Historische Hausformen



Das typische Bauernhaus dürfte sich nicht sehr von den einfachen und älteren Bauten der städtischen Randbebauung unterschieden haben. So fand sich in der Stadt Jägerndorf noch 1927 ein letztes Holzhaus. Es zeigte verschiedene verbreitete Merkmale: Erdgeschoss in Blockbauweise, steiles Dach, Brettergiebel, giebelseitiges Flugdach, geringe Dachüberstände, Knick der Dachfläche, fehlender erster Stock und keine Fensterläden.

Die Dachform ergab sich aus der Konstruktionsweise eines Sparrendachs. Diese Bauweise ist sehr materialsparend. Die Balken (hier sogenannte Sparren) werden gegeneinander zu Dreiecken aufgestellt. So stützen sie sich selbst. Die Steilheit verringert den Schub nach außen. Auf eine Giebelwand kann hier als Stütze verzichtet werden, eine Verbretterung reicht. Jedoch muss ohne stabile Giebelwand auch auf einen Kniestock verzichtet werden. Auch fehlt eine Unterlage für Pfetten (= Balken die von Giebelwand zu Giebelwand gelegt werden und ein weites Vordach auf der Giebelseite tragen können). Um auf der Traufseite einen größeren Dachüberstand zu ermöglichen, müssen zusätzliche Balken aufgelegt werden. Dadurch entsteht aber ein Knick in der Dachfläche. Das kleine Flugdach unterhalb des Brettergiebels schützt das Erdgeschoss vor dem Regenwasser, welches der hohe Giebel ohne Schutz eines Vordachs einfängt.

Weinelt (1939) beschreibt für den Kreis Freudenthal eine große Vielfalt von zierenden Brettergiebeln kombiniert meist mit einer Kippwalm oder seltener mit einem vorspringenden Schopfdächlein an der Giebelseite. Wobei er auch feststellt, dass diese Ziergiebel um die Stadt Freudenthal und im Gebiet des Oppertals fehlen. Dies zeigt, dass im Detail schon kleinräumig Unterschiede in der Altvaterregion zu finden waren.
Ob es sich bei den Bohlen der Blockbauweise um Schrotholz (= Bauholz, das vor dem Fällen besonders viel Harz eingelagert hat, weil man Jahre vor dem Fällen die Rinde des Baumes verletzte) handelt, kann nur vermutet werden. Man kennt es von den berühmten schlesischen Schrotholzkirchen, von denen sich drei im Kreis Mährisch Schönberg erhalten haben. Die älteste davon in Groß Ullersdorf wird auf das Jahr 1609 datiert.

Mit einem Foto eines 1754 errichteten Hauses in Markersdorf belegt Weinelt auch das gelegentliche Vorkommen der Umgebindebauweise. Dabei handelt es sich um eine Fachwerkkonstruktion auf „Stelzen“, die einen Blockbau im Erdgeschoss einschließt. Das erwähnte Foto zeigt außerdem, dass man das Holz des Erdgeschosses weiß tünchte. Vermutlich um eine moderne Steinbauweise vorzutäuschen.

Die Fundamente der Häuser wurden auch noch in späteren Jahren aus Naturstein gemauert, um die Häuser vor Bodennässe zu schützen. Mit steigendem Wohlstand wurde das Erdgeschoss aus Ziegel errichtet, mit Lehm verputzt und mit Kalk weiß getüncht. In einem weiteren Schritt folgte eine „Versteinerung“ der Giebelwand in der Industrialisierung. Trotzdem erhielten sich die geringen Dachüberstände. Die Funktion des Flugdachs der Giebelseite übernahm ein gemauertes Gesims. Jedoch blieben die Häuser mehrheitlich einstöckig und oft mit einer Abwalmung versehen. Eine der jüngsten Zutaten dürften gemauerte Zwerchhäuser mit Kreuzdach gewesen sein. Sie waren nicht nur städtisch-repräsentativ, sondern erschlossen die Speicher als Wohnraum.

Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur:
  • Frolec, Václav: Der Grundriß des Bauernhauses in Mähren und Schlesien, in: Sborník prací Filozofické fakulty brněnské univerzity. Studia minora Facultatis philosophicae Universitatis Brunensis F 18, 1974
  • Kinzer, H.: Aus Alt-Jägerndorf. Das letzte Holzhaus am Lerchenzug in Jägerndorf im Jahre 1927, in: Jägerndorfer Ländchen, Nr. 12 Dez. 1929 4. Jhg.
  • Loserth, Lorenz: Hauslandschaften – heute, früher und einst, in: Jägerndorfer Heimatbrief, 73. Jg., Nr. 987, Jan. / Feb. 2021, S. 7-16
  • Weinelt, Herbert: Das Werden der ostmitteldeutschen Kulturlandschaft Freudenthal. Sonderdruck aus „Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung“, III. Jahrgang, Heft 3, Dez. 1939/ 4