Der schlesische Streuselkuchen


Eine schlesische „Kärmiß“ (Kirchweihfest) ohne duftenden Streuselkuchen ist einfach undenkbar. Wenn ein Schlesier das Licht der Welt erblickt, muss die Großmutter Streuselkuchen backen, den man beim Taufschmaus unter Lachen und Scherzen verspeist. Und wenn der Schlesier sein Auge im Tode zugedrückt hat, wenn seine Angehörigen von seinem frischen Grabhügel zurückkehren, der Streuselkuchen darf auch da nicht fehlen, er ist Tröster im Leid, in Gram, er ist Universalheilmittel in allen Schicksalsfällen, für alle Stände und Geschlechter, für jedes Alter und – vielleicht – würde sogar mancher eben verstorbene Schlesier noch einmal die Augen aufschlagen und verklärt sprechen: „galt m’r noch a Bräckla!“, wenn man ihm einen duftenden Streuselkuchen unter die Nase hielte und dabei fragte: „Magst ärnt a Stieckla?“

Über die Entstehung dieses berühmten Gebäcks berichtet uns die Sage:

Als in Schlesien noch sehr viele Wälder waren und die menschlichen Ansiedlungen noch nicht so häufig waren wie jetzt, lebten in einzelnen Gegenden in Gebüschen und im Innern einzelner Anhöhen und Felsenhügeln die sogenannten Venusleute, zwergenhafte Menschengestalten, die gelegentlich auch einzelnen Menschenkindern begegneten und sich diesen oft dienstbar erwiesen. Auch in Friedeberg gab es dereinst solche Venusleute und noch heute kann man am Fuße des Gotteshausberges und in der Nähe der Granitschule die Venussteine, mehrere sitzähnliche Vertiefungen, die „Venusnapla“, von verschiedenen Größen sehen, die ihren Namen daher führen. Auch sollen Venusweiblein und deren weiße Wäsche in dem Strauchwerk daselbst vor Sonnenaufgang öfters gesehen worden sein.

Während sich die Venusmännlein hauptsächlich um die Ordnung und Erhaltung ihres unterirdischen Reiches kümmerten, besorgten die Venusweiblein die Hauswirtschaft und galten als große Meisterinnen in der Kochkunst. Von den Menschen, denen sie ungefähr bis an das Knie reichten, waren sie niemanden mehr zugetan als den reinen Jungfrauen. Kamen sie mit einer solchen einmal zusammen, dann lehrten sie dieselben die Zubereitung verschiedener Speisen, auch wie man giftige Pilze von essbaren unterscheidet, wie man aus verschiedenen Beeren vorzügliche Weine erzeugen kann und vieles andere.

Zu der Zeit, als sich um die Burg Friedeberg Menschen ansiedelten, die an den nahen Berglehnen den Wald lichteten und dort ihre Getreidefelder anlegten, verschwanden auch die Venusleutchen immer mehr von der Erdoberfläche, und nur in der Zeit der sogenannten hl. zwölf Nächte, zwischen Weihnachten und dem Dreikönig, traten sie in größerer Anzahl aus ihren unterirdischen Räumen hervor.

Nun stand bei einem Bauer bei Friedeberg ein gutes und frommes Mädchen im Dienste, das jede Arbeit zur größten Zufriedenheit der Dienstgeber verrichtete. Deshalb ward sie auch von allen geliebt und geschätzt. Diese junge Magd wurde an einem Frühlingstage auf den Weizenacker am Fuße des Gotteshausberges geschickt, damit sie dort das Unkraut jäte. Wie sie so eine Zeit lang über ihrer Arbeit war, hörte sie aus dem Innern des Hügels ein Klirren und Pinken, wie wenn dort jemand Kuchenbleche über einander würfe oder wenigstens mit solchen unvorsichtig umginge.

Die Jungfrau, die schon mancherlei von der Kochkunst der Venusleute gehört hatte, dachte natürlich bei dem seltsamen Geräusch alsbald, dass die Venusweiblein heute über dem Kuchenbacken wären, und unwillkürlich sprach sie so vor sich hin die Bitte: „O ihr geschickten Venusweiblein! Wenn ihr etwa da im Berge Kuchen backt, dann vergesset doch nicht auf mich!“

In ihrer Arbeit ließ sie sich jedoch nicht stören, sondern jätete drauf los bis zur Mittagszeit; da unterbrach sie ihren Dienst, ließ ihr Vortuch am Felde liegen und eilte zum Mittagessen in das nahe Bauernhaus. Nach beendigter Mittagsrast kehrte das Mädchen zu ihrer Feldarbeit zurück, doch ihr Erstaunen und ihre Freude war unbeschreiblich, als sie da auf ihrem Vortuch einen herrlich duftenden Kuchen liegen sah, der eben erst aus dem Backofen gekommen zu sein schien. Doch gar bald wurde ihr alles klar, und gerührt rief sie: „Seid schön bedankt, ihr lieben Venusweiblein! Aber allein ihn essen kann ich nicht; ich will den Kuchen am Abend meiner kranken Mutter bringen, damit sie auch eine Freude über euch habe.“

Und wieder machte sich das Dienstmädchen an ihre Arbeit.

Am Abende hüpfte sie voll freudiger Erregung in das Stüblein ihrer kränklichen Mutter und legte den Leckerbissen auf den Tisch. Der armen Frau war noch nie etwas besseres oder gleichwertiges über die Zunge geglitten als dieser Kuchen, und als sie von dessen Herkunft alles genau erfahren hatte, fand sie nicht genug Worte, um der Weiblein Güte und ihre Meisterschaft im Kochen gebührend zu preisen.

Bei ihrem Dienstgeber erzählte die gute Tochter nichts von dem Vorfall mit den Venusleuten, nicht einmal dem Bauernsohne, der ihr doch seit längerer Zeit schon eine besondere Aufmerksamkeit zeigte, da er sie im Laufe der Monate als eine kreuzbrave und anstellige Seele kennen gelernt hatte, die sich auch als Bäuerin recht gut bewähren müsste. Auch das Mädchen war dem jungen, schmucken Burschen ganz zugetan, allein, da sie sehr arm war, verheimlichte sie ihre Gefühle, um nur ja kein Öl ins Feuer zu gießen. Als aber der Bauernbursche einmal mit seinen reichen Eltern über seine Herzensangelegenheiten sich aussprach, meinten diese, er hätte noch lange Zeit, ernstlich derartige Fragen in Erwägung zu ziehen, und dem braven Mädchen ward in Kürze der Dienst gekündigt.

Traurig wanderte das Dienstmädchen aus dem Hoftor der Bauernwirtschaft. Ihrer Mutter konnte sie nicht zur Last fallen. Es blieb kein anderer Ausweg, als um einen neuen Dienstort sich umzusehen. So ging sie denn mit einem kleinen Bündel am Gotteshausberge vorbei, gerade dort, wo ihr im Frühjahr der saftige Kuchen geschenkt worden war.

Der Schnee lag ziemlich hoch auf den Feldern und Bäumen, da es in der Zeit der zwölf Nächte war. Plötzlich stockte der Jungfrau Fuß, denn sie vermerkte, wie aus einer kleinen Erdöffnung winzige Männlein hervorkrochen – eins, zwei, drei, – viele, alle mit runzliger Stirne und ziemlich langem Barte.

Vorsichtig spähten sie umher und erschauten das Mägdelein.

„Wohin des Weges?“ fragte einer der kleinen Wichte mit etwas heiserer Stimme.

„Weiß selber nicht“, entgegnete die Angeredete. „Ich bin auf der Suche nach einem Dienstorte.“

Auf diese Antwort hin umringten die zahlreichen Kobolde freudig die Jungfrau und luden sie ein, in ihre Bergwohnung mitzugehen und in den Dienst der dort weilenden Frauen zu treten.

Das Mädchen willigte gerne ein, krabbelte mit Mühe durch die Erdöffnung in das Venusreich und stand bald vor einer großen Schar kleiner Weiblein, die in einem feenhaft erleuchteten Saale allerhand Kurzweile trieben.

Beim Anblick des neu angekommenen Gastes schlugen die Venusweiblein so vergnügt in die Hände und verrieten eine derartig ungeheuchelte Freude, dass die Jungfrau bald ihre natürliche Scheu und Befangenheit aufgab und sich recht wohl und heimisch fühlte.

In kurzen Zeit wurde die Jungfrau in mancherlei Geheimnisse des unterirdischen Lebens eingeführt, ließ sich von den Weiblein alles genau erklären und zeigen, guckte hier und dort manches ab und ehe zwei Monate vergangen waren, verstand sie den Streuselkuchen ebenso schmackhaft und fein zu backen wie ihre Lehrmeisterinnen.

Nun hielt es sie nicht länger in dem Berge. Es zog sie heim zu ihrem Mütterlein, und deshalb entwich sie heimlich aus dem Venusreich.

Mittlerweile waren die letzten Tage der Faschingszeit gekommen. In allen Häusern wurden Kuchen über Kuchen gebacken, so gut und so schlecht, wie’s eben jede einzelne schlesische Kochkünstlerin damals konnte. Auch die einstige Bauernmagd bereitete bei ihrem Mütterchen einen so ausgezeichneten Kuchen, dass alle, die davon im Orte kosteten, voll des Staunens und des Lobes waren. Bald redete es sich herum, welch große Fertigkeit das Mädchen im Kuchenbacken besäße. Auch der reiche Bauer hörte davon, und er hatte nichts Eiligeres zu tun, als mit seiner Frau bei seiner früheren Dienerin vorzusprechen und um eine Kostprobe zu bitten.

Als er den vorgelegten Kuchenteil gegessen hatte, schnaltzte er befriedigt mit der Zunge, schlug mit der derben Faust auf den Tisch und rief: „Sanktus eins!“, das war nämlich allemal der Ausdruck seiner höchsten Zufriedenheit.

Die Bäuerin redete zwar nichts, schlug auch nicht auf den Tisch, sondern ließ sich den Kuchen in aller Stille schmecken. Endlich stieß sie ihren Mann mit dem Ellenbogen in die Seite und flüsterte: „Du, wenn das Mädel solche Kuchen backen kann, dann könnten wir sie vielleicht doch als Schwiegertochter brauchen, trotz ihrer Armut.“

Der Bauer zwinkerte seiner Frau mit den Augen zu, dass er mit ihrem Plane ganz einverstanden sei, ließ auf der Stelle seinen Sohn herbeiholen, und teile ihm mit, dass er gar nichts dagegen habe, wenn er jetzt sein ehemaliges Bräutchen als Schwiegertochter heimführte.

Der junge Bauernsohn stutzte ob der plötzlichen und unerklärlichen Gesinnungsänderung. Er zupfte ein wenig an seiner Joppe herum und sagte mit einem schelmischen Lächeln: „Vater! sagtet ihr nicht vor einigen Monden, ich hätte noch lange Zeit, über derlei ernste Sachen nachzudenken?“

„Na, natürlich“, entgegnete der Alte, „aber heute bist du ja schon ein gutes Vierteljahr älter“.

„Nun, wenn das so ist, ich habe nichts dagegen“, erwiderte der hochglückliche Bauernbursche und zog die freudestrahlende Jungfrau an sich. Das arme Dienstmädchen wurde eine reiche und glückliche Bäuerin. Sie brauchte sich nicht mehr zu plagen und zu sorgen.

Mochten ihr auch mehrere Mägde und Knechte als Hilfskräfte zur Seite stehen, eines ließ sie sich nicht aus der Hand nehmen: das Backen des Streuselkuchens; denn dies verstand auch niemand so gut wie sie.

Im Laufe der Jahre aber verbreitete sich das Rezept des Streuselkuchens in Friedeberg immer mehr und mehr und wurde im Laufe der Jahrhunderte Gemeingut fast des ganzen Schlesierlandes.



Lizenz zum Bilde:

Von SchiDD, Zulova-Marienkirchejpg. unter CC BY.SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode (bearbeitet durch Abpausen von Lorenz Loserth unter CC-BY 4.0)