­geblich wesentlich halt­barer seien als andere. Meine Mutter hörte sich meine begeisterte Schilderung an, sagte aber, daß sie mich enttäuschen müsse, denn sie habe da­für kein Geld. Es sei schon schwer genug, das Schulmaterial zu bezahlen.
Weinend verließ ich das Haus, doch bereits mit einem vorge­faß­ten Plan. Mir war bekannt, daß in einem außerhalb des Ortes be­findlichen Gipsbruch immer wieder Hilfskräfte, auch weib­li­che, eingestellt wurden, die für einen Stundenlohn von DM 1,00 dort Vorbereitungs­arbeiten für Sprengungen verrichteten. In einer derartigen Tätigkeit sah ich meine Chance, endlich et­was zu ver­dienen und meine Eltern zu entlasten, auch wenn meine Freizeit dadurch noch verkürzt wurde. Es blieben mir ohne­hin nur wenige Stunden für eigene Belange. Von morgens um 5.00 Uhr bis zum Spätnachmittag war ich außer Haus. An­schließend hatte ich Schulaufgaben zu machen und zu lernen, und letztendlich half ich meiner Mutter auch noch bei der Wä­sche und im Haushalt, denn über Küchen- oder Haus­halts­ma­schinen verfügten da­mals noch die wenigsten. Ich hatte mir je­denfalls vorgenommen, künf­tig meine Schule zum Teil selbst zu finanzieren und von dem ver­bleibenden Geld persön­liche Be­dürfnisse zu befriedigen.

Meinen Plan, im Gipsbruch zu arbeiten, setzte ich sehr bald in die Tat um. Es war Sommer und an den Abenden blieb es lange hell. Woher ich den Mut nahm, in eigener Verantwortung und ohne fremde Hilfe an einem Arbeitsplatz vorstellig zu wer­den, ist mir heute noch ein Rätsel, denn ich war damals voller Hem­mun­gen. Es muß wohl der starke Wunsch, eigenes Geld zu ver­dienen, gewesen sein, und nicht zuletzt die Vor­stellung, Plastikschühchen und bunte Socken zu be­sitzen, die mich zu die­sem Schritt bewo­gen haben. Jedenfalls machte ich mich auf den Weg, um nach den Bedingungen zu fragen, und kehrte mit der Zusage, ich könne am nächsten Spätnachmittag anfangen, zu meinen Eltern zurück. Die Begeisterung meiner Mutter hielt sich zunächst in Grenzen, aber dann war sie doch einver­stan­den, denn ohne zusätzliches Ein­kommen hätte ich meine per­sön­lichen Wünsche nicht erfüllen können.

Um zu dem Gipsbruch zu gelangen, mußte man ein Wald- und ein Feld­stück überqueren. Weite Märsche war ich durch den täg­lichen Schulweg gewöhnt. Nun kamen eben noch ein paar Kilo­meter dazu. Und für den Rückweg nach Einbruch der Dunkelheit hatte ich die Dynamotaschenlampe meines Vaters dabei. Angst kannte ich nicht, und während der damaligen Zeit wäre sie auch unbegründet gewesen. Es gab - trotz Armut und Hunger - keine Überfälle, keine Einbrüche.

Meine Arbeit im Gipsbruch bestand darin, aus kompakten, stei­fen, großen, zum Teil schon benutzten und zerknautschten Pa­piersäcken entsprechend große Stücke zu schneiden, zu glät­ten und sie zu einem Rohr zusammenzurollen. Diese Arbeit war zwar mit ständigem Bücken und Knien verbunden, denn sie wur­de auf der Erde verrichtet, aber sie war nicht schwer. Weit­aus mühsamer erwies sich das Füllen dieser Röhren. Es gehörte zu meinen Auf­gaben, in die Grube hinab­zusteigen, in der sich der heiße gemah­lene Gipssand bzw. -staub be­fand, diesen in Eimer oder Fässer zu schaufeln und mit dieser Last die Leiter wie­der hochzuklettern. Dieses Gemisch füllte ich - per Hand - in die schmale Öffnung der von mir hergestellten „Patronen“. War der Gipsstaub zu fein, knickten meine vorgefertigten Hül­len ein und konn­ten als Stopf­material für die Sprenglöcher nicht verwendet werden. War der Sand zu grob, rutschte die Fül­lung zu schnell nach unten und es mußte vor dem Ver­schließen der Papierhüllen immer wieder nach­­gefüllt werden oder die Hüllen platzten auf.

Innerhalb kurzer Zeit waren meine Hände rauh und rissig, der Gips­­staub legte sich nicht nur auf Haut und Haare sondern setzte sich auch in den Bronchien fest. Ich hüstelte ununter­bro­chen. Mein Rücken schmerzte vom Bücken, noch mehr aber vom Schleppen dieser schwe­ren Behälter, gefüllt mit heißem Gips, an dem ich mir häufig die Finger verbrannte. Zu diesem Zeit­punkt war ich 15 Jahre alt. Was ich seinerzeit aus Un­wis­sen­heit meinem Rücken zumutete, machte sich erst später be­merk­bar. Zu viel hatte mein Knochengerüst schon im Kindes­alter aushalten müssen. Bandscheibenvorfälle, eine verkrümm­te Wir­belsäule und ständige Rückenschmerzen im Erwachsenen­alter, sind die Folge.

Aber ich verdiente Geld. Fast täglich arbeitete ich mehrere Stun­den neben und in der Gipsgrube. An manchen Tagen be­fand ich mich abends ganz allein im Werk. Ich kannte meine Auf­gabe, verrichtete sie zügig und stapelte die von mir ange­fer­tigten Hül­sen. Je höher die An­zahl, desto stolzer war ich auf meine Arbeit, auch wenn ich sie nicht stück- sondern stunden­weise bezahlt er­hielt. Einmal wöchentlich war Zahltag. Und innerhalb kurzer Zeit konnte ich mir gelbe Plastik­schuhe und bunte Söckchen kaufen.

Als einzige in der Klasse trug ich noch Zöpfe. Neidisch schaute ich auf die dauergewellten Köpfe meiner Mitschüle­rinnen. Ich wollte endlich die Zöpfe loswerden und ebenfalls eine Kurzfrisur tragen. Dazu war aber die Einwilligung der El­tern erforderlich. Also sprach ich bei nächstbester Gelegen­heit mit meiner Mutter:

„Mutti, mit den Zöpfen sehe ich doch wirk­lich altmodisch aus. Nie­mand in der Klasse außer mir hat in die­sem Alter noch Zöpfe. Ich möchte sie abschnei­den lassen“. -
„So, die Zöppe willste obschneidn lossen. Die kennste doch noch a bißle behalten. Des Geld firs Obschneidn kennt ich schon zusommenkriegen, oba dann mußde doch imma wieda zum Frisär, wer soll dos denn bezohln“, fragte meine Mutter, die ihren Jägern­dorfer Dialekt nie abgelegt hat im Gegen­satz zu meinem Vater, der immer hochdeutsch sprach.

Nun, indirekt hatte sie damit ihr Ein­verständnis zum Ab­schnei­den der Zöpfe bekundet. Das Geld dazu würde sie mir auch ge­ben. Und was die künftigen Friseurbesuche an­belangt, so wollte ich dafür selbst aufkommen. Schließlich verdiente ich ja Geld im Gips­bruch.

So nahm ich eines Tages meinen Mut zusammen, suchte zum ersten­mal in meinem Leben einen Friseur auf und ließ meine Zöpfe dort zurück. Stolz erschien ich am nächsten Morgen in der Klasse. Ich hatte kurzes dauergewelltes Haar und fühlte mich un­heimlich erwach­sen und weltstädtisch.

Mein Vater, der bereits in Jägerndorf bei der Post beschäftigt gewe­sen war, hatte alle Anstrengungen unternommen, auch hier wieder als Beamter in den technischen Dienst übernommen zu werden. Zwar war ihm das nicht in Rothenburg nahe Endsee, da­für aber in Nürnberg ge­lungen. Es sollte aufwärts gehen. Doch bis zu einem einigermaßen geregelten Familienleben war es noch ein weiter Weg.

Zu groß waren die Entbehrungen während der letzten Jahre gewe­sen, zu groß auch der Nachholbedarf in allen Dingen des täglichen Le­bens. Das begann bei der Kleidung und hörte bei Küchengeräten und Einrichtungsgegenständen auf. Es mag in heutiger Zeit unglaublich klingen, aber wir besaßen wirklich nur das Nötigste. Wir hatten we­der Federbetten noch Wäsche, es fehl­ten Töpfe und Teller. Unser einziger Luxus bestand aus einem alten Rundfunkempfänger, den sich mein Vater als Tüftler und Fachmann zusammengebastelt hatte.

Ebenso wie ich seinerzeit meinem ersten Schultag in Ansbach ent­gegengebangt hatte, so erging es nun meinem Vater, als er vom Nürn­berger Postamt, der Fernmeldestelle, die Zusage er­hielt, den Dienst dort antreten zu können und wieder als Beamter über­nommen zu werden.
Da Vaters Geld nicht einmal für ein möbliertes Zimmer in Nürnberg ausreichte, logierte er zusammen mit ande­­ren Kollegen in einem gemeinsamen Zimmer der Postunter­kunft. Preiswertes Kanti­nenessen sowie das billige Massenquartier halfen ihm finan­ziell über die erste Zeit hinweg. Eine Familien­heimfahrt konnte er sich nur alle paar Wochen leisten, denn er sparte für die Ein­rich­tung einer Woh­nung. Schließlich wollten wir ja irgendwann ein­mal wieder zusam­men, und menschenwürdig, leben.
Nachdem ich immer noch die Handelsschule in Ansbach be­suchte, bestand auch keine Dringlichkeit eines Umzugs nach Nürn­­berg. Wir konnten also ruhig weiter in Endsee wohnen blei­ben. In der Zwi­schenzeit hatte sich in unserer Familie, trotz aller widrigen Umstände, noch einmal Nachwuchs eingestellt. Ich hatte einen zweiten kleinen Bruder bekommen.

Die Monate vergingen mit Schule, Lernen und Arbeit im Gips­bruch. Mein ehemals kleiner, aber jetzt mittlerer Bruder, be­suchte wie ich die Steinacher Dorfschule. Im Gegensatz zu mir hatte er als später gebore­ner mehr Chancen, es beruflich zu et­was zu brin­gen. Auch der jüng­ste Bruder wuchs in eine Zeit hin­ein, in der es mit uns und allgemein wirtschaftlich aufwärts ging.
Ich stand kurz vor der Abschlußprüfung, die anschließend durch einen Schulball gekrönt werden sollte. Meine Mitschüle­rin­nen, von denen die meisten bereits einen Freund hatten, be­rei­te­ten sich auf dieses Fest vor. Es sollte ein Ballabend mit langem Kleid werden. Ich besaß weder einen Freund noch ver­fügte ich über ein langes Kleid, doch am Ball im Ansbacher Drech­selsgarten, seiner­zeit ein einfacher Gasthof mit Tanzsaal, wollte auch ich teil­neh­men. Während die anderen Mädchen sich um ihre Frisuren und um den anzulegenden Schmuck sorgten, galt meine Sorge einem Kleid. Es war mir zwar nicht ange­nehm, meinen Mitschülerinnen eröffnen zu müssen, daß meine Eltern finanziell nicht in der Lage sind, mir ein Kleid zu kaufen, aber ich überwand mich dennoch. Andererseits sah ich ein, daß eine sol­che Ausgabe in den Augen meiner Familie, die andere Dinge nö­ti­ger hatte, ein wirklich über­flüssiges Beklei­dungs­stück ist, welches ich möglicherweise nur ein einziges Mal im Leben anzog. Auf dem Dorf gab es keine Festivitäten, die lange Garde­robe erforderten. Ich besaß allerdings auch kein kurzes Kleid, welches für einen Ball geeignet gewesen wäre. In meiner üb­li­chen Schulkleidung hätte ich zum Tanz kommen müssen. Wochenlang beschäftigte mich der Gedanke an Ball, Kleid und Tänzer. Meine Mitschülerinnen zeigten Verständ­nis für meine Sor­gen und unsere Situation. Nachdem mir eine Schul­freundin zu­ge­sagt hatte, mir einen Tänzer zu besorgen, versprach mir eine andere, mir mit einem Kleid auszuhelfen. So geschah es auch. Einige Tage vor dem Ball sollte ich das Kleid zunächst einmal an­probieren. Es saß einiger­maßen, aber meine Unterwäsche war hierfür nicht komplett. Sogar in diesen Dingen war ich rückständig. Zu meiner Unter­bekleidung fehlte noch ein Büsten­hal­ter, ich hatte ein­fach keinen. Und genau auf dieses Be­klei­dungsstück kam es bei diesem Ballkleid an. Ich trug Mutter meinen Wunsch nach einem Büstenhalter vor, ja, ich versuchte sie zu über­zeugen, daß für einen perfekten Sitz des Kleides dieser Büsten­halter unbedingt erforderlich sei, stieß aber bei ihr auf Unverständnis.

„Zu wos brauchst Du denn an Bistenhalter“, fragte sie mich. „So wos brauchst Du nie, des is unnetig“.

Wieder einmal war ich Außen­seiterin. Eine andere Schulfreun­din half schließ­lich auch noch mit einem Büstenhalter aus, so daß ich mit geliehenem Tänzer, geliehenem Kleid und geliehenem Büsten­hal­ter den Abschlußball besuchen konnte. Ich war 16 Jahre alt, die Armut hatte angehalten.


Die Familie ist vereint - Nürnberg

Die Schulzeit lag hinter mir. Der Ernst des Lebens hatte be­gon­nen, aber damit einhergehend auch die ersten Probleme. Im Dorf selbst gab es keine meiner Ausbildung entsprechenden Ar­beits­plätze. Auch in den umliegenden Ortschaften bestand keine Mög­lich­keit, mich in einem Büro unterzubringen. Wir wohn­ten in einem völlig ländlich ge­prägten Gebiet, ohne In­dus­trie, ohne Han­dels­unternehmen. Der ganze Kreis bestand aus land­wirtschaft­lichen Gehöften. In den Dorfgemein­den gab es we­der eine Arzt- noch eine Rechtsanwaltspraxis, keine Post­äm­ter, auch nicht die kleinsten Verwaltungsstellen. Die Bürger­mei­ster der einzelnen Ge­meinden erledigten ihre Obliegen­hei­ten so nebenbei in der guten Stube. Ihre Aufgabe bestand u.a. dar­in, hin und wieder ein Formular zu erstellen oder eine Ur­kunde zu beglaubigen. Der­artige Angelegenheiten wurden abends nach der Feld- und Stall­arbeit in privater Runde erle­digt. Schreibkräfte waren hierfür nicht erforderlich. Für mich be­stand also keinerlei Aussicht, im Dorf oder der Umgebung eine Arbeitsstelle zu finden. In Anbe­tracht eines in naher oder fer­nerer Zukunft durchzuführenden Um­zugs der gesamten Fa­mi­lie nach Nürn­berg hielten es meine Eltern daher für ange­bracht, daß ich mich dort um eine Stelle bewerbe.

Die Eltern gingen davon aus, daß ich mit einem guten Ab­schluß­­­zeugnis der Handelsschule, welches der mittleren Reife gleichzu­setzen ist, durchaus in jedem Büro als „Kontoristin“, so war die damalige Berufsbezeichnung, tätig sein könne. Sie lie­ßen aber außer acht, daß ich weder über das notwendige All­ge­mein­wissen, noch über Umgangs­formen, und schon gar nicht über eine entsprechende Klei­dung, Zubehör oder Fähigkeiten ver­fügte, um mich selbst entspre­chend präsentieren zu können. Ich war schüch­tern, voller Hemmun­gen, unfähig, mich im Straßen­verkehr einer Großstadt zu bewegen und es fehlte mir die entsprechende Wort­gewandtheit, die erforderlich ist, um ein Be­werbungsgespräch zu führen.

Nach einem Wochenendbesuch in Endsee nahm mich mein Vater an einem Sonntagabend mit nach Nürnberg. Wohl hatte er schon Wochen vorher nach einem möblierten Zimmer für mich Aus­schau gehalten, aber die dafür geforderten Preise spreng­ten seinen finanziellen Rah­men. Er konnte mir kein Zim­mer bezah­len. Also bat er seine Arbeits­kollegen in der Männer­un­terkunft, mich für einige Nächte mitbringen zu dürfen und der Verwaltung gegenüber Stillschweigen zu bewahren. Den Schlaf­raum teilten sich etwa sechs Männer unterschied­lichen Alters. Es gab keinerlei Trennwände zwischen den Betten. Zu jeder Schlafstelle gehörte ein Kleiderspind, ein Nachtkästchen und ein Stuhl. In der Mitte des Raumes befand sich ein größerer Tisch, an dem abends ge­gessen, gelesen oder Karten gespielt wurde. Außerdem war die­ser Gemeinschafts­raum nur mit einem Wasch­becken, nicht aber mit einem separaten Bad ausgestattet. Ich hatte also kaum die Mög­lich­keit, mich richtig zu waschen. Abends schmuggelte mich mein Vater hinein, morgens wieder hin­aus. Er selbst, aber auch seine Kollegen, setzten durch einen sol­chen Verstoß der Hausord­nung den Arbeitsplatz aufs Spiel. Die Kollegen hielten dicht. Zusam­men mit meinem Vater mußte ich, die 16jährige, in einem Bett schlafen. Ich fühlte mich in dieser Männer­gesellschaft total de­placiert, auch wenn ich mich dort nur zur Schlafenszeit aufhielt. Obwohl es sich um einen un­haltbaren Zustand handelte, blieb uns nur diese eine Möglichkeit.
Da ich noch nie zuvor in Nürnberg gewesen war, benötigte ich für die Tage meiner Stellensuche die Hilfe meines Vaters. Er such­te die Zeitungen nach Stellenangeboten durch und ver­ein­barte telefonisch die Vorstellungstermine. Nur zwei Tage Urlaub waren ihm bewilligt worden. Während dieser kurzen Zeit mußte ich einen Arbeitsplatz ge­funden haben. Zusammen suchten wir die Sitze der ausgeschriebenen Stellen. Trotz Ein­sicht­­nahme in den Stadtplan fanden wir unser Ziel nicht un­mit­telbar. Oft mußten weite Wegstrecken zurückgelegt wer­den. Auf­fällige Hinweise und großzügige Reklameschilder waren da­mals noch nicht üblich.

Es war Herbst. Ich trug einen gräßlichen grasgrünen Mantel, den wir billig bei den Amerikanern gekauft hatten. Meine dün­nen Beine steckten in gestrickten Wollstrümpfen. Die abge­tra­genen Schnür­schuhe paßten weder zur Farbe der Strümpfe noch zu der des Mantels. Die Haare hatte ich schon seit Tagen nicht mehr waschen können, sie klebten ungepflegt und fett an mei­nem Kopf. Eine Handtasche besaß ich nicht. Mutter hatte mir eine alte Ein­kaufstasche mitgegeben, in der ich meine Zeug­nisse herumtrug. In diesem Aufzug präsentierte ich mich bei ver­schiedenen Arbeit­gebern, und brachte sogar den Mut auf, mich im Nürnberger Carlton Hotel vorzustellen, welches zu je­nem Zeitpunkt eine Kon­toristin suchte. Ich erinnere mich, daß das Vor­stellungs­gespräch in diesem Hause erst gar nicht zu­stande kam. Man fixierte mich, hörte sich mein stotterndes Be­gehren an und schickte mich sofort wieder weg. Ich sei für diese Stelle ungeeignet, wurde mir gesagt.
Wenn ich heute versuche, mich in die damalige Situation zu­rück­­zuversetzen, dann kann ich die Reaktion der Personal­stelle durch­aus nachvollziehen. In meinem damaligen Aufzug hätte man mich - auf den ersten Blick - für eine Stadtstreicherin halten kön­nen, deren stotterndes Anliegen nicht für voll genom­men werden muß.

Derartige Erfahrungen machte ich während dieser beiden Tage noch oft. Mein Vater war ebenso niedergeschlagen wie ich. Er hatte sich die Stellensuche offensichtlich einfacher vor­ge­stellt. Nicht die Noten in meinen Zeugnissen waren für die Ab­lehnun­gen ausschlaggebend, son­dern meine unmögliche Auf­machung und mein unbeholfenes Auf­treten. Mir fehlte die Ge­wandtheit des Stadtkindes, mir fehlte die Selbstsicherheit. Was hätte mich auch selbstsicher machen sollen? Schon ein Blick in die widerspie­geln­den Schaufensterscheiben wäh­rend des Vorbeigehens ließ mich vor meinem eigenen Anblick er­schrecken. Und wenn ich die Passanten um mich herum be­trach­tete, war mir schon bewußt, daß ich in dieses Umfeld nicht passe. Meinen Vater müssen ähnliche Gedanken gequält haben. Zum einen sah er in mir seine Tochter, vielleicht immer noch das Kind, wodurch das äußere Erschei­nungs­bild verdrängt wur­de. Zum anderen war auch er nüchtern und realitätsbezogen ge­nug, um erkennen zu können, daß meine Chancen nicht zum besten standen. Doch die Zeit und die Um­stände drängten. Wir mußten unsere Bemühungen um einen Arbeits­platz fortsetzen.

Der erste Tag der Stellensuche blieb erfolglos. Der nächste Mor­gen brachte kein anderes Ergebnis. Mittlerweile waren mei­ne Augen vom Weinen gerötet, denn diese Mißerfolge zehrten an meiner Seele, und dies um so mehr, als ich wußte, daß Vater nur diese beiden Tage für mich freigenommen hatte. Ab mor­gen müßte ich Straßen und Adressen alleine suchen. Der Zeit­auf­wand dafür wäre wesentlich größer gewesen. Ich ver­fügte auch nicht über genügend Geld, um sämtliche Strecken mit öf­fent­lichen Ver­kehrsmitteln abfahren zu können. Ganz abge­sehen davon, war ich vorher noch nie allein mit einer Straßen­bahn gefahren. Das Ver­kehrsnetz mit all den Umsteige­stellen war für mich etwas Un­bekanntes. Hinzu kam der Gedanke, am Abend wiederum in diese Männerunterkunft ein­geschmuggelt zu werden. Ich befand mich in einem Zustand, den man nicht be­schreiben und den ein Außen­stehender nicht nachempfinden kann. Einem in der heutigen mo­der­nen Zeit auf­gewachsenen Men­schen mögen diese mir damals fast unüber­windlich er­schei­nenden Schwierigkeiten unver­ständ­lich sein. Für mich je­denfalls war jene Situation so gravierend, daß sich mein see­li­scher Zustand auch körperlich bemerkbar machte. Ich war am Ende meiner physischen und psychischen Kraft ange­langt und schleppte mich nur noch von Stelle zu Stelle. Heute werden Stellenbewerber nach einem Vorstellungsgespräch mit der Zu­sage einer schriftlichen Nachricht verabschiedet, so daß immer noch ein wenig Hoffnung bleibt. Ich erhielt die Antwor­ten un­mit­telbar in Form der mündlich ausgesprochenen Ableh­nung. Was hätte mich nach all diesen negativen Erfahrungen auf­richten, was mir Auftrieb geben sollen?
Am Spätnachmittag des zweiten Tages bekam ich eine Zu­sage. Ein renommiertes Nürnberger Bettengeschäft suchte für das Büro eine Kontoristin. Offensichtlich störte mein Aussehen dort nicht allzusehr, dafür lag das angebotene Gehalt weit unter dem anderer Anfangs­kontoristinnen, wie sich später heraus­stellte. Einen Tag später, am 1. Oktober 1951, nahm ich meine Ar­beit auf.

In der Ecke eines kleinen Hinterzimmers, welches als Büro diente, bekam ich meinen Platz zugewiesen. Genau gesagt, stand mir etwa ein Viertel der Arbeitsfläche des vom Buch­hal­ter der Firma besetzten Schreibtisches zur Verfügung. Als Sitz­ge­legen­heit hatte man noch ein Hockerchen zwischen Wand und Schreib­tisch gequetscht. In dieser unbequemen Haltung durfte ich eine uralte schwere Adler-Schreib­maschine bedienen. Un­beholfen im Umgang mit Menschen, insbe­sondere mit Kun­den, machte ich mei­nem Arbeitgeber keine große Freude. Nicht die Diktat­auf­nah­me- oder -wiedergabe, nicht das Formulieren kleiner Briefe oder das Ausfüllen von Rechnungs- oder Über­wei­sungsformularen be-rei­te­te mir Schwierigkeiten, sondern die Mit­hilfe im Ver­kaufs­geschäft und das Handhaben eines Tele­fons. Der Firmeninhaber hatte die Vorstellung, ich könne so­wohl im Büro als auch im Verkauf tätig werden. Für den Ver­kauf fehlte mir das Fach­wissen, vor allem aber die Auf­ge­schlossenheit und das Verhandlungs­geschick Kunden gegen­über. Und als man mich zum ersten Mal aufforderte, am Telefon zu antworten, brachte ich keinen einzigen Ton heraus. Im ersten Moment wußte ich nicht einmal, welches die Sprech­muschel und welches der Hörer ist. Noch nie zuvor hatte ich ein Te­lefon in der Hand gehabt, geschweige denn hinein­ge­spro­chen. Zur damaligen Zeit besaß kaum jemand einen Fern­spre­cher, schon gar nicht auf dem Dorf. Ich mußte viele Rügen und Er­mahnungen über mich ergehen lassen. Man konnte sich meine Rückständigkeit einfach nicht erklären. Wie sollte ich dem Arbeitgeber klarmachen, auf welche Weise meine letzten Kind­heits- und Jugendjahre verlaufen waren, was ich alles mit­ge­macht und durchlebt, wie sehr ich nicht nur unter Hunger, sondern auch darunter gelitten hatte, daß ich mich in jeder Be­zie­hung ein­schrän­ken mußte, daß ich nicht das Leben eines nor­ma­len jungen Mädchens führen konnte. Ich war doch immer im Abseits ge­standen.

In der Zwischenzeit war mein Vater aktiv geworden. Er hatte alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um für mich eine Bleibe auf­zu­treiben und war im Norden von Nürnberg an eine alte Dame ge­raten, die zwecks Aufbesserung ihrer schmalen Rente ein Zim­merchen ihrer Zweizimmerwohnung vermietete. Die Woh­nung verfügte zwar über kein Bad, dafür gab es aber ein Spül­becken in der Küche, welches ich zur Körperreinigung und zum Wä­sche­waschen benutzen durfte. Die Toilette befand sich im Trep­pen­haus. Es war meinem Vater gelungen, mit der alten Dame dahin­gehend einig zu werden, daß ich im ersten Monat meines Dort­seins die Miete im nachhinein bezahlen würde. Spä­ter sollten die Zahlungen dann jeweils am 1. des Monats im vor­aus erfolgen. Nun hatte ich endlich ein Zimmer und ein Bett für mich allein. Die Dame war verhältnismäßig zurückhaltend, aber nicht un­freundlich. Wir kamen während der Monate, in de­nen ich dort wohnte, recht gut miteinander aus. Mittlerweile hatte ich auch in Erfahrung gebracht, wo sich das öffentliche Wan­nenbad befindet. Zwar schmä­lerten die Ausgaben dafür wie­der meinen Geldbeutel, aber die Sitzungen im warmen Bad wa­ren für mich neben der profanen Reinigungs­prozedur ein wahrer Genuß.

Die ersten vier Wochen meines Berufslebens waren sehr schwer für mich insofern, als mir eine minimale Geldsumme zur Verfü­gung stand. Nur einige wenige Mark hatte ich von mei­nen Eltern erhalten. Damit mußte ich zurechtkommen. Der Mo­nat erschien mir unendlich lang. Den Weg zur täglichen Ar­beit legte ich natür­lich zu Fuß zurück, es waren etliche Kilo­meter. Für meinen täg­lichen Nahrungsbedarf blieben mir - errechnet für den ganzen Monat - nur Pfennige. Außer Brot, Margarine und manchmal einen Apfel, konnte ich mir nichts lei­­sten. Da ich mit niemandem über meine finanziellen Sorgen sprach, konnte sich mein Arbeit­geber auch nicht erklären, w­ar­um ich des öfteren ohnmächtig wur­de. Meist passierte dies dann, wenn man mich beauftragt hatte, oben auf dem Speicher Kinderwägen oder Betten zu ver­packen. Die Anstrengung, das Bücken, die unzureichende Nah­rungs­aufnahme und nicht zu­letzt die psychische Anspannung ließen mich häufig das Be­wußt­sein verlieren. Fast hätte ich die­ser­halb auch wieder mei­nen Arbeitsplatz verloren, denn man vermutete hinter den häufigen Schwindelanfällen eine Krankheit. Ich war jedoch nicht krank. Mir fehlten Vitamine und Nährstoffe, mir fehlte eine anstän­dige Ernährung. Schließlich befand ich mich immer noch in der Wachstumsphase, und die vorhergehenden Jahre der Entbehrungen waren offensichtlich auch nicht spurlos an mei­nem Körper vorüber­gegangen.

Ein anderes möbliertes Zimmer gab meinem Dasein und mei­nem Wohlbefinden eine glückliche Wende. Eine in der Ab­tei­lung meines Vaters bei der Post arbeitende Putzfrau suchte einen neuen Mieter für ein freigewordenes Zimmer in ihrer Wohnung. Mein Vater empfahl mich und ich zog dort ein. Diese alte Dame, eine kinderlose Witwe, behandelte mich wie eine Tochter. Abgesehen von dem ge­mütlichem Zimmer, in dem ich nun wohnen durfte, hatte ich auch „Familienanschluß“. Frau Sch. weckte mich mor­gens, bevor sie zum Dienst ging, sie brachte mir das Wasch­wasser, sie bereitete mir ein kleines Früh­­stück, sie reinigte mein Zimmer. Nach der Arbeit lud sie mich jeweils zu einem abend­lichen Plausch am Kachelofen ein, und jeden Sonntag durfte ich gegen Bezahlung von einer DM 1,00 gemein­sam mit ihr zu Mittag essen. Ihr konnte ich meine Sorgen und Nöte anvertrauen, bei ihr fand ich in jeder Hinsicht Verständnis. Als Musik­liebhaberin ge­lang es ihr, mich auch für Konzerte und Opern zu begei­stern. Wann immer wir Lust und etwas erspartes Geld hatten, erfreuten wir uns der Darbietun­gen. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Theater­pro­gramm im Auge zu behalten und dann die billig­sten Karten für die obersten Ränge zu besorgen. Sie bestand auch darauf, daß ich hin und wieder - natürlich in ihrer Begleitung - ein Tanzcafé auf­­suchte, um endlich einmal das Leben zu führen, wel­ches andere in meinem Alter schon bald hinter sich hatten. Sie war nur eine Putzfrau, aber sie besaß menschliche Wärme und Ein­füh­lungsvermögen, wie ich es später bei einem anderen Men­schen kaum wieder gefunden habe. Sie verfügte über Geist und Witz und ich habe bei ihr und durch sie viel gelernt. Nachdem ich dort ein so schönes Zuhause gefunden hatte, war mir der Umzug meiner Eltern von Endsee nach Nürnberg nicht mehr ganz so wichtig.

Von meinem ersten Arbeitgeber hatte ich mich in der Zwi­schen­­zeit getrennt und eine neue Tätigkeit in einem bakteri­o­lo­gisch-serologi­schen Institut am anderen Ende der Stadt auf­ge­nommen. Ich war sicherer und selbstbewußter geworden. Nicht un­maßgeblichen Anteil an meiner Entwicklung hatten meine neuen Arbeitgeber, ein Bakte­riologe und ein Chemiker, die mir zu erkennen gaben, daß sie mit meiner Arbeit zufrieden waren und die mich mit immer neuen Aufgaben und Heraus­for­derun­gen kon­frontierten. Hier wurde ich als vollwertige Kraft an­ge­sehen und als Mensch behandelt. Ich wuchs mit meinen Auf­ga­ben. Schnell hatte ich mich in das neue Berufsgebiet ein­ge­ar­bei­tet. Zwar mußte ich mich auch hier mit einem ver­hält­nis­mäßig geringen Gehalt zufriedengeben, was aber durch eine sehr gute und zuvorkom­men­de Behandlung und ein posi­tives Ar­beitsklima wieder kom­pensiert wurde. Es ging aufwärts. End­lich war ich in der Lage, mir klei­nere Abwechslungen im Privat­leben leisten zu können. Es begann eine Phase in meinem Leben, die ich als glücklich be­zeich­nen möchte.

Trotzdem gab es immer wieder Stunden, in denen mir bewußt wurde, daß ich nach wie vor zu den armen Menschen gehöre. Ich hatte kein vorzeigbares Elternhaus, in welches ich Freunde einla­den konnte. Und - was mich am meisten schmerzte - keine Mög­lich­keit mehr, eine höhere Schule zu besuchen bzw. ein Studium zu beginnen. Mein Berufsleben war vorgezeichnet. Von den Eltern konnte ich keine Unterstützung erwarten. Ich hatte für mich selbst zu sorgen.

Als die Eltern dann von Endsee nach Nürnberg übersiedelten, gab ich schweren Herzens mein möbliertes Zimmer auf, die Familie ver­einte sich. Den Kontakt mit Frau Sch. hielt ich jedoch noch über Jahre hinaus.


Eine neue Existenz wird aufgebaut

Während der darauffolgenden Jahre habe ich versucht, das Beste aus dem zu machen, was mir das Leben bereithielt.
Meine Eltern hatten in Nürnberg Fuß gefaßt, mein Vater stand als Beamter in Brot und Arbeit bei der Post. Trotzdem war die­ser Anfang sehr mühsam. Zwar hatten wir eine für Post­be­dien­stete in einer größe­ren Anlage erstellte Wohnung bezogen, doch es han­del­te sich dabei um sehr kleine und bescheidene Räum­lichkeiten ohne jeglichen Kom­fort. Die Wohnung bestand aus drei Zimmer­chen, von denen ich eines als Schlafraum mit mei­nem Bruder teilen mußte. Der Jüngste schlief mit im Eltern­zimmer. Das Wohn­zimmer bot wenig Platz für uns fünf Per­so­nen. Auch in der Küche konnte man sich kaum bewegen. Das Bad war eine Fehl­konstruktion, denn es stellte sich heraus, daß kurz vor Fertig­stel­lung des Baues noch schnell Extra-Bade­wan­nen geordert worden waren, weil eine Wanne normaler Länge kei­nen Platz gefunden hätte. Das gleiche traf für das Wasch­becken zu. Es mußte ein Mini­becken eingebaut werden, wobei es nicht mehr möglich war, eine Verbindung zum Warm­was­ser­boiler herzu­stellen. Am Hand­waschbecken gab es also nur kaltes Wasser. Der Wasser­hahn war wegen des winzigen Beckens so un­glücklich ange­bracht, daß man sich die Hände nicht unter dem Was­ser­auslauf waschen konnte, sondern dazu das Mini­wasch­becken mit Wasser füllen mußte.

Da Wohnraum für Vertriebene benötigt wurde, waren diese Bauten seinerzeit in Windeseile in primitiver Bauweise und mit geringen staatlichen Mitteln hochgezogen worden. Einen Bal­kon gab es nicht. Schon von außen sah man den Häusern an, daß es sich hierbei um Wohnungen für Minderbemittelte handelte. Selbst­verständlich waren wir froh, endlich wieder in mehreren Räu­men und als Familie zusam­menwohnen zu können, auch wenn wir nicht gerade stolz auf Wohnblock und Gegend waren.

Wir verfügten jetzt zwar über eine Wohnung, aber zunächst über eine leere. Für Einrichtungsgegenstände und Hausrat reich­te die ange­sparte Summe nicht. Die Eltern waren daher gezwun­gen, das Nötigste zunächst auf Kredit zu kaufen. An diesem Kre­dit zahlten sie jahre­lang. Zwar steuerte ich von meinem Ein­kom­men, das sich seinerzeit - wir schrieben das Jahr 1953 - auf ca. DM 100,00 monatlich belief, DM 50,00 zum Familien­ein­kom­men bei, aber dieser Betrag reichte nicht, um unser großes Defi­zit auszu­gleichen. Während andere bereits über Fernseher, Wasch­­maschi­nen, Kühlschrank, Staubsauger und Autos verfüg­ten, plagte sich meine Mutter immer noch per Hand mit unserer Wäsche. Um keine weiteren Schulden machen zu müssen, wurde erst ein Stück nach dem anderen abbezahlt, bevor man das näch­ste auf Kredit kaufte. Meine Brüder benötigten wegen ihres stän­di­gen Wachs­tums immer wieder neue Kleidung. Nicht alles konn­te der Jüngere vom Älteren übernehmen. Meine persön­li­chen Bedürfnisse be­stritt ich vom Rest meines eigenen Ein­kom­mens. An Urlaub oder sonstige kostenträchtige Freizeit­aktivi­tä­ten war nicht zu denken.

Meine Eltern litten sehr darunter, noch einmal neu anfangen zu müssen, hatten sie doch in Jägerndorf zum Ende des Krieges be­reits Neuanschaffungen getätigt und sich wohnlich einge­rich­tet. Mutter war mittlerweile 40 Jahre alt, der Vater 43. Manch­mal kam natürlich auch der Gedanke an eine Rückkehr in die Hei­mat auf, zumal die Vertrie­benen damals auch lands­mann­schaft­lich enger miteinander verbunden waren. Man schmiedete - trotz unklarer po­li­tischer Verhältnisse - Pläne und versuchte, den derzeitigen Zu­stand als Übergangslösung zu be­trachten. Im Vor­der­grund stand zunächst ein sicherer Arbeits­platz, ein regelmäßiges Ein­kommen, ein Familienleben in einer Woh­nung. Lange genug waren wir von einem Lager ins andere ge­schleust wor­den. Es war eine Zeit des Abwartens, wobei nie­mand so recht wußte, auf was man eigentlich wartete. Ich trat der sudetendeutschen Jugend bei und war als Jugend­gruppen­lei­terin aktiv tätig. Auch in unseren Jugendkreisen war immer wie­der von „Recht auf die Heimat“, von „Rückkehr“ die Rede, nur war uns nicht klar, auf welche Weise und wann das gesche­hen sollte.

Neben der täglichen Arbeit nahm ich jede Gelegenheit wahr, mir während der Freizeit noch etwas dazuzuverdienen. So half ich bei verschiedenen Festen am Ausschank, ich verkaufte Eis und Würst­chen, holte die Scheiben beim Zielschießen ein, machte Nachtdienst bei den Abrechnungen für die kassen­ärzt­liche Ver­einigung, tippte auf einer alten geschenkten Schreib­ma­schine Doktorarbeiten, sammelte in den Abend­stunden bei ver­schiedenen Nürnberger Arztpraxen Blut-, Stuhl- und Urin­pro­ben für Labor­untersuchungen ein und anderes mehr. Die übri­ge freie Zeit nutzte ich für meine Weiterbildung in Abend­kur­sen. Auch der Sport nahm in meinem Leben einen wichtigen Platz ein. Die anderen Familienmitglieder waren ebenfalls nicht un­tätig. Mutter und mein mittlerer Bruder trugen morgens um 5.00 Uhr bereits Zei­tun­gen aus. Unsere ganze Familie tat alles Mög­liche, um wirtschaft­lich voran­zu­kommen, und im Laufe der Jahre gelang uns das auch.

Beruflich boten sich mir keine allzugroßen Chancen, denn ich hatte außer meinem Handelsschulabschluß nichts aufzuweisen. All die von mir besuchten Abendkurse und Lehrgänge berei­cher­­ten zwar mein Wissen, hatten aber keinen Einfluß auf ein Wei­terkommen bzw. auf eine gehaltliche Höhergruppierung. Wo immer ich auch versuchte, eine höherdotierte oder quali­fi­ziertere Tätigkeit ausüben zu dürfen, wurde mir erklärt, daß hier­für höhere Schulbildung bzw. der Nachweis von Zeug­nis­sen erforderlich sei. Auf diese Weise wurde mir immer wieder vor Augen geführt, welche Folgen eine Vertreibung aus der Hei­mat auf das ganze Leben eines Menschen hat.
Den Arbeitsplatz habe ich noch einige Male gewechselt. Wenn ich schon keinen höheren Schulabschluß nachweisen konn­te, waren wenig­stens die jeweiligen sehr guten Arbeits­zeug­nisse ein kleiner Trost für mich. Ich habe versucht, den di­ver­sen Arbeit­gebern zu beweisen, daß ich auch mit nur wenigen Schul­jahren das gleiche zu leisten in der Lage bin wie andere mit Abitur. Es ist mir niemals schwergefallen, mich neuen An­for­derungen zu stellen und neue Auf­gaben zu meistern. Auf­grund der mir durch Abend­kurse angeeig­neten Fremdsprachen­kennt­nisse schuf ich mir die Möglichkeit, mehrere Jahre meinen Be­ruf im Ausland auszuüben. Eigentlich habe ich während mei­nes ganzen Lebens nie aufgehört zu lernen. Vielleicht holte ich da­mit unbewußt das nach, was mir in meiner Kindheit verwehrt ge­blieben ist. Leider hat sich ein Großteil meiner Kindheits­wün­sche nicht erfüllt, und die mir selbst gesteckten Ziele habe ich nicht erreicht.

Auch meine Eltern, die während ihrer Jugendzeit Zukunfts­träume hatten und nur das Ende des Krieges abwarteten, um dann ihre Vorha­ben in die Tat umsetzen zu können, sind vom Le­ben bitter enttäuscht worden. Mehrmals hatten sie zu einem bes­seren Dasein angesetzt, mehrmals standen sie vor dem Nichts. All diese körperlichen und see­lischen Belastungen sind auch an ihnen nicht spurlos vorüber­ge­gangen. Mein Vater, der bis zu seinem 65. Lebens­jahr gearbeitet hat, verbrachte die Jah­re seines Ruhestands als Dahinsiechender. Die jeweiligen Auf­ent­halte im Krankenhaus waren von längerer Dauer als die in sei­nem Zuhause. Er erreichte nicht einmal das 73. Lebens­jahr. Mut­ter überlebte ihn gerade um 5 Jahre. Sie, als Waise in einem Waisenhaus aufgewachsen, muß­te ihr Leben nach einem Schlag­anfall in einem Pflegeheim be­schlie­ßen, denn wir Kinder wa­ren zu jenem Zeitpunkt alle berufs­tätig und hatten keine Mög­lichkeit, sie bei uns aufzunehmen.
Wie gerne hätten meine Eltern ihr Jägerndorf noch einmal wie­der­­gesehen. Es war ihnen nicht mehr vergönnt. Ich dagegen durfte meine Geburtsstadt wiedersehen, doch das, was ich sah, ent­sprach nicht dem Bild, welches ich in meiner Erinnerung mit mir trug.


Wiedersehen mit der Geburtsstadt Jägerndorf

Der Wunsch, irgendwann meine Geburtsstadt wiedersehen zu dür­fen, war schon seit langem in mir wach. In früheren Jahren be­stand dazu wegen der zwischen Deutschland und der Tsche­cho­slowakei bestehen­den geschlossenen Grenzen keine Mög­lichkeit. Jägerndorf liegt im Osten in unmittelbarer Nähe des Alt­vater­ge­birges. Eine Fahrt auf eigene Faust in dieses Gebiet, zu­mal noch ohne Sprachkenntnisse, erschien mir zu gewagt. Auch meine seinerzeit noch lebenden Eltern hätten eine solche Reise nicht angetreten, obwohl sie gerne an ihre Hei­mat dach­ten und sich die Bilder der Vergangenheit in ihrer Erinnerung noch sehr deutlich darstellten. Sie sprachen oft über ihre Stadt und stellten sich die Frage, wie es wohl heute dort aussieht. Gern hätten sie ihr Jägern­dorf noch einmal gesehen und hofften stets auf eine spätere Gelegenheit, die sich ihnen nicht mehr bot. Der Tod kam ihrem Wunsch zuvor.

Im Herbst 1993 schloß ich mich einer Reisegruppe, beste­hend aus überwiegend in Jägerndorf und Umgebung geborenen Hei­mat­vertrie­benen an. Es war für mich die erste Fahrt in die Hei­mat nach über 47 Jahren. Mit sehr gemischten Gefühlen und vol­ler Erwartungen bestieg ich den Bus, der uns in das ehe­ma­lige Sudeten­land bringen sollte. Der unfreiwillige lange Auf­ent­halt an der tschechischen Grenze, den ich als reinen Willkürakt des tschechischen Grenzpersonals deutschen Ein­reisen­den ge­gen­über bezeichnen möchte, ließ mich ahnen, daß nicht alles so glatt ablaufen würde, vor allem aber, daß der Deutsche in seiner ehe­maligen Heimat nicht unbedingt ein gern gesehener Gast ist.

Während der Fahrt erfuhr ich so einiges über die Geschichte meines Vaterlandes, so z. B., daß bereits zu Beginn des 13. Jahr­hunderts ein mehr als hundert Jahre währender deutscher Sied­ler­strom in das bewaldete und unbewohnte Altvaterland ein­gesetzt hatte, unsere deut­schen Vorfahren also schon über Jah­rhunderte hinweg in dieser Gegend lebten und nicht - wie heute behauptet wird - immer eine Minderheit in diesen Ost­ge­bie­ten darstellten. Es wurden aber auch Hintergründe und politische Ereignisse an­ge­sprochen, die letztendlich zu den al­len sudetendeutschen Ver­triebenen bekannten Konsequenzen ge­führt haben. Offenkundig wurden jedoch auch Greueltaten sei­tens der Tschechen uns Deut­schen gegenüber, die mir bisher un­bekannt waren und deren Aus­maße meine eigenen Erfah­run­gen und das Vor­stellungsvermögen überschrei­ten. Unter anderem hörte ich zum ersten­mal eine Schil­derung über den „Brünner To­des­marsch“, bei dem mehr als 1.500 unserer sudeten­­deutschen Landsleute ums Leben kamen. An vie­len Orten hatten Tschechen gegen Deutsche gewütet, so unter ande­­rem auch in Aussig, wo sich ein furchtbares Massaker ab­spielte. Viele waren zu Zwangs­­ar­beit eingesetzt, viele in die Uran­gruben von St. Joachims­thal verbannt worden. Über drei Millio­nen Sudeten­deutsche waren auf unmensch­liche Weise aus ihrer Heimat hin­aus­­ge­trieben worden. Über derartige Ereignisse, die einen Teil der Geschichte der Vertreibung darstellen, ist offen­sicht­­lich wenig veröffentlicht worden. So wie ich haben auch viele andere Landsleute meines Alters nichts von einem „Brünner Todesmarsch“, nichts von Vertriebenen­trecks in die Gebiete der ehemaligen DDR u.a.m. gewußt und später auch nichts darüber erfahren. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Nichtver­trie­bene oder gar Menschen anderer Nationen über derartige Vor­komm­nisse nicht informiert sind. Gewisse Ereignisse wurden einfach tot­geschwiegen, in Schulbüchern ist darüber nichts zu lesen.
Ich war erschüttert, als ich erfuhr, auf welche Weise die Brün­ner Bürger auf dem Weg Richtung Westgrenze von den Tsche­chen grau­sam niedergeknüppelt und erschlagen wurden. Wie war es möglich, daß sich bei den Tschechen ein derartiger Haß angestaut hat, der nun nach dem Ende des Krieges seinen Nie­derschlag in Form von Grau­samkeiten unschuldigen Deut­schen gegenüber fand?

Da uns die Reise über Brünn führte, passierten wir auch die Straße nahe Pohrlitz, wo sich am Straßenrand ein Eisenkreuz mit einer Gedenktafel befindet. Dieses vom öster­reichischen Schwar­­zen Kreuz gesetzte Zeichen ist das ein­zi­ge Mahn­mal, welches an die seinerzeitigen Grausamkeiten er­in­nert. Doch die Inschrift gibt nicht den wahren Sachverhalt des be­gange­nen Unrechts wieder. Es heißt hier:
„Nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 sind viele deutschsprachige Einwohner aus Brünn und Umgebung ums Leben gekommen. 890 Opfer sind hier bestattet. Wir geden­ken ihrer.
Österreichisches Schwarzes Kreuz - Kriegsgräberfürsorge.“
Als ich später vor diesem Kreuz stand und die Zahl der Opfer, die mit Sicherheit nicht die der tatsächlich Getöteten wie­dergibt, las, erfaßte mich ein unbeschreibliches Entsetzen. Von „Bestat­tung“ kann hier bestimmt nicht die Rede sein, eher von einem Ver­scharren all dieser gemarterten Menschen. Wir be­fanden uns auf blutgetränktem Boden. Straßen, Wiesen und Fel­der bedecken die Leichname der Menschen, die hier so grau­sam und brutal zu Tode kamen. Menschen, die ihre Rettung in der Flucht gen We­sten gesucht hatten. Sie waren im Glauben gelassen worden, zwar ohne ihr Hab und Gut, doch unbehelligt, ihre Heimat ver­las­sen zu können. Doch kurz vor ihrem Ziel waren die Tschechen wie wilde Tiere über den Aussiedlertreck hergefallen und über tau­send Menschen sind diesem Massaker zum Opfer gefallen. - Und die Geschichte schweigt darüber. Der heutigen Jugend wer­­den derartige Vor­komm­nisse vorenthalten, sie werden falsch unterrichtet.

Bald wird durch diese Region eine Autobahn geführt. Man wird beim Bau die Überreste der Leichen Brünner Bürger fin­den. Doch werden diejenigen, welche die übriggebliebenen Kno­chen dieser Menschen ausgraben, wissen, was vor vielen Jah­ren hier geschah?

Es erscheint mir in diesem Zusammenhang angebracht, einige Sätze aus der „Sudetendeutschen Heimatkunde“ von Gebhard Heinrich zu zitieren:
„Der Zusammenbruch 1945 führte zu einer Gewaltlösung der Nationa­litätenprobleme. Über drei Millionen Sudeten­deutsche wurden ent­schädigungslos aus ihrer Heimat vertrieben. Noch ehe die Sieger­mächte auf der Potsdamer Konferenz am 2. August 1945 auf Drängen der Tschechen ihre Zustimmung zu einer 'humanen und ordnungs­gemäßen Überführung' der deutschen Bevölkerung oder Teile derselben nach Deutschland gaben, hatten die Tschechen schon fast eine Million Menschen ver­trieben.
Bei jedem Wetter wurden sie im Fußmarsch über die Grenz­gebirge gejagt, oder wie Vieh in offenen Eisenbahnwaggons nach Deutsch­land abgeschoben, nachdem man ihnen alles nur irgendwie Wertvolle abgenommen hatte. Sagte doch Benesch selbst, den Deutschen dürfe nichts bleiben als ein Taschen­tuch zum Weinen.

241.000 Menschen haben die 'in humaner und ordnungs­gemäßer Weise zu erfolgende Bevölkerungsüberführung' nicht überlebt. Sie wurden auf bestialische Weise gefoltert, einge­ker­kert und auf den Straßen der Vertreibung er­schossen, erhängt oder erschlagen. Meist weiß man nicht einmal ob, geschweige denn wo, sie begraben sind.
Der Wert des durch die Vertreibung verlorenen privaten Vermögens der Sudetendeutschen wird nach gesicherten und allgemein üblichen Ermittlungsverfahren nach dem Stand von 1981 auf 265 Milliarden DM geschätzt. Zum Ver­gleich dazu: Die gesamten Steuereinnahmen der Bundes­republik Deutsch­land beliefen sich 1981 auf rund 182 Milliarden DM.“

Nachdem wir die Grenze passiert hatten, verlief die Weiter­fahrt rei­bungslos. Je weiter wir in mein ehemaliges Heimatland vor­dran­gen, desto mehr wurde meine Seele mit Schmerz erfüllt. Welch herrliches Land! Die Gegend ist nur dünn besiedelt, die ein­zelnen Dörfer liegen weit verstreut in der Landschaft. Beim Durchfahren der einzelnen Ortschaften mit ihren zum Teil höch­stens einstöckigen Häusern - in vielen Fällen bestehen sie nur aus dem Erdgeschoß mit kleinen fast ebenerdigen Fenster­chen und tief heruntergezogenen Dächern - wur­den Erinnerun­gen an meine Kindheit wach. Genauso präsentierten sich damals die ländlichen Gehöfte, ein Anblick, wie man ihn heute hier im Westen nicht mehr vorfindet. Es hatte sich nichts verändert, al­les war so wie vor fast 50 Jahren. Die Dörfer sind auch nicht - wie in der Bun­desrepublik - durch Neubauten erweitert worden. Sie haben ihren ehemaligen Charakter beibehalten. Was den Zu­stand der Bau­lich­keiten und der Dörfer insgesamt anbelangt, so stellte ich fest, daß nichts, aber auch wirklich nichts, erneuert oder reno­viert worden ist. Der Putz fällt von den Wän­den, die Fensterrahmen sind ver­rottet, die Holzzäune zusam­men­gebrochen, Gärten und Um­feld zum Teil verwildert und mit Un­rat übersät. Die Zeit ist hier, zu­min­dest auf dem Land, ste­hen­geblieben. Die neuen Besitzer unserer Güter haben es nicht für nötig befunden, das, was sie sich angeeignet haben, zu he­gen und zu pflegen. Eine weitere er­schreckende Erfah­rung war die Tatsache, daß unser Bus mit deut­scher Aufschrift und deut­schem Kennzeichen mit bösen Blicken, zum Teil aber auch mit un­übersehbar feindlichen Gesten seitens der Tschechen ver­folgt wur­de. Und wieder fragte ich mich, wie schon damals als Kind im Lager: Was haben wir den Tschechen getan, daß man uns mit solchem Haß begegnet?


Nach und nach tauchte die hüge­li­­ge Landschaft, die den Reiz der Jägern­dorfer Ge­gend aus­macht, auf. Im Kreise der Mitfah­ren­den wurden Orte ge­nannt, deren Namen ich als Kind schon ge­­hört hatte.

Wir näherten uns Jägern­dorf. Viele Jah­­­re hatte ich auf die­sen Au­­gen­­blick war­ten müssen! Die Tränen, die ich nun nicht mehr zurück­halten konn­te, trübten mei­nen Blick. Im Hinter­grund wurde der Burg­berg mit der von weitem immer so klein wirkenden Kirche sicht­bar. Dann tauchte am rechten Straßenrand das Ortsschild „Krnov“ auf. Viel lieber hätte ich „Jägerndorf“ darauf gelesen. Um meine Fassung war es geschehen. Ich weinte hemmungslos. Das, was ich in diesem Moment empfand, vermag ich nicht in Wor­te zu kleiden. Es war zum einen Freude über ein Wieder­se­hen mit dem Ort meiner Geburt und Kindheit. Aber auch Schmerz darüber, daß ich nun hier sein kann, während es mei­nen Eltern nicht mehr vergönnt ist, diesen Augenblick mit­zu­er­leben. Gleichzeitig wurden jedoch auch Erinnerungen wach an all das Schreckliche, welches uns während des Lagerlebens hier widerfahren war.

Wir durchfuhren den ersten Teil des Stadtgebietes, den ich so nicht kannte. Es hat sich viel verändert. Vertraut geblieben ist mir der An­blick der Stadtkirche, des Stückchens Stadtmauer, der Parkanlage. Die Stadtmitte selbst zeigt ein mir völlig frem­des Gesicht mit Ausnahme des Rathauses. Wo sind die Lauben­gän­ge um den Rathausplatz, dessen Ausmaß sich etwa auf das Dop­pelte vergrößert hat, wo die kleinen Gäßchen, die zum Park führten? Die Beckengasse besteht nur noch aus einem Teil­stück. Ich suchte den Minoritenplatz, das Haus, in welchem meine Großeltern ge­wohnt hatten. Es gibt keine Mühlgasse mehr, keinen Eislaufplatz. Dieses Jägerndorf ist nicht das, wel­ches ich 1946 verlassen habe. Zum Teil hat man renoviert, zum Teil gräßliche Neubauten er­stellt.

Ich hatte das Gefühl, als ob mein Brustkorb mittels eines Eisen­­­reifes zusammengedrückt würde. Gleichzeitig aber tauch­ten Fra­gen in mir auf, Fragen nach Namen, nach Straßen, nach Be­geben­heiten. Oh, hätte ich doch in diesem Moment meine El­tern neben mir gehabt. So vieles aus meiner Kindheit kam mir in den Sinn.

Nun stand ich in meinem Jägerndorf. Ich erinnerte mich an die vielen Sonntagsausflüge, die ich damals mit den Eltern - na­tür­lich zu Fuß - unternommen hatte. Wo waren wir immer hin­ge­wandert? Wo befindet sich die Brücke, an deren auf­stei­gen­den Begren­zun­gen ich an der Hand des Vaters solange hoch­stieg, bis er mich nicht mehr halten konnte und ich in seine Arme hinunterspringen durfte? Auf welcher Straße, in welche Rich­tung, hatten wir je­weils die Stadt verlassen, um in den schö­nen Wald mit dem See zu gelangen, wo ich in einer Gast­wirtschaft eine „Brause“ trinken durfte? Wo befindet sich das Haus von Tante E., wo das von Frau H., bei der ich manchmal Kakao er­hielt? Wie heißt der Turm, auf den ich am liebsten bei je­dem Ausflug gestiegen wäre? Der Schmerz in meiner Brust ver­stärkte sich. Ich bin in Jägerndorf, ich sehe viele vertraute Gebäude, auch wenn sie sich in einem ver­fallenen Zustand be­finden, aber ich muß mit meinen Empfin­dun­gen und Gefühlen, mit meinen Erinnerungen und Fragen alleine fertig werden. Es gibt niemanden, der mit mir gemeinsam die Stätten der Kind­heit aufsuchen, mir Auskunft und Erklärungen ge­ben kann. Vor mei­nem geistigen Auge tauchen die Gesichter mei­ner Eltern auf. Ich sehe ihre glänzenden Augen, ihre Be­wegt­heit, wenn sie von Jägerndorf und den vergangenen schönen Zeiten dort spra­chen. In meiner Phantasie stehen die Eltern neben mir, doch die Realität holt mich schnell wieder ein. Ich bin hier, und nicht sie, deren Wunsch es war, einmal noch nach Jägerndorf zurück­kehren zu können.

Ich hatte die Stadt viel größer in Erinnerung, das wurde mir jetzt be­wußt. Diese Größenvorstellung hängt sicher damit zu­sam­men, daß ich damals selbst noch klein, also keine 11 Jahre alt war. Der Weg von der Troppauer Brücke bis zum Bahnhof ist mir seinerzeit immer unend­lich lang, die Häuser wesentlich hö­her er­schienen. Diese Erkenntnis schmälert jedoch nicht die Ein­stellung zu meiner Geburtsstadt Jägern­dorf, den Ort, an dem ich meine Kindheit, und mag sie auch noch so bescheiden ge­we­sen sein, verbracht habe.

Und diese Stätten meiner Kindheit wollte ich wiedersehen. Ob­zwar Jahrzehnte vergangen sind und sich vieles, auch an der Straßen­füh­rung, verändert hat, versuchte ich, mich an Wege und Ge­bäude zu erirn. Doch nicht nur Kindheits­erinne­run­gen wur­den wach. Offen­sichtlich hatte ich vieles, was sich nach dem Krie­­ge ereignet hatte, verdrängt. Erst hier, am Ort des Ge­sche­hens, ließ mein Unterbewußt­sein wieder einiges von dem an die Oberfläche, was jahrzehntelang verschüttet geblieben war. Auf dem Weg zum und vom Burg­berg kam die Er­inne­­rung, daß ich vor 47 Jahren hier oben im Burg­berg­lager am Stachel­draht­­­zaun gestan­den und mich ge­fragt habe, ob ich diesen glän­zenden Rat­haus­turm wohl jemals wie­dersehen würde. Fast glaubte ich, die Melodie des Liedes „Heimat deine Sterne“, das die beiden jungen Frauen am Vor­abend unserer Aussiedlung sangen, zu hören. Der Aussichts­turm, vor dem ich nun stand, übte nach wie vor den alten Reiz auf mich aus. Ich mußte hinauf, auch wenn - was ich schon fast als dis­kri­mi­nierend empfand - der Eintrittspreis für Deutsche doppelt so hoch ist wie der für Tschechen. Beim Anblick der Jubi­läums­schule, deren Fassade, Türen und Fenster sich in einem erbärm­li­chen Zustand befinden, dachte ich an meinen ersten Schultag im Jahre 1941. Später besuchte ich die Mädchen­schule im Park. Selbst­­­ver­ständ­lich versäumte ich nicht, auch diese Ge­bäu­de auf­zu­suchen. Was hätte ich beruflich und all­gemein im Leben nicht alles erreichen können, wäre es mir vergönnt gewe­sen, meine so vorbildlich begonnene Schul­aus­bildung hier abschlie­ßen zu können. In einem anderen Schul­gebäude nahe des Fried­hofes be­fand sich seinerzeit die Turn­halle, in der ich das sogenannte „Freiturnen“ ausüben durf­te. Turnen gehörte schon immer zu mei­nen Lieblings­beschäfti­gungen, und so ließ ich an meinem gei­stigen Auge Geräte und Übungen an mir vorüber­ziehen.


Der Stadtpark selbst hat nicht mehr die seinerzeitige Ausdeh­nung, es fehlen die weitläufigen Blumenanlagen. Er war früher auch wesent­lich gepflegter. Das mag wohl unter anderem auf die Tatsache zurück­zuführen sein, daß zur damaligen Zeit die „Park­wächter“ für Ordnung und Sauberkeit sorgten. Wir Kinder wag­ten nicht, auch nur einen Fuß vom Wege ab in den Rasen zu setzen. Die Wächter waren allgegen­wärtig und sie flößten uns Respekt, manchmal auch Angst ein. Nicht selten mußte ein Kind, welches sich nicht gebührlich aufgeführt oder einen Fetzen Papier auf die Erde geworfen hatte, eine Ohrfeige ein­stecken. Da half auch keine Beschwerde im Elternhaus. Allen­falls hatte man noch die andere Wange hinzuhalten. Der Park­wäch­ter genoß den Ruf einer Autorität, der man gehorchte.Mit Tränen in den Augen setzte ich meinen „Spaziergang durch die Kindheit“ fort. Obwohl ich immer wieder versuchte, die in mir wüh­lenden Gefühle in geordnete Bahnen zu lenken, ge­lang es mir nicht. Erinnerungen, Wehmut, Trauer, Schmerz, Wut und Freude - dies alles in Einklang zu bringen, um offenen Auges und in neu­traler Betrach­tungsweise meinen Weg fort­zu­setzen, war nicht möglich.Ich hoffte, ein wenig inneren Frieden auf dem Friedhof zu finden. An den Baulichkeiten am Eingang hat sich nichts ver­ändert. Obwohl ich fast sicher war, die Ruhestätte meiner Groß­mutter nicht mehr vorzufinden, suchte ich dennoch danach. Wie oft hatte ich früher das kleine in den weißen Stein ein­ge­las­sene Bild­chen betrachtet, da meine Großmutter schon sehr früh ge­stor­ben war und ich kaum noch eine Vorstellung von ihrem Aus­sehen hatte. Auch meine Suche nach Fragmenten von Stei­nen an den Rändern des Friedhofes blieb erfolglos. Der Besuch des Friedhofs hatte mir jedenfalls keine innere Ruhe verschafft. Auf­gewühlt wie vor­her betrat ich wiederum den Park.

Der nächste Weg führte mich in die Anzengrubergasse zu dem Haus, aus dem wir damals so brutal herausgerissen worden waren. Schon als ich mich dem Haus näherte, stellte ich fest, daß das vor­mals gut gepflegte Umfeld fehlte. Der Garten ist ver­­wildert, der herrliche Zedernbaum und die Büsche vor dem Haus sind nicht mehr vorhan­den. Das Gebäude selbst, früher ein­mal hellgrau ge­tüncht, zeigt sich schmutzig dunkel.
Da stand ich nun, wieder einmal weinend - das war mittler­wei­le ein Dauerzustand geworden - und schickte meine Gedan­ken hinter die Eingangstür, die Treppen hinauf zu unserer Woh­nung. Mein Gefühl sagte mir, daß sich dort oben noch unse­re Mö­bel und Ein­richtungsge­genstände befinden könnten. Meine Eltern hat­ten sich seiner­zeit gerade neu eingerichtet. Im Geiste sah ich die Bilder an den Wänden, meinen Puppenwagen in der Ecke, das Stühlchen neben dem Kachelofen. Sehnsüchtig such­ten mei­ne Augen eine Bewe­gung hinter den Fenster­scheiben. Lan­ge hatte ich mit mir gerun­gen, doch jetzt war ich ent­schlossen, an der Tür zu läuten. Auch ohne Sprachkenntnisse wollte ich ver­suchen, mich verständlich zu machen, zu erken­nen geben, daß ich nichts haben, sondern nur noch einmal sehen möchte. Es zerriß mir fast das Herz. Da stand ich nun vor dem Haus, in dem sich unser Eigen­tum befand, das jetzt fremde Menschen für sich in Anspruch genom­men haben.

Offensichtlich stand ich zu lange vor dem Gebäude, denn mittler­weile wurde ich argwöhnisch von Gesichtern auf der gegen­über­lie­genden Stra­ßenseite betrachtet. Diese Blicke verhießen nichts Gutes. Es ver­ließ mich der Mut. Wäre ich der tsche­chischen Spra­che mächtig, hätte die­ser Versuch des Wiedersehens unserer Räu­me einen anderen Aus­gang genommen. So aber blieb mir nichts anderes übrig, als, innerlich aus­gebrannt und enttäuscht, den Rück­weg anzutreten. Und ich wußte, hier in diesem Haus, im ersten Stock, sind all die Dinge zurückge­blieben, die sich meine Eltern vom Munde abgespart hatten, auf die sie stolz waren. Dort oben hatte ich während der strengen Winter am Mor­gen immer ein Loch in die mit Eisblumen bedeckten Fen­ster­­scheiben ge­haucht, von dort hatte ich die Vögelchen im Ze­dern­baum beob­ach­tet. Hier war ich lesenderweise mit mei­nen Märchenbüchern gesessen, die alle zurückgeblieben sind. An diesem Fenster war ich gestanden, als mein Vater, einen alten Kinderwagen vor sich herschiebend, vom Krieg zurück­kehrte. Es tat weh, sehr weh, als ich den Rück­­weg Rich­tung Park an­trat. Der Schmerz um all das Ver­lo­re­ne bezieht sich keineswegs nur auf materielle Güter - wäh­rend des Krieges und danach verlief das Leben ohnehin be­schei­den. Nein, ich habe ein Stück Kindheit, ein Stück Leben ver­loren. Das kann durch Geld nicht aufgewogen werden.

Am nächsten Tag setzte ich meinen traurigen Gang durch die Ver­­gangenheit fort. Der jüdische Friedhof vor der Stadt stand auf meinem Plan. Das Gräberfeld war etwas verwahrlost, aber die Grab­steine mit deutschen Inschriften sind erhalten geblieben. Die Synagoge, an der ich später vorbeikam, die während der Nazizeit frevelhafterweise als Ge­müse- und Fischhalle mißbraucht worden war, dient nun­mehr einem anderen Zweck.
Der Anblick der Troppauer Brücke rief mir das seinerzeit hier in der Nähe befindliche Troppauer Lager in Erinnerung. Welch qualvolle Zeit hatten wir hier verbracht, welch Hunger gelitten, wieviele sind auf die­sem Stück Erde eines gewaltsamen Todes gestorben. Es war mir, als hörte ich noch die Schreie der geprügelten und mißhan­delten Menschen, die Sirene, die zum Absingen des Deutsch­land­liedes aufrief. Ich sah mich in der Reihe der Wartenden stehen, hoffend, diesmal ein Stückchen Brot zu erhalten. In jenem Augen­blick, also 47 Jahre später, wünschte ich mir, meiner Mut­ter wenigstens etwas von dem zurückgeben zu können, was sie sich damals schwer erarbeitet, vom Munde abgespart und uns abends ins La­ger mitgebracht hatte. Der Tod hat eine Mauer zwi­schen Wunsch und Tat errichtet. Aber nicht nur das Bild meiner Mutter stand mir vor Augen. Unwillkürlich kratzte ich an mei­nen Händen, auf mei­nem Kopf. Sogar die Ungezieferplage war mir im Gedächtnis haften geblieben und machte sich jetzt körperlich wieder bemerkbar.

Ich lenkte meine Schritte wieder Richtung Rathaus. In diesem Um­feld hat sich so viel verändert, daß es schwerfiel, mir Wege und Gäß­chen vorzustellen. Auch wenn ich immer wieder auf die leere Fläche des Minoritenplatzes starrte, die ehemals be­stehende Häuserzeile nahm keine Gestalt in meiner Erinnerung an. Wo waren die Gebäude des Heider-Bäckers, der Kondito­reien Dorant und Stein, wo der kleine Bach an der Ecke, das Gäßchen, welches zum Eislaufplatz führte? Nichts davon ist vorhanden geblieben. Gerade an diesen Stätten hatte ich die ersten Jahre meiner Kind­heit verbracht, hier spielte ich mit herumliegenden Gänse- und Hühnerfedern, die mir als Pinsel zum Malen dienten. Hier hatte ich meine Löcher gegraben, um bunte Kügelchen hineinzu­schie­ben, hier ließ ich auf ebener Erde meinen Kreisel tanzen und spielen. Und im Winter verbrachte ich viele Stunden auf dem Eis­laufplatz. Auch diesen Platz gibt es nicht mehr.

Sehnsüchtig hatte ich damals immer auf die weißen Schlitt­schuhe der kleinen Kunstläuferinnen geschaut, die ihre Achter in­ner­halb der abgesperrten Fläche fuhren. Ich hatte geübt und geübt, um irgendwann einmal ebenfalls mit weißen Schuhen brillieren zu können. Diesen Wunsch hatte ich meiner Mutter gegenüber immer wieder vorgebracht, obwohl ich ihre Antwort be­reits kannte: „Do wirste noch a bißle worten missen. Wenn de dann ai der Schule a scheenes Zeignis kriegst, reden ma noch amol driber.“
Ein kleines Geldstück hatte ich damals immer von meiner Mutter be­kom­­men, das ich stolz der „Anziehfrau“ überreichte - so wurde sie von den Kindern genannt - um mir beim An- und Ausziehen helfen lassen zu können. Meist hatte ich nach dem Laufen dermaßen erfrorene Hände, daß ich trotz der wohlig warmen Tempe­ratur, die im Holzpavillon herrschte, nicht in der Lage war, einen Knopf zu öffnen oder zu schließen, geschweige denn Schlittschuhe aufzubinden. So durfte ich mich auf die Holzbank setzen und bedienen lassen.
Dieser einstmals so stark frequentierte Eislaufplatz gleicht heute einer Schutthalde. Der Pavillon ist erhalten geblieben und dient der Jugend als Diskothek. Ich empfinde den Verlust die­ses Eislauf­platzes als schmerzhaft, prägte er doch das Jägern­dorfer Stadt­bild mit, und erfreute Läufer und Zuschauer, die sich an den Künsten und Unge­schicklichkeiten der Menschen auf dem Eis ergötzten, gleicher­maßen. Die ganz Kleinen saßen immer dick vermummt, die Händchen zusätz­lich in einem Muff versteckt, in kunstvoll geschmie­deten, von ihren Eltern gescho­be­nen Kufen­stühlen. Die Anfänger, zu denen auch ich einmal gehörte, hielten sich an Holzgestellen fest. Ich höre noch die Stimme meiner Mutter: „Nimmder a Ritsche, doß de nie hin­fliegst“. An Publikum fehlte es nie. Besonders an Sonntagen war das Holz­geländer ober­halb des Platzes belagert.

Natürlich gab es auch weniger schöne Kindheitserinnerun­gen,­ die mit Örtlichkeiten verbunden waren, deren Anblick mir früher immer Angst einflößte. Dazu gehörte auch das Gaswerk. Nun befand ich mich auf einem Spaziergang durch die Ver­gan­gen­­heit, und der Weg führte mich, am Krankenkassengebäude vorbei, Richtung Gaswerk. Hierher hatte mich meine Mutter fast täglich gebracht, als ich am Keuchhusten zu ersticken drohte. Ich mußte jeweils eine hal­be Stunde in einem der Räume des Werkes still sitzen und die Gasluft einatmen. Es war unheimlich, so ganz allein in die­ser großen Halle zwischen all den Rohren und Kesseln eine mir sehr lang vorkommende Zeit ver­bringen zu müssen. Mutter war­tete jeweils draußen. Nur weni­ge Male hatte ich das Glück, noch ein anderes Kind auf dieser Bank sitzend vorzu­finden. Ich fühlte mich dann sicherer. Durch diese Therapie sollte der Keuch­­husten gemildert, wenn nicht gar geheilt werden. Irgend­wann hatte ich diese Hustenanfälle auch über­wunden. Ob es wirk­lich der gasge­schwängerten Luft zu ver­danken war, mag da­hin­gestellt bleiben. Gerne kam ich hier nicht her.
Anders verhielt es sich mit der eisernen Eisenbahnbrücke, die ich am liebsten jeden Tag aufgesucht hätte. Der Weg dorthin und dar­über hinweg gehörte mit zu unseren sonntäglichen Standard­aus­flügen. Als ich diese Brücke nach so vielen Jahren wieder sah, traten mir aber­mals die Tränen in die Augen. Wie glücklich war ich als Kind, wenn ich, oben auf der Brücke stehend, von einem darunter hinwegfahren­den Zug vom Dampf der Lokomo­tive ein­gehüllt und somit für meine unten warten­den Eltern un­sicht­bar wurde. Auf diesen Moment hatte ich mich schon immer im voraus gefreut. Nach über 40 Jahren bestieg ich nun wieder diese Brücke, deren Aussehen fast unverändert geblie­ben ist. Sie er­schien mir nur wesentlich niedriger als ich sie in Erinnerung hatte. Ich stand oben und wartete unwillkürlich auf die Dampf­lo­ko­motive. Es kam keine - es wird nie wieder eine kommen. Kein Rauch, kein Dampf wird mich mehr einhüllen. Und die Ge­sich­ter meiner Eltern, die mir immer zulachten, sobald ich wieder in ihr Blickfeld trat, wer­de ich auch nicht mehr sehen.

Auf dem Rückweg zur Stadtmitte suchte ich den dicken höl­zer­nen Wasserturm, durch dessen Astlöcher ich so gerne ins Innere geschaut und die Tropfen gezählt habe. Er ist weg. Eben­so wie die Zeit der Kindheit unwiderruflich vorbei ist, existieren auch viele Gebäude und in meiner Erinnerung verhaftete Land­schafts­bilder nicht mehr. So bescheiden und ärmlich unsere Kindheit auch gewesen sein mag, wir haben nichts vermißt und waren glücklich.

Wiedergefunden habe ich dagegen das Gebäude auf dem Masaryk­platz, in dem wir zuletzt wohnten und in dem sich das Elektrogeschäft des Herrn Slovácek befand. Nunmehr liegen andere Artikel in den Schaufenstern. Der Anblick dieses Hauses weckte gute und schlechte Erinnerungen. Zu diesen Erinnerun­gen gehört die Tatsache, daß sich in diesem Haus, eingemauert im obersten Stockwerk, die „Schätze“ meines Vaters befinden, die er sich irgendwann wieder holen wollte, wäre er nach Jägern­dorf zurückgekehrt. Das Gebäude mit seinem Flachdach und der Balustrade ist unverändert, wenn­gleich auch hier der Zahn der Zeit an Fassade, Fensterrahmen und Haustür genagt hat. Man hat nicht viel getan, um die Bausubstanz dieses Hauses zu erhal­ten, aber es ist - im Gegen­satz zu vielen anderen - „anschaubar“ ge­blie­ben. Unschlüssig trat ich an die Haustür. Sie war unver­schlos­sen. Es reizte mich, das Treppenhaus zu betreten und nach oben zu gehen. Doch welche Erklärung hätte ich abgeben wol­len, wäre ich ange­sprochen worden? Welche Konsequenzen hätte eine Be­geg­nung mit einem Hausbewohner für mich, eine Deutsche, ge­habt? Und wie sollte ich mich verständlich machen, ohne die Sprache zu sprechen?

Lange habe ich mit mir gekämpft, ehe ich mich ent­schloß, im Trep­penhaus herumzuschleichen. Ich gelangte bis ins ober­ste Stock­­­werk. Dort entdeckte ich auch den Eingang zum Flach­­dach, al­ler­dings hat man diesen Hausraum als Abstell­kam­mer mit ein­be­­zogen. Ich befand mich inmitten von Schuhen, Spiel­­sachen und Ge­rümpel. Nun wagte ich es nicht mehr, weiter zu forschen. Ob es den Taubenstall als Aufbau auf dem Flach­dach noch gibt, konn­te ich nicht herausfinden. Mein Herz klopf­te zum Zer­sprin­gen. Zum einen war es die Erregung, so nahe an den von meinem Va­ter eingemauerten Gegenständen zu sein, zum ande­ren war es die Angst, von jemandem gesehen zu wer­den. Schließlich­ befand ich mich in einem fremden Gebäude inmitten von Gegenständen, die nun anderen Menschen gehören.

Während ich hier stand, unfähig, mich zu bewegen, hörte ich Schrit­te. Eine Frau kam die Treppe herauf. Zunächst war ich vor Schreck wie ge­lähmt. Doch dann stieg ich die Treppe hinun­ter, schwei­gend an der Frau vor­bei, die mich miß­trauisch und fragend an­blickte. In diesem Mo­ment hatte ich nur den Wunsch, schnell aus dem Haus zu kom­men. Aufatmend erreichte ich die Straße. Ob sich unser Eigen­tum noch dort oben befindet, ob es je jemand ans Tages­licht bringen wird, diese Frage bleibt unbeantwortet. In meinem In­ne­ren jedoch brodelte es.

Beim Anblick dieses Hauses dachte ich mit Dankbarkeit an den sei­nerzeitigen Arbeitgeber meines Vaters, Herrn Slovácek, der uns, die Familie, aus dem Troppauer Lager herausgeholt hatte und der meinen Vater als Mitarbeiter nicht verlieren wollte.

Das ausgestellte Zeugnis, welches – um eigene Schwierigkeiten zu vermeiden – vorsichtig formuliert ist, ent­hält nur wenig von dem, was meinem Vater an Lob und guten Wünschen zu­teil wur­de. Mehrmals hatte Herr Slovácek meinen Vater ge­be­ten, seine Ent­scheidung zu überdenken. Oft hatte er ihm nahe­gelegt, die tsche­chische Staatsbürgerschaft anzunehmen und in Jägerndorf zu bleiben. Doch meine Eltern waren Deutsche und wollten es auch bleiben, ebenso wie ihre Vorfahren. Vater hatte nicht die Absicht, ein Leben lang in einem Radiogeschäft zu arbeiten. Er strebte eine Lauf­bahn als Beamter an. Dank seiner Kenntnisse und Fähig­kei­ten konnte er diesen Wunsch bei der Post verwirklichen.

An dieser Stelle möchte ich eine Einfügung anbringen, die mei­ne Schilderung der Wiedersehenserlebnisse in Jägerndorf unter­bricht. Die Erinnerung an das korrekte und menschliche Verhalten des Herrn Slovácek unserer Familie gegenüber weckte in mir den Wunsch, Kontakt zu seinen Kindern aufzunehmen, die in etwa dem gleichen Alter sind wie mein Bruder und ich. Mit Unter­stüt­zung tschechischer Bekannter konnte ich die Adressen der Toch­ter und des Sohnes vom mittlerweile verstorbenen Herrn Slovácek aus­findig machen. Ich hatte das Bedürfnis, meinen Dank aus­zu­spre­chen. Nachfolgend der Wortlaut des an die Slovácek-Tochter ge­richteten Briefes. Ein ähnlicher Text ging auch an den Sohn:

„Sehr geehrte Frau Dr. K...,
dank der Hilfe des jungen Journalisten Pavel S. aus Jägerndorf habe ich endlich Ihre Anschrift erfahren.
Pavel teilte mir mit, daß Ihr Mann gut deutsch spricht, so daß es sicher keine Probleme mit der Verständigung geben wird. Er sagte mir auch, daß er Ihnen die tschechische Übersetzung mei­nes Büchleins „50 Jahre nach der Vertreibung“ übersandt hat. Die tschechische Ausgabe ist etwas komprimiert, also nicht ganz so ausführlich wie mein deutscher Text.
Doch nicht mein Büchlein ist der Grund dafür, daß ich mit Ihnen in Kontakt treten wollte. Es ist mir ein Anliegen, einfach „danke“ zu sagen für all das, was Ihr Vater für uns getan hat.
Leider ist es nicht mehr möglich, meinen Dank Ihrem Vater ge­gen­über persönlich auszusprechen. Ebenso wie meine Eltern mitt­ler­weile tot sind, lebt auch Ihr Vater nicht mehr. Ich habe er­fahren, daß er am 30.10.1965, Ihre Mutter am 13.3.1988 in Jägerndorf/Krnov verstorben ist.
Sie sind etwa so alt wie ich und erinnern sich vielleicht nicht mehr an Ihre Kinderzeit in Jägerndorf. Ihren Bruder Jiri, geboren 1941, habe ich nur ein- oder zweimal gesehen. Sie selbst besuch­ten uns jedoch in der Wohnung des Hauses Masarykplatz, in dem Ihr Vater das Elektrogeschäft besaß. Ihr Besuch bei uns ist mir gut in Erinnerung geblieben. Ich besaß ein großes Puppenhaus mit mehreren Zimmern. Mein Vater, Elektriker, hatte in alle Zim­mer dieses Puppenhauses kleine Lampen gehängt. In der Dun­kel­heit konnte man durch die Fensterchen des Puppenhauses die be­leuch­teten Puppen-Zimmer sehen. Während ich von anderen Kin­dern immer geschlagen wurde, haben Sie - und Sie sind ja auch Tschechin - mit mir gespielt. Das war für mich etwas Besonderes: Ein tschechisches Mädchen spielt mir mir!!

Ihr Vater hat sich unserer Familie gegenüber immer sehr auf­ge­schlos­sen gezeigt. Wenn meine Eltern Sorgen hatten, gleich wel­cher Art, konnten sie zu Ihrem Vater gehen. Er hat immer gehol­fen, was in der damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit war. Ihr Vater, Josef Slovácek, geboren im Jahr 1904, war etwas älter als mein Vater. Vielleicht hatte er deshalb so viel Verständnis für uns, weil er selbst zwei Kinder hatte und sich in die Lage von Eltern versetzen konnte, die nicht wußten, wie sie ihre Kinder sattbekommen sollten.
Wie Sie wissen, gab es im Jahre 1946 für uns Deutsche keine Zu­kunft in unserer sudetendeutschen Heimat. Das wußte auch Ihr Va­ter, und deshalb hat er meinen Vater nicht gezwungen, in Jä­gern­dorf bzw. in seinem Geschäft zu bleiben. Viele andere Ihrer Lands­leute ließen deutsche Fachkräfte nicht aus dem Lande. Der Ab­schied von Jägerndorf, aber auch von Ihrem Vater, ist meinen Eltern damals nicht leichtgefallen. Auch Ihr Vater hat es sehr be­dauert, einen so guten Facharbeiter, wie meinen Vater, verlieren zu müssen.

Wie Sie vielleicht in meinem Büchlein gelesen haben, war der An­laß für diesen Bericht mein Wiedersehen mit meiner Geburtsstadt nach 47 Jahren. Als ich das Haus am Masarykplatz, in dem Ihr Va­ter das Elektrogeschäft betrieb, sah, fiel mir meine Kindheit wieder ein. Das Elektrogeschäft gibt es nicht mehr. Jetzt werden an­dere Artikel verkauft. Aber allein der Anblick dieses Hauses rief viele Erinnerungen wach und es war mein großer Wunsch, mit Ihnen in Verbindung zu treten und Ihnen zu danken, nachdem ich Ihrem Vater jetzt nicht mehr danken kann. Würden meine Eltern noch leben, dann wäre es ihnen ebenso ein Anliegen, Ihnen zu sagen, wie sehr wir Ihren Vater geschätzt haben.

Ich hoffe sehr, daß Sie mir nicht böse sind, daß ich Ihre Familie in meinem Büchlein erwähnt habe. Alles, woran ich mich erin­nerte, habe ich in diesem Bericht niedergeschrieben. Leider sind meine Erinnerungen überwiegend negativer Art mit Ausnahme der Zeit, in der mein Vater bei Ihrem Vater arbeitete. Deshalb wollte ich auch diesen für uns positiven Zeitraum mit erwähnen.

Mit allen guten Wünschen für Sie und Ihre Familie verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen“

Auf meine Briefe, die nicht als unzustellbar zurückgeschickt wur­den und folglich die Empfänger erreichten, erhielt ich keine Ant­wort, was mich sehr enttäuschte. Will oder darf Frau K., die Toch­ter Slováceks, heute Juristin, keinen Kontakt mit Deutschen ha­ben? Schämt sie sich der deutschfreundlichen Haltung ihres Va­ters? Die Gründe für dieses Verhalten werde ich niemals erfah­ren.

Das Wiedersehen mit Jägerndorf hat neben einer gewissen Freu­de viele Erinnerungen wachgerufen, aber auch alte Wun­den auf­­gerissen. Auf Schritt und Tritt wurde ich von der Vergangen­heit eingeholt. Meine Kindheit wurde mir vor Augen geführt, eine Zeit in Beschei­denheit, wie man sie heute keinem Kind mehr zu­muten würde. Ich habe damals nichts vermißt, ich kannte es nicht anders. Schmerzlicher dagegen war die Zeit nach dem Kriege, die schreck­lichen Monate in den Lagern, die erlittenen De­mütigungen durch die Tschechen, der Hunger, die Not.

Ich befand mich nun in meinem Jägerndorf, in meiner Ge­burts­­stadt, deren heutige Bewohner mir feindlich gesinnt sind und de­nen ich we­der als Kind, noch später etwas zuleide getan habe. Wie­derum liefen Tränen über mein Gesicht, der in mei­nem Inne­ren tobende Schmerz ist nicht zu beschreiben. Alles, was wir be­saßen, haben wir verloren, wurde uns brutal weg­ge­nommen: Un­se­re unbeschwerte Kindheit und Jugend, unsere Zu­kunfts­träume, vor allem aber unsere wunderschöne sudeten­deutsche Heimat mit ihren Hügeln, Wäldern, Bergen, Bächen und Seen. Geblieben ist die Erinnerung, verbunden mit der Frage, wie unser Leben ohne ver­lorenen Krieg verlaufen wäre. Sicher wären wir - wie unsere Vor­fahren - in der Heimat geblieben. Unsere persön­lich ge­steckten Ziele hätten wir wahrscheinlich er­reicht. Viel Leid wäre uns erspart geblieben. Und unser in jeder Hin­sicht blühendes Land hätte einen weite­ren Aufschwung genommen. Viele Felder lä­gen nicht brach, die Häuserfassaden wären nicht abge­bröckelt, große Bauwerke stün­den noch heute in ihrer vollen Pracht da und wür­den Zeug­nis geben vom Fleiß und der Heimatliebe meiner Landsleute.

Die Tschechen haben sich zwar unseres Hab und Guts be­mäch­tigt, es aber nicht in Ehren gehalten und gepflegt.

Ich möchte nicht versäumen, an dieser Stelle einige Zeilen aus „Kulturelle Arbeitshefte Nr. 16 - Die Sudetendeutschen. Eine Volks­gruppe im Herzen Europas“, herausgegeben von der Bun­des­­zentrale für politische Bildung, Bonn, anzuführen:

„Die Sudetendeutschen haben - und hatten in ihrer Ge­schich­te - immer Anteil an der europäischen Kultur. Ihre kulturel­len Lei­stun­­gen waren geprägt durch den Geist des Zusam­men­lebens mit dem tschechischen Volk in Böhmen und Mähren; sie waren ein­gebettet in die Kulturleistungen des deutschen Volkes über­haupt.
So können die Sudetendeutschen auf eine große geistig-kultu­relle Vergangenheit zurückblicken. Vom Minne­ge­sang ange­fan­gen - der böhmische König Wenzel II. (1278 - 1305) dichtete in deut­scher Sprache - über die Gestal­tung der neu­hoch­deutschen Schrif­t­­spra­che, die sich im ‘Ackermann aus Böhmen (1400)’ wider­spie­gelt, bis in die neueste Zeit haben Sudetendeutsche auf allen Gebieten ihren großen Beitrag zur deutschen und zur Welt­kultur geleistet.“
Das nachstehende Gedicht eines unbekannten Verfassers soll ver­­deut­lichen, in welch seelischer Verfassung und innerer Zer­ris­sen­heit sich die Menschen nach der Vertreibung befanden. Die­ser „Aufschrei“ muß unmittelbar nach der Vertreibung - viel­leicht im Jahre 1946 - entstanden sein, also in einer Zeit, in der die Seele schmerzte und die Wunden noch bluteten. Hierin hat der Autor all seine Gefühle zum Ausdruck gebracht: den Schmerz, die Ent­täu­schung, den Zorn und die Verbitterung. Gleich­­­zeitig erhebt er aber schonungslos Anklage gegen die Ver­treiber. Und dennoch räumt er auch der Hoffnung auf eine Wiederkehr Raum ein. Trotz all der Schreie seiner Seele, die in die­sem Gedicht zum Ausdruck kommen, betont er:
„Nicht Ver­gel­tung und nicht Rache sei sudeten­deutsche Sache.“


Sudetendeutscher Schwur

Hebt die Hände, laßt uns schwören,
und der Herrgott soll es hören!


Niemals wollen wir vergessen,
was Urväter schon besessen:
Uns'rer Heimat blum'ge Auen,
die nun fremde Augen schauen.
Uns're Fluren, uns're Felder,
uns're Wiesen, uns're Wälder,
uns're Burgen, uns're Schlösser,
uns'res Landes heilende Wässer.
Bächlein nicht, nicht Fluß noch Berge,
uns're Wiegen, uns're Särge,
uns're Häuser, uns're Stuben,
uns geraubt von Lotterbuben.
Sagen nicht, nicht Heimatweisen,
die Sudetenschönheit preisen.
Nicht die Tänze, nicht die Reigen,
uns Sudetendeutschen eigen!

Hebt die Hände, laßt uns schwören,
Freund und Feinde soll'n es hören!


Woll'n des Rechts uns nie begeben
auf die Heimat, wollen streben,
sie uns wieder zu erwerben
für uns selbst und uns're Erben.
Um sie wieder zu erringen,
woll'n wir jedes Opfer bringen.
Nein, wir wollen nie vergessen,
was in Ehren wir besessen.
Nein, wir wollen nicht auf Erden
Knechte in der Fremde werden.
Nein, wir wollen nicht belasten
die, selbst arm, dem Brot nachhasten.
Nein, wir woll'n sie nicht berauben
um den eig'nen Zukunftsglauben!

Hebt die Hände, laßt uns schwören,
Erd' und Himmel soll'n es hören!


Herr, wir flehen, bitten beten.
Steh' uns bei in uns'ren Nöten!
Herrgott laß uns nicht verzagen.
Hilf das schwere Kreuz uns tragen.
Stärke Glauben uns und Hoffen,
halt das Tor zur Heimat offen!
Lenker aller Welten, rette
uns're Dörfer, uns're Städte
aus den Händen der Tyrannen,
die auf unser Ende sannen.
Die, brutal, in Staatesnamen
unseren Besitz sich nahmen.
Die Gewaltgesetze schrieben,
und uns aus der Heimat trieben.
Die durch Blut und Tränen schritten,
die verlachten alle Bitten
um ein menschliches Erbarmen.
Die die Mütter aus den Armen
ihrer Kinder hohnvoll rissen,
wehrten letzten Abschiedsküssen.
Die in endeloser Kette
stahl'n und raubten um die Wette,
die die Herzen uns zertraten
als wir sie um Schonung baten.
Uns zu Greuelfilmen jagten,
Eintrittsgeld zu nehmen wagten.
Die uns „Judenkarten“ gaben,
uns mit „N“ gezeichnet haben,
die für keinen Gnade kannten,
uns nur deutsche Schweine nannten.
Räuberbanden, die vermessen
auf den lieben Gott vergessen,
uns're Priester selbst nicht schonten,
die in Kohlengruben frohnten,
die die Seelen uns gestohlen,
als sie „Heim ins Reich“ befohlen,
hungernd uns in Lager stießen,
wo die Kräfte uns verließen,
wo's vor Ungeziefer strotzte,
wo man mit den Flinten protzte,
die uns anspien, peitschten, schlugen,
nahmen, was am Leib wir trugen.
Hunderttausend ließen sterben
und am Straßenrand verderben.
Die, gleich Teufeln, über Leichen
schritten, ohne zu erbleichen.
Alle, die den Freitod suchten,
ihren Mördern letztmals fluchten.
Alle, deren Blut vergossen,
bleiben uns're Weggenossen.
Alle, die in Not gestorben,
die, der Heimat fern, verdorben,
die erlitten Marterqualen,
Legion sind ihre Zahlen:
Alle bleiben unvergessen -
Wehe, wird die Schuld gemessen.

Hebt die Hände, laßt uns schwören,
jeder Tscheche soll es hören!


Keiner von Euch hat gesprochen
für uns in den Leidenswochen!
Mag man auch die Welt betrügen,
uns're Heimat straft sie Lügen!
All die namenlosen Gräber
bleiben Anklageerheber.
All die Grüfte unserer Lieben,
die in Heimaterde blieben.
Uns're Kirchen und Matriken
trotzen allen Feindestücken.
Sprechen deutlicher als Taten,
wer gelogen, wer verraten.
Daß wir Herrn auf Grund und Boden,
den Urväter mußten roden.
Daß wir dort seit ew'gen Zeiten
leben und das Brot bereiten.
So kann nie die Welt vergessen,
daß im Land wir erbgesessen.

Hebt die Hände, laßt uns schwören,
einmal muß die Welt es hören!


Dort, wo uns're Berge winken,
wo die heim'schen Wasser blinken.
Dort, wo uns're Ahnen liegen,
Steine sprechen, die nicht trügen,
liegt die Heimat, uns zu eigen
in der Schönheit buntem Reigen,
die uns ruft mit bangem Sehnen,
wo als Sklaven Deutsche stöhnen,
die für fremde Völker fröhnen,
die mit Hunger ihnen lohnen.
Doch es wird die Stunde schlagen,
wo man rufend uns wird sagen:
Kehrt zurück zum heim'schen Herde,
Euch verlangt die Heimaterde.
Müßt sie wieder Euch erringen,
jedes Opfer für sie bringen.
Dürft nicht wägen, dürft nicht zagen,
gilt es selbst, das Leben wagen!

Hebt die Hände, laßt uns schwören.
Unser muß die Heimat werden!

Rechten woll'n wir nicht, nicht richten.
Woll'n in Frieden alles schlichten.
Gönnt die Freiheit uns und Frieden,
jedem Volk zum Glück beschieden.
Nicht Vergeltung und nicht Rache
sei sudetendeutsche Sache.

Wir woll’n niemanden vertreiben,
doch was Recht ist, muß Recht bleiben!
Woll'n Gerechtigkeit nur haben,
nicht an fremdem Leid uns laben.
Wenn daheim wir wieder schaffen,
werden bald wir uns erraffen.
Aufbau'n, was sie uns zerstörten
und bereu'n als die Betörten.
Tief woll'n wir den Nacken beugen.
Ehre Gott dem Herrn bezeugen.
Durch die weite Welt soll klingen
unser Dank und Lobliedsingen.
Und der Eid, den wir gesprochen,
wird im Tod selbst nicht gebrochen!

So wahr uns Gott helfe!


Schlußbemerkungen

Mit zunehmendem Alter rücken die Erinnerungen an ver­gan­ge­ne Zeiten und an die Kindheit immer mehr ins Bewußt­sein. Doch nicht diese Tatsache war der Grund dafür, daß ich meine Er­leb­nisse, insbe­son­dere die in den Jägerndorfer La­gern, zu Pa­pier bringen wollte.
Ausschlaggebend war das Wiedersehen mit meiner Geburts­stadt Jägerndorf nach 47 Jahren. Erst, als ich nach so langer Zeit die Stätten meiner Kindheit wieder erblickte, tauchten neben Kind­heitserinne­rungen auch die bisher offensichtlich ins Unter­be­wußtsein verdrängten schrecklichen Erlebnisse in den Lagern aus jener Zeit wieder auf. Beim Anblick der einen oder anderen Stra­ße, eines bestimmten Ge­bäudes oder Platzes, standen plötz­lich wieder Bilder der Angst und des Schreckens vor meinem gei­stigen Auge. Ich durchlebte noch einmal die Zeit des Hun­gers, der Vertreibung, des ärmlichen Wieder­anfangs in der neu­en Heimat. Die Vergangenheit hatte mich eingeholt.
Da ich von mir selbst und meinem Leben berichte, ließen sich ge­­wisse Emotionen nicht vermeiden. Während ich meine Erleb­nis­se zu Papier brachte, konnte ich mich immer mehr in meine Kind­heit und in die damalige Zeit zurückversetzen. Ich war ein Kind wie jedes andere, mit bescheidenen Wünschen und Träu­men, aber auch mit Gefühlen und Verstand. Meine junge Seele war nicht minder belastet als die der Erwach­senen, wenn es dar­um ging, Schläge und Demütigungen hin­nehmen, Hunger und Not erleiden zu müssen.
Doch nicht nur triste Bilder drängten sich mir auf. In Gedan­ken kehrte ich zurück in die Tage meiner frühesten Kindheit, in eine von Bescheidenheit, zum Teil aber auch während der Vor- und Nach­kriegs­wirren durch Not geprägten Zeit, und unwill­kür­­lich verglich ich das Leben der heutigen Jugend mit dem mei­nen von damals. Ich bin in keiner Wohl­standsgesellschaft auf­gewachsen, dennoch hatten sowohl meine Eltern, deren Stamm­­baum im Jägern­dorfer Raum bis in das Jahr 1690 zurück­ver­folgt werden kann, als auch ich Zukunftspläne, die mit Si­cher­heit verwirklicht worden wären, hätten wir in unserer Heimat bleiben können.

Es soll noch einmal betont werden: Nicht den materiellen Gü­tern trauere ich nach, sondern dem wunderschönen Land, das ein­­mal meine Heimat war und meine Zukunft werden sollte. Es tut weh, heute verwahr­loste Städte und Dörfer sehen zu müs­sen, da, wo unsere Vorfahren über Jahrhunderte hinweg dank ihrer Hände Arbeit einen fruchtbaren Acker und eine blühende In­dustrie ge­schaffen hatten. Daß unser Sudetenland auch auf wis­senschaft­lichem und kulturellem Gebiet einen hohen Stan­dard besaß, schei­nen die heutigen Bewohner, die uns Sude­ten­deutschen gegen­über immer noch mit Abneigung, um nicht Haß zu sagen, begegnen, nicht mehr wissen zu wollen. Wir, die dort im Osten tiefe Wur­zeln geschlagen hatten, hätten all diesen Reich­tum und unser Kulturerbe noch vermehrt.

Wenn man - wie ich - Lagerleben und Vertreibung hinter sich, den Verlust der Heimat erlitten hat, und der Zukunfts­chancen be­raubt worden ist, dann fällt es schwer, Verständnis für die Men­schen, ob deutschstämmige oder Ausländer, und deren An­sprü­che aufzubringen, die heute frei­willig in die Bundes­republik strömen. Wir haben damals keine Forde­rungen hin­sicht­lich Un­ter­kunft bzw. Wohnungs­größe, sanitä­rer Einrich­tun­gen, neuer Klei­dung, angemessener Ver­pfle­gung, finan­zieller Unterstützung etc. ge­stellt. Wir waren froh und glücklich, ein Dach über dem Kopf und ein Stück Brot in der Hand zu haben. Das Bemühen unserer Eltern galt damals als erstes der Arbeitsuche. Wir wollten keine Almosen, sondern wieder auf eigenen Füßen stehen.
Wir, die wirklich Vertriebenen, waren dankbar und beschei­den. Zuviel hatten wir erdulden und erleiden müssen. Zunächst hat­ten wir eine Heimat gefunden, aber die Hoffnung auf eine Rück­kehr in unser Sudetenland wollten wir nicht so schnell auf­ge­ben. Das Leben ist anders verlaufen als wir es uns vorgestellt hatten. Die Hoffnung auf eine Rückkehr schwand von Jahr zu Jahr. Alles wurde uns genommen, doch das Bild der Heimat, welches wir in unseren Herzen tragen, kann uns niemand ent­reißen.

Eleonora Schwella
Karlsruhe, Dezember 1996
(Die im November 2003 herausgegebene 5. Auflage enthält einige Ergänzungen. Auf die veränderte politische Lage in der Tschechei, die mittlerweile erfolgten Renovierungs- und Wiederherstellungsarbeiten in verschiedenen Orten bin ich nicht eingegangen).

Anhang: Zur Geschichte der Stadt Jägerndorf

Jägerndorf liegt am Zusam­men­­lauf der Flüsse Oppa und Gold­oppa, zu Füßen von Hanselberg und Burgberg, den letzten Aus­läu­fern des Niederen Gesenkes. Aufgrund archäologi­scher Funde konn­te bewiesen werden, daß der Ort schon vor 30.000 Jahren, also bereits ab der älteren Steinzeit, ständig besiedelt war.
Das Entstehungsdatum Jägerndorfs läßt sich nicht eindeutig be­­stimmen. Am Orte einer slawischen Siedlung (Gebietsbe­zeich­­nung Kyrnow) wurde Jägerndorf zwischen 1240 und 1253 ge­gründet. Neben der - unmittelbar nach der deutschen Besied­lung erschei­nen­den - Bezeichnung „Jegerdorf“ findet sich im Mittel­alter auch der latini­sierte Name Carnovia.
Der Bereich unserer engeren Heimat gehörte zunächst zum Groß­­­mäh­ri­schen Reich, später zum böhmischen Königtum der Přemysliden. Im Jahre 1377 entstand das Jägerndorfer Herzog­tum, dem neben dem Stadt­umland auch weite Gebiete nördlich und nord­östlich der Stadt angehörten. Hussitenkriege, der krie­ge­rische Einfall des ungarischen Königs Corvinus (1474) und ande­re Aus­einandersetzungen verursach­ten dem Land erheb­li­chen Schaden. Der allgemeine Aufschwung setzte erst wieder mit der Regierungs­zeit des Markgrafen Georg von Ansbach-Brandenburg ab 1523 ein.
Auch der Dreißigjährige Krieg hinterließ seine Spuren in Stadt und Land. Weitere schwere Verluste erlitt Jägerndorf durch die Kriege von König Friedrich II. gegen Maria Theresia. Be­reits der erste Krieg hatte zur Folge, daß der fruchtbarste Teil Schlesiens, als „Garten“ bezeich­net, an Preußen fiel, während der „Zaun“, also das schmale Altvater­gebiet, bei Österreich verblieb.
Nach dem Ersten Schlesischen Krieg wurde Jägerndorf Grenz­stadt (1742) und blieb dies mit Ausnahme der Zeit zwi­schen 1938 und 1945 bis heute.
Schon während des Mittelalters war Jägerndorf durch seine hand­­­­erzeugte, später fabrikmäßige Herstellung von Textilien, be­sonders durch das Tuchmachergewerbe, bekannt, was der Stadt den Beinamen „Schlesisches Manchester“ einbrachte. Im 19. Jahr­hun­dert entwickelte sich neben dem Maschinen- auch der Orgel­bau. Rieger-Orgeln gingen in die ganze Welt.
1862 verfügte Jägerndorf bereits über eine Telegraphen­station. 1872 erfolg­te der Ausbau des Eisenbahn­netzes; dadurch war Jägern­dorf, das mittlerweile als moderne Industrie­stadt be­zeichnet werden konnte, mit Olmütz, Troppau und Leobschütz ver­bunden. 1890 gab es den ersten Telephonverkehr. Mit der in­frastruk­tu­rellen und wirtschaftlichen Ent­wicklung wuchs auch die Bevöl­kerungs­dichte der Stadt. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen zählte Jägerndorf ca. 26.000 Ein­woh­ner. Im ge­samten Kreis Jägern­dorf lebten 1939 etwa 65.000 Menschen, davon bis 1938 etwa 2.850 Tschechen (1910: im Kreis Jägerndorf nur 278 Tschechen). Wie die Zahlen be­wei­sen, handelte es sich vor dem Ersten Weltkrieg um eine Stadt mit fast nur deutscher Bevölke­rung.
Jägerndorf war nicht nur eine dicht bevölkerte In­dustriestadt mit der unter allen sudetendeutschen Städten größten Ausdeh­nung, son­dern auch ein Kulturzentrum. Viele bildende Künst­ler, Schrift­stel­ler, Dichter, Musiker und Architekten, deren Bedeu­tung die Grenzen der Stadt und der Region über­schritt, hatten in Jägerndorf ihren Wohn­sitz. Die Tradition der Jägerndorfer Sän­ger­­chöre und Orchester hat sich bis heute erhalten.