Einführung


EinführungEinführung
Tracht kommt von tragen, also hat jede Region zu jeder Zeit ihre Tracht. Jeder trägt also eine Tracht, ohne es zu wissen. Doch versteht man meist eine Kleidung darunter, die einen gewissen Wiedererkennungswert hat. So werden fälschlicherweise nur altertümliche Kleider als Trachten angesehen.

In den stark industrialisierten Gebieten des Altvaterlandes gingen regionale Besonderheiten aber bereits Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Besonders schnell erfolgte dies vermutlich bei den Männern.

Häufig müssen Trachten daher erst „rekonstruiert“ bzw. zusammengestellt werden. Dies macht die rekonstruierten Trachten jedoch nicht weniger wertvoll, war Tracht doch immer ein Spiegel von Veränderungen und Moden.

Schnittmuster für eine erneuerte, sehr schlichte allgemeinschlesische Tracht findet man bei Walther Steller (Trachtenheft, Bundesstelle der Landsmannschaft Schlesien, Bonn 1953). Diese Tracht beruht auf den Ideen Bernhard Wilms, der eine preußisch-riesengebirgische Tracht entwickelte. Wenn diese Tracht zwar nicht geeignet ist die Altvaterregion als solche zu repräsentieren, so spiegelt sie eine sehr lebensnahe und pragmatische Einstellung zur Tracht, die bei der Suche nach einer Altvatertracht Vorbild sein kann. Bernhard Wilm schrieb 1953, „daß eine Tracht nur Leben gewinnen kann, wenn die, die sie tragen sollen, veranlaßt werden können, selbstschöpferisch daran mitzuwirken.“

Die Beschreibung einer eher städtischen Tracht mit Nähvorlagen für Kinder- und Erwachsenentrachten gab Erna Matschek heraus (Die erneuerte schlesische Tracht des Altvaterlandes, Verlagshaus Sudetenland, München 1986). Die folgende Beschreibung ist daran angelehnt:

FRAUENTRACHT:
(Haube mit langem Band / gekreuztes Schultertuch / Schürze / ärmelloser Leibelkittel / Bluse aus Stoff des Leibelkittels)

Eine Haar und Ohren bedeckende Haube. An ihren Rändern ragt weiße Spitze hervor. Sie kann mit Reihen von goldenen Spitzenbändern bedeckt sein. Im Nacken trägt die Haube eine überkopfbreite Schleife, deren Enden bis zu den Kniekehlen reichen. Das Schleifenband ist gemustert und circa drei Finger breit. Ein weißes Schultertuch wird über der Brust gekreuzt. Seine vorderen Spitzen werden unter die Schürze gesteckt. Die Schürze kann auch weiß sein und endet zwei Hand breit über dem Rocksaum. Das Kleid ist ein zweiteiliger Leibelkittel ohne Ärmel. Darunter trägt man eine langärmliche Bluse desselben Stoffes oder eine weiße Bluste mit kurzen Ärmeln.

MÄNNERTRACHT:
(Zylinder / buntes Hutband / Stehkragen / große Seidenschleife / schwarze Kniebundhose / weiße Kniestrümpfe / Schößchenfrack / rotgemustertes Taschentuch / Bruststräußchen mit Seidenbändchen)

Der schwarze Zylinder hat ein farbiges, seidenes Hutband. Es hängt nach hinten über die Krempe auf den Rücken. 
Das weiße Hemd hat einen Stehkragen mit langen Kragenspitzen. Ein Seidenhalstuch – von gleicher Seide wie am Hut – wird zu einer großen Schleife gebunden. Die Enden des Schleifentuchs sind unter die Seidenweste gesteckt. Die schwarze Kniebundhose wird durch eine kleine, z.B. rote Schleife unterm Knie zusammengezogen. Dazu trägt man weiße Kniestrümpfe ohne besonders Muster und schwarze Halbschuhe.
Als „Jacke“ trägt der Herr einen Schößchenfrack. Aus dessen Seitentasche kann ein rotgemustertes Taschentuch hängen. Als Schmuck wird in der Brusttasche ein Blumensträußchen mit langem, schmalem Seidenband getragen, welches bis zum Becken nach unten hängt. Solch ein Sträußchen kann auch hinten ins Zylinderband gesteckt werden.


Die „eine richtige“ Altvaterland-Tracht gibt es nicht. So unterscheidet sich schon die Festtagstracht von der Werktagstracht. Ein Bauer war anders gekleidet als ein Bürger. Verschwand ein Berufszweig, so wurde auch seine Berufstracht vergessen. So z.B. beim Kienrußherumträger um 1860. Auch wechselte die Tracht mit den Jahreszeiten, so wird im Sommer der Troppauer keine Pelzmütze oder Pelzbesatz getragen haben. Im Winter war dies dem Klima der Landschaft jedoch besonders angemessen.

Die Kopfbedeckungen der Weiber waren besonders vielgestaltig und häufig mit langen Nackenbändern geziert. Eine besonders kuriose turmartige Haube findet sich bei der Teßtaler Tracht, die im Flusstal der Teß verbreitet war. Sie kann stellvertretend für die mährischen Trachten der Altvaterregion stehen.

Für die Trachten auch ferner Länder spielte die Altvaterregion in späteren Jahren durch seine Tuchproduktion eine große Rolle. Andersherum haben aber auch die Trachten der Nachbarländer ihren Einfluss gehabt. So findet sich in der Jägerndorfer Heimatstube eine bestickte Tracht, deren Vorbild vielleicht in Niederösterreich zu suchen ist. Junge Frauen und Männer aus der Altvaterregion verdingten sich z.B. als Hausangestellte in Wien. Sie dürften bei ihrer Rückkehr Trachtentraditionen importiert haben. Jedoch mag man sich bei der Trachtenerneuerung der Zwischenkriegszeit auch an den umliegenden Regionen orientiert haben. So wäre es nur natürlich gewesen Oberschlesien ins Auge zu nehmen, war man doch über Jahrhunderte damit verbunden.

Vielleicht können Sie die gebotenen Informationen anregen, sich Ihre eigene Altvatertracht zu entwerfen. Zugesendete Bilder von Trachten aus der Heimatlandschaft Altvater werden auf dieser Seite gerne veröffentlicht.

Als weiterführende Literatur sei empfohlen:
  • Bürger, Friedrich: Verlebendigte Tracht, in: Deutsch-mähr.-schles. Heimat, Vol. 17, März/April 1931, Nr. 3/4 (150/151), Hier lesen: Online-Artikel
  • Ludíviková, Miroslav: Mährische und Schlesische Volkstrachten. Guaschen aus dem Jahre 1814, Landsern 2000
  • Peter, Anton: Volkstümliches aus Österreichisch-Schlesien, Troppau 1873, S. 137-157, Hier lesen: Online-Buch
  • Pawelke, Joserf: Die Leobschützer Tracht, Eschershausen 1990 (Es werden Trachten aus dem grenznahen Polen beschrieben, die so ähnlich auch im schlesischen Altvatergebiet getragen worden sein dürften. Der Bildteil findet sich auf den Seiten 74-111.), Hier lesen: Online-Buch
  • Wilm, Bernhard: Über Tracht und das Saalberghemd; in: Schlesische Heimat-Blätter. Zeitschrift für Schlesische Kultur, Heft 4 / 2. Novemberheft 1910, Hier lesen: Online-Artikel